Philosophie als Tat

Philosophie im Internet.


Philosophie gehört nicht ins Internet. Will man dennoch in aller Kürze zu sagen versuchen, woraus Theodor Lessings Philosophie sich zusammensetzt, so sind dies zwei Dinge: Er hat es verstanden, seine Lebensgeschichte in eine Philosophie umzuwandeln und sie im Kampf gegen die Weltnot einzusetzen. Und er hat die vielen Fluchtwege und Notausgänge ausführlich beschrieben, die die Menschen aufsuchen, um aus dem Welttheater der Geschichte herauszukommen.

    Seine ›Philosophie der Not‹ bewegt sich außerhalb der reinen Geistesgeschichte, da die Grundwörter ›Not. Schmerz. Leiden.‹ keine begrifflichen Ideen sind, sondern aus den historischen Notzuständen selbst entwickelt wurden. Er dachte sich kein metaphysisches am Schreibtisch aus, er war philosophischer Wanderer in Sachen Philosophie und Not.

    Das Bestechende seiner Philosophie besteht darin, daß niemand den Begriff der Not durch einen anderen zu überbieten vermag, weil die Bedürfnisse und Sehnsüchte der menschlichen Gesellschaft selbst in ihr zum Aus Ausdruck kommen. Sei es die ökonomische Not eines Arbeitslosen (und sein seelischer Schmerz dazu), sei es das körperliche Leiden eines Kranken, sei es insgesamt die Not in allen vorstellbaren Gestalten: alle diese Variationen sind zurückführbar auf die Hinfälligkeit der menschlichen Gattung. Um den Entbehrungen und plagenden Sorgen, dem Drangsal des Daseins, auszuweichen, hat man das Weltheater erfunden. In ihm wird entdeckt und konstruiert, gelebt und moralisiert, bilden sich Tugend und Terror ebenso wie Kunst, Religion, Politik und Sprache. Das sind die Notausgänge des Elends und des Mangels, sie erhalten das tägliche Leben mit ihren Besänftigungen und Verheißungen, Triumphen und Heucheleien.

    Die Redensart seiner Großmutter, es könne einem im Leben alles nur einmal passieren, hat Lessing auf die Wiederholungsveranstaltungen der Weltgeschichte übertragen: Einmal (und nie wieder) erlebe man das Theater improvisierter Lebendigkeit mit den wechselnden Uniformen, Togen und Talaren, wobei die goldenen Worte der historischen Persönlichkeiten nur der Rollentext schlecht geschriebener Stücke seien. Hinter ihm verberge sich der immer gleiche Machtwille und die Skrupellosigkeit der Herrschaft.

    Die meisten Menschen merken erst gegen Ende der Vorstellung, welchen Zweck das Welttheater hat. Da es ihnen nie langweilig wurde, zuzusehen und zu erdulden, was man ihnen zumutete (gelegentliche Pfiffe inbegriffen), verfehlen sie ihren Lebenssinn und Auftritt. Als Mißbrauchte und Geschundene treten sie ab. Die Gewalt der imponierenden Kostüme, Masken und Symbole hat sie in ihrem Widerstandswillen gelähmt.

    Weltnot und Welttheater sind in der Geschichte stets Zwillingsgrößen gewesen. Für die deutsche Geschichte bedeutete dies: Unter Wilhelm II. sah das Kaiserreich aus wie ein überbesetztes Schauspiel mit politischen Dilettanten in großzügig betreßter Garderobe; die Weimarer Republik konnte sich auf kein festes Ensemble einigen, wankte zwisdchen Komödie und Tragödie, bis die ›Demokratie‹ (nie eine besonders geschätzte Lebens- und Umgangsform) vom Spielplan gestrichen wurde; der Staatsstreich vom 30. Januar 1933 bescherte den Deutschen die schaurigste Schmiere, die kein Theaterkritiker mehr treffend zu rezensieren vermag, ohne dadurch den Terror zu verharmlosen.

    Die Farce eines nationalen Sozialismus, ein hölzernes Eisen, wie Lessing hervorhebt, war erfolgreich, da es gelang, an die Massenphantasie zu appelieren mit Mut einflößenden Trugbildern und Geschichten. Beim Kampf um die Machtverteilung reichen der rationale Verstand, Logik und Vernunft, nicht aus, obzwar die Machtlosen darin ihr wichtigstes Instrument haben. Wer hingegen über die Macht der Bilder verügt, besitzt fast schon die ganze Macht. Er schaltet und waltet über den Sinn der Geschichte.

    Politische Aufklärung muß es dem Adressaten erleichtern, das Gemeinte zu begreifen, aber muß es ihm auch erschweren, denn die Bilder sprechen eine vieldeutige Sprache. Theodor Lessings Philosophie der historischen Symbole zeigt, daß im Theater der Geschichte die menschlichen Hoffnungen sich ans Anschauliche und zugleich Entrückte heften, an Figuren, die Illusionen wecken und zuletzt Erwartungen enttäuschen müssen. Aus der Seligkeit des Moments, eines berückenden Gesichts taucht manchmal unversehens das Grauen hervor.

    Gegenüber dem Feierlichen und Geschwollenen müsse man mißtrauisch sein, hinterher komme es doch immer anders, als die gesalbten Phrasen versprechen. Als Gegengift bietet sich die Lessings gesamte Philosophie speichernde Weltformel an: »Wahr und glaubwürdig an dieser Komödie der Geschichte ist nichts als die Not, das Leiden und der Schmerz!« Wer diesen Leitsatz beherzigt, wird weniger schnell für dumm verkaufen lassen.

    Aber aus Not wird Geschichte, und die historischen Rollenträger spielen mit der Theatralik der Macht. Damit ist nicht gesagt: Alles ist ohnehin Betrug, Schwindel, Schein und Affenzirkus; wohl aber wird von Lessing die zurücklehnende Position des Theaterkritikers empfohlen. Indem man die politische Bühne und ihre Chargen aus der Distanz begutachtet, gewinnt man ein neues Verhältnis zur Wirklichkeit. Denn das Welttheater ist eine fürchterliche Realität, kein Abendvergnügen. Und der Eintrittspreis ist hoch, die Logenplätze ständig besetzt, mitunter kostet es das Leben.

    Philosophie gehört ins Internet. Wiewohl Theodor Lessing den präzisen Sinn von Theater und Geschichte, Mythos und Wirklichkeit in nicht jedem gleich eingängigen Erörterungen auf den Begriff gebracht hat, verschmähte er die allgemeine Verständlichkeit keineswegs. Für die Philosophie gäbe es keinen Stoff, der an und für sich wichtiger wäre als ein anderer. Von jedem Punkt der Erfahrung aus könne man in die Untergründe des Lebens hinabsteigen. Sinnfällige Erlebnisse und die wiederkehrenden tausend konkreten Kleinigkeiten seien es wert, bildgesättigt aufgezeichnet zu werden.

    Würde er eine längere Abhandlung schreiben, so Lessing, erreiche er bestenfalls drei Professoren, die ihm gönnernd auf die Schultern klopfen (oder auch nicht); sage er aber etwas in zugänglicher, zuständlicher Form, in einem knappen philosophischen Feuilleton, dann übersetze er Gedanken in Situationen. Vielleicht schneide ihn die hübsche Alma von nebenan aus der Zeitung und stecke ihn, sein Feuilleton, in ihren Strumpf. Und läge er da nicht wärmer als im kalten Gruftgewölbe der Staatsbibliothek?

    Die Strümpfe der Alma halten nicht ewig, und auch sie verblüht einmal. Ob Strumpf, ob Bibliothek: Theodor Lessings Werk gehört in die Hände heutiger Leser. Dazu müßte nachgerade mehr geschehen als der immer sehr hoch angesetzte Ton ehrenden Angedenkens, ein moralisch selbstverständliches, gleichwohl kostenfreies Unternehmen. Solange die Stadt Hannover, die Universität und private Mäzene und Sponsoren sich nicht bereit finden, eine wissenschaftliche Ausgabe der gesammelten Schriften Theodor Lessings zu finanzieren, bleibt die Wiedergutmachung des an ihm begangenen Unrechts eine leere Geste.

     Diese Website zeigt: Theodor Lessing schreibt eine deutliche und klare Sprache, er ist ein großartiger philosophischer Schriftsteller, und nun kann man ihn endlich täglich im Rahmen einer Daily App lesen, in kleiner Dosierung und zeitsparend, wie es sich für Texte im Internet denn auch gehört. Es ist kein ›Zitat des Tages‹, wie man es häufig auf Webseiten und in U-Bahnstationen sieht, isolierte bildungsbürgerliche Restbestände. Hier wird eine Philosophie im Zusammenhang geboten.