Der Antilärm-Verein

Der Antilärm-Verein.


Theodor Lessings Kampf gegen die Geräusche des modernen Lebens

    Man kann die Augen vor dem Abstoßenden verschließen, aber beim Lärm hilft kein Ohrenanlegen. Wenn der Nachbar seine Multimedia-Plasma-3D-BluRay-Ensemble bis in die Frühe laufen läßt, tagüber U-Bahnbauer, Hand- und Heimwerker Krach veranstalten, ist jeder gefangen im geschäftigen Bienenkorb der analogen und digitalen Lärmgesellschaft.

    Nach 1900 setzte ein internationaler Kampf gegen die Sozialseuche Lärm ein, gründeten empfindsame Bürger eine Liga gegen krankmachende Geräusche des modernen Lebens. In Hannover war es der Philosoph Theodor Lessing, der 1908 als Protagonist dieser Bewegung ein Büro einrichtete und das Vereinorgan redigiert, dessen barocker Titel den Ernst und den Humor des ganzen Unternehmens widerspiegelt: ›Der Anti-Rüpel. Recht auf Stille. Monatsblätter zum Kampf gegen Lärm, Rohheit und Unkultur im deutschen Wirtschafts-, Handels- und Verkehrsleben‹.

    In der öffentlichen Diskussion um die Ziele des Antilärmvereins überwog der hämische Spott über die Zimperlichkeiten bürgerlicher Mittelschichten, auch die damals bestehende Arbeiterpartei, die SPD, blieb taub gegenüber den Warnungen, den feinsten Sinn des menschlichen Körpers, das Ohr, zu schützen vor dem neu aufgekommenen Industrie- und Verkehrslärm.

    Die Klagen gegen Pferdegeklapper und Räderasseln, gegen teppichklopfende Hausfrauen, Drehorgelmänner, plärrende Zeitungsjungen und peitschende Fuhrleute verhallten oft ungehört; Automobile und Flugzeuge beherrschten das Straßen- und Luftbild des wilhelminischen Kaiserreichs noch nicht. Dennoch saß der Schock der neuen Lärmquellen den meisten in den Gliedern. So versuchten die Antilärmvereine (mit über 1000 Mitgliedern, die meisten davon wohnten in Berlin, Hannover, München und Frankfurt am Main) auch den Fabrik- und Bürolärm zu bekämpfen, doch lag der sozialreformerische Schwerpunkt im öffentlichen Bereiche.

    So führte man Pflasterlisten der lautesten Straßen, regte Ruhezonen um Schulen, Krankenhäuser und Wohngebiete an, machte praktische Vorschläge zur Eindämmung von Straßengeräuschen und erreichte es, daß der der Technischen Hochschule Hannover Experimente zur Schalldämpfung begannen. Ein Reichsgesetz gegen Lärm kam nicht zustande, dafür wurden Polizei und Justiz häufig beschäftigt. Ungewöhnliches Zukunftsgespür bewies das Göttinger Ordnungsamt, als es 1920 das »Auspuffen der Automobile in der Stadt« untersagte.

    Das Kling-Klang-Gloria vom August 1914 (dem Beginn des Ersten Weltkriegs) ließ keinen  Zweifel darüber aufkommen, wohin der große Lärm ziehen würde. »Unsere Sache kam noch zu früh, wird sich aber immer wieder melden. Morgen schon werden Millionen unter den Verkehrsformen leiden, die heute nur die Qual einiger Hundert sind« schrieb Theodor Lessing und fügte hinzu, daß bald auch der letzte Urwald vomn Dampf-Pfeifenton großer Räumungsmaschinen durchzogen sein würde.

    Das ist heute banale Realität geworden. Der Antilärmverein aber hat mit phantasievollen Mitteln, die manchmal inspiriert waren vom besten angelsächsischen Humor, manches von dem intuitiv vorweggenommen, worunter die Gesellschaften auf der ganzen Welt heute leiden. Sein rührigster Anwalt, Theodor Lessing, prägte den Satz: »Ruhe ist vornehm«, und meinte damit die Herstellung freundlicher, ziviler Umgangsformen. Sein Wort in Gottes Ohr.


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In den beiden Bänden ›Kultur und Nerven‹. Kleine Schriften 1908–1909 (Wallstein Verlag) werden erstmals sämtliche Texte zum Lärm und zum Antilärm-Verein kommentiert vorliegen. Erscheinungstermin voraussichtlich Ende 2014.