Überfallartig kommen nach der Hetze der vergangenen Wochen […] die ›heiligen Tage‹, Karfreitag bis Ostermontag – jetzt aber hat alles zu. […] Sie müssen durchkommen, ehe der volle Osterverkehr einsetzt. […] Ein langes Wochenende liegt vor der Familie, gefüllt mit ›Freiheit im Sinne von Freizeit‹. […] »Nichts fließt‹. Man muß den Ostersamstag vorübergehen lassen. […] Ihn haben die zusammengeklotzten vier Feiertage überrumpelt. So hat er sich »prophylaktisch« erst einmal volllaufen lassen. […] Zu Ostern nützt das alles nichts. Ohne den Grundstrom der allgemeinen Produktion, beginnt er wieder viel Fernsehen anzusehen. […] An diesem Ostersonntag fällt die Produktion aus […], seine Freundin kann nicht zur Arbeit gehen, weil der Stein vor dem Grabe Jesu plötzlich fort ist. […] »Der Grund, warum wir alle feiern, ist doch das Kreuz.« […] »Wenn die Produktion stillsteht, nehmen die Unglücke zu.« […] Am Ostersonnabend merkte er, daß er unvorbereitet in die toten Tage geraten war. […] Er hat eine graphische Darstellung hergestellt, wie Ostern durch ein Gegenostern ersetzt werden könnte, das nicht vom verschollenen Herrn Jesus, sondern von wirklichen »Sinnzusammenhängen unserer Zeit« ausgeht. […] Er kommt zu einem Bezugssystem (»feiernswert«) mit 46 Koordinaten. So müßte man feiern. […] Straßen und Autobahnen sind voller Fahrzeuge. Die Einsamkeit dieser Tage ist Folge dieser »Blockade«. 

Alexander Kluge: Die Ostertage 1971. In: ders.: Lernprozesse mit tödlichem Ausgang, Frankfurt/M. 1973, 68–82