Das tägliche Pensum: der Theodor Lessing-Blog

Hier wird alles glossiert, was in dieser Welt als wichtig erscheint oder manchmal auch nur so scheint. Ausgangspunkt dieser Kommentare wird, aber nicht immer, ein Zitat aus Theodor Lessings Gesamtwerk sein.

Der Name des Blogs ist dem 1930 erschienen Roman ›Fabian. Geschichte eines Moralisten‹ (ursprünglich: Der Gang vor die Hunde) von Erich Kästner entnommen. Gleich zu Anfang heißt es da: »Fabian saß in einem Café namens Spalteholz und las die Schlagzeilen der Abendblätter: Englisches Luftschiff explodiert über Beauvais, Strychnin lagert neben Linsen, Neunjähriges Mädchen aus dem Fenster gesprungen, Abermals erfolglose Ministerpräsidentenwahl, Der Mord im Lainzer Tiergarten, Skandal im städtischen Beschaffungsamt, Die künstliche Stimme in der Westentasche, Ruhrkohlenabsatz läßt nach, Die Geschenke für Reichsbahndirektor Neumann, Elefanten auf dem Bürgersteig, Nervosität an den Kaffeemärkten, Skandal um Clara Bow, Bevorstehender Streik von 140 000 Metallarbeitern, Verbrecherdrama in Chikago, Verhandlungen in Moskau über das Holzdumping, Starhembergjäger rebellieren. Das tägliche Pensum. Nichts Besonderes.«

Es ist nicht schwer, diese längst wieder vergessenen Nachrichten durch die täglich neuen Nachrichten zu ersetzen und sich zu fragen, welchen Nutzen sie für unser tägliches Leben haben. Neben Haupt- und Staatsaktionen gibt es immer wieder die kleinen Nachrichten, die sich wie die großen wiederholen und die Banalität des menschlichen Lebens abspiegeln.

Während wir täglich unser Pensum an Nachrichten aus aller Welt absolvieren, heißt das nicht, daß hier täglich auf diese Nachrichten reagiert werden wird. In den Pausen kann man sich stattdessen auf das Lesen von Büchern konzentrieren.

Oskar Negt (1934–2024). Eine kurze Erinnerung

Im Dezember 1972 kaufte ich mir einen gerade erschienenen Band der ›edition suhrkamp‹, ein Gemeinschaftswerk mit dem Titel ›Öffentlichkeit und Erfahrung. Zur Organisationsanalyse von bürgerlicher und proletarischer Öffentlichkeit‹. Die beiden Autoren, Oskar Negt und Alexander Kluge, zogen darin eine soziologische Bilanz der Vorgänge, die mit dem Jahr ›1968‹ in Zusammenhang stehen. Zugleich war es eine Fortschreibung des Buches ›Strukturwandel der Öffentlichkeit‹ von Jürgen Habermas. Wer das eine Buch las, las irgendwann auch das andere. Das Wort ›proletarisch‹ wurde schon damals als ein gewagtes Wort empfunden, insofern als man damals schon sich fragte, ob es so etwas wie das Proletariat überhaupt noch gab. Natürlich gab es das und gibt es auch noch heute, nur hat man sich angewöhnt, andere Namen, Ersatzbezeichungen, dafür zu erfinden. Mein Entschluß, mich in Hannover zu immatrikulieren, wurde durch das Buch von Negt/Kluge (wie man das Duo bald nannte), beeinflußt, denn Oskar Negt war seit kurzem von Frankfurt am Main nach Hannover gezogen, um dort als Professor für Soziologie zu lehren. Ich ging in keines seiner Seminare, aber von seinem Vorlesungszyklus ›Kant, Hegel, Marx, Freud‹ habe ich keine Vorlesung ausgelassen. Es war auch eine Zirkus-Veranstaltung. In der vordersten Reihe saßen Studentinnen, die nicht unbedingt gerade erst ihr Abitur gemacht hatten, aber auch noch weit davon entfernt waren, Seniorenstudentinnen zu sein. Alle hatten sie etwas gemeinsam: Tonbandgeräte und große Mikrophone im Gepäck. Beides wurde von ihnen auf dem Tisch gleich vor dem Vorlesungspult vor Beginn der Vorlesung aufgebaut. Das waren die Negt-Groupies, wie manche hinter vorgehaltener Hand sie damals nannten. Es reichte eben nicht, wie das Generationen von Studenten vorher getan hatten, das gesprochene Wort mitzuschreiben, nein, alles mußte auf einem Tonband mitgeschnitten werden. So konnte man zuhause in aller Ruhe einige der Passagen nachhören oder denjenigen, die aus welchen Gründen immer nicht anwesend sein konnten, das Privileg gewähren, nachträglich noch Teilnehmer an diesem akademischen Ereignis zu werden. Es gab an der Fakultät V Mitte der siebziger Jahre auch andere Vorlesungen, aber in keiner anderen wurden Tonaufnahmen gemacht. Wenn man von weit oben in dem großen Vorlesungssaal nach unten schaute, auf die Front mit den Tonband-Studentinnen, sah es immer so aus, als ob gleich eine wichtige Pressekonferenz bevorstand. Und es war ja auch wichtig, was Oskar Negt zu sagen hatte. Stets begann er mit sehr leiser Stimme zu sprechen, und das mit Absicht, weil er wohl wußte, daß man nur so die Aufmerksamkeit der Zuhörer gewinnen würde. Auch die feinsten Ohren konnten noch so sehr versuchen, sich auf die Stimme zu konzentrieren, es war am Anfang unmöglich, zu verstehen, was vorne gerade gesagt wurde. Ein Mantra, ein om-om-om hätte vermutlich den gleichen Zweck erfüllt. War dann aber Ruhe im Saal eingekehrt, konnte man deutlich hören, wie Negt ostpreußelte, nicht zu stark, aber doch erkennbar, und das lag nur daran, daß er in Königsberg geboren war und den dortigen Tonfall als Kind angenommen hatte. Da der Zyklus mit Kant begann, kaufte ich mir natürlich die drei großen Kritiken, die ›Kritik der reinen Vernunft‹, die ›Kritik der praktischen Vernunft‹ und die ›Kritik der Urteilskraft‹. Während der ersten beiden Semester 1974/75 wohnte ich noch in Celle bei meinen Eltern, und mußte täglich mit der Eisenbahn nach Hannover fahren. Stets hatte ich dann einen Band Kant dabei und so las ich dann im Zug in der stilistisch schwierigen ›Kritik der reinen Vernunft‹, während um mich herum Leute vom Land ein- und ausstiegen und ihre Alltagsgespräche führten. Daß die Konzentration auf philosophische Konstruktionen unter diesen Umständen nicht leicht fiel, leuchtet ein, aber ich hatte keine Lust, dem Gerede der Mitfahrenden zuzuhören, und so las ich gegen deren Geschwätz an und versuchte umso mehr, mich ganz in die Lektüre zu vertiefen. Ich las auch andere Bücher, und eines Tages hatte ich die 1973 bei Suhrkamp erschienenen beiden Bände ›Philosophische Terminologie‹ von Theodor W.  Adorno dabei, als ich auf einmal stutzte. Ich schaute in meine Kladde, in der ich das von Negt Vorgetragene notiert hatte. Da fiel mir plötzlich auf, daß sowohl die Anlage der Frankfurter Vorlesungen von Adorno aus den Jahren 1962 und 1963 wie auch die Ausführungen zu einzelnen Begriffen übereinstimmten mit den 1974 und 1975 von Negt in Hannover abgehaltenen Vorlesungen. Nun ist es gewiß legitim, sich an andere Autoren anzulehnen und die Geschichte der akademischen Vorlesung zeigt zudem auch, daß es beispielsweise zu Kants Zeiten ganz normal war, wenn der vortragende Professor ein eingeführtes und etabliertes Lehrbuch als Orientierungshilfe benutzte, ja sogar wörtlich daraus vorlas, da die Vorlesung damals tatsächlich vornehmlich im Vorlesen von bereits Gedrucktem bestand. Der Vortragende konnte und durfte daran anschließen und, falls er neue Aspekte und Gedanken vorrätig hatte, diese den zahlenden Zuhörern mitteilen. Nicht so in diesem Falle. Ich wartete lange und bald vergebens darauf, daß Oskar Negt uns Studenten die beiden Adorno-Bände zur Vertiefungslektüre empfehlen würde, was ja auch zum erleichterten Verständnis des Vorgetragenen hätte beitragen können, denn nur die Tonband-Damen in der vordersten Reihe konnten zuhause beliebig oft in die aufgezeichneten Vorlesungen hineinhören. Es hätte nahegelegen, den Professor mit den Adorno-Bänden zu konfrontieren und ihn zu fragen, was ihn bewogen haben könnte, den hannoverschen Studenten nicht mitzuteilen, daß er die Vorlesungen seines akademischen Lehrers Adorno ein Jahrzehnt später nachinszenierte. Aber ich traute mich nicht, ihm dies zu sagen, zumal ich Negt als umgänglichen und freundlichen Menschen empfand. Vielleicht half mir diese Entdeckung aber auch, distanziert und skeptisch zu sein gegenüber der Verehrung, die ihm von vielen Studenten entgegengebracht wurde, und eine Reserviertheit zu pflegen, die immer gut ist, wenn man in Gefahr gerät, sich einer Person vollkommen auszuliefern. Die Tonband-Groupies kamen mir wie Adorantinnen vor, die jedes Wort des verehrten Soziologen der Nachwelt zu überliefern gedachten und mit einem schwärmerischen Augenaufschlag zu ihm hochzuschauten. Der angekündigte Zyklus ›Kant, Hegel, Marx, Freud‹ schloß nicht mit Freud ab, sondern es gab stattdessen zum Wintersemester 1976/77 eine Vorlesung mit dem Namen ›Literatursoziologie I‹, die 2022 unter dem Titel ›Politik der Ästhetik: Die Romantik‹ als Buch erschienen ist. Erst 2020, fast fünfzig Jahre später, erschienen unter dem Titel ›Moral und Gesellschaft: Immanuel Kant‹ die Vorlesungen aus dem Wintersemester 1974/75 und Sommersemester 1975 als Buch. So hatten die Tonbandaufzeichnungen doch noch einen Sinn und eine davon hatte sicherlich als Druckvorlage gedient.

Neue Gespräche im Elysium XIV

 Im Jahr 1683 erschienen die ›Dialogues des morts‹, Autor war Bernard le Bouvier de Fontenelle (1657–1757). In diesen fiktiven Gesprächen wurden Personen der Geschichte zusammengebracht, die sich während ihres Lebens niemals begegnet waren. Es gab neben Fontenelle eine ganze Reihe anderer Autoren, die dieses Konversationsspiel pflegten, so Boileau, Fénelon, Voltaire, Henry Fielding und Christoph Martin Wieland (›Gespräche im Elysium‹, 1780). Aller Vorbild war aber Lukian (um 120 – um 180 n.u.Z.), der neben ›Göttergesprächen‹, ›Hetärengesprächen‹, ›Meergöttergesprächen‹ auch ›Totengespräche‹ verfaßte. Hier wird diese lange Tradition fortgeführt. 

Gabriele D’Annunzio meets Beate Uhse

 Wenn der Faschismus kein Glaube wäre, wie könnte er Mut und Feuer erwecken? Die Bereitschaft des modernen Menschen zu glauben ist unglaublich. (Benito Mussolini)

(In großer Höhe fliegt eine Bücker Bü 133 Jungmeister einsam am Himmel dahin. Am Steuer der Propellermaschine sitzt Beate Uhse, (geborene Köstlin, verwitwete Uhse, geschiedene Rotermund), seit ihrem 18. Geburtstag mit einem Flugzeugführerschein ausgestattete Wehrmachts-Pilotin. Die Sicht ist klar, kein Wölkchen am Himmel trübt das Bild. Plötzlich hört man von weiter oben ein Brummen, das schnell näherkommt. Es ist eine italienische Ansaldo S.V.A., die dicht über der Bücker Bü 133 schwebt. Dann öffnet sich ein Fenster des Flugzeugs und eine gewaltige Menge von Flugblättern wird herausgeworfen. Unkontrolliert flattern sie nach unten, einige davon landen auf dem Sichtfenster der von Uhse gesteuerten Maschine. Für einen Moment verunsichert wegen der fehlenden Sicht sieht Uhse auf der Glasscheibe eins der Flugblätter und kann sogar einzelne Zeilen des darauf abgedruckten Textes erkennen:) 

»Das Drohen der Schwinge des jungen italienischen Adlers gleicht nicht der finsteren Bronze im morgendlichen Licht. Viva l’Italia! Wiener, lernt die Italiener kennen! Wenn wir wollten, könnten wir ganze Tonnen von Bomben auf Eure Stadt hinabwerfen, aber wir senden Euch nur einen Gruß der Trikolore! Wir Italiener führen keinen Krieg gegen Kinder, Frauen und Alte. Wir führen Krieg gegen eure Regierung, die ein Feind der Unabhängigkeit der Völker und nicht in der Lage ist, euch Brot und Frieden zu garantieren.«

(Uhse zieht den Steuerknüppel hoch und versucht, durch heftige Drehbewegungen die Flugblätter loszuwerden. Dann entdeckt sie den Doppeldecker, der über ihr kreist. Sie flucht. Schließlich gibt sie auf und setzt zum Landeanflug an. Nachdem die Erde sie wiederhat, stürmt sie wutentbrannt aus ihrer Maschine und geht schnellen Schritts zum Terminal. Während sie voranstürmt, hört sie hinter sich das Brummen eines Flugzeugs, sie dreht sich um und sieht, daß es die noch eben über ihr kurvende Ansaldo S.V.A ist. Sie dreht sich um und geht mit weit ausholenden Schritten auf das nun zum Stillstand gekommene Flugzeug zu. Ihm entsteigt ein kahlköpfiger kleiner Mann in militärischer Uniform, der sie anstrahlt.) 

Gabriele D’Annunzio: Buon giorno, Signora! Come sta?

Beate Uhse: Sie! Sie! Sie Schweinehund! Was fällt Ihnen ein, mich mit Ihrem Flugblattdreck zu bewerfen? Ich wäre beinahe abgestürzt! Haben Sie überhaupt eine Fluglizenz? Ich werde Sie anzeigen, Sie werden einen Prozeß an den Hals kriegen, Sie werden sich noch umgucken und wundern. Ich bin zigmal vor Gericht geladen worden, ich kenne mich aus. Danach werden Sie niemals wieder den allgemeinen Luftraum gefährden.

Gabriele D’Annunzio: Aber Signora, beruhigen Sie sich doch! Das war doch reine Nostalgie, dieser Flug. Ich wollte dieses Gefühl noch einmal erleben, als ich 1918 über Wiens Himmel mit sieben Flugmaschinen auftauchte und 300.000 Flugblätter auf die innere Stadt herabgeworfen habe. Diese Aktion war meine Idee und das Oberkommando der italienischen Streitkräfte hat damals zugestimmt. Der Flug sollte die unangefochtene Macht der italienischen Luftwaffe als Symbol der angeborenen Energie der italienischen Rasse demonstrieren.

Beate Uhse: Sie können von Glück sagen, daß ich nicht den Sturzkampfbomber Ju 87 oder die Messerschmitt Bf 110 geflogen bin, das wäre Ihnen schlecht bekommen, denn dieser Ganzmetall-Tiefdecker gehörte bei unserer Luftwaffe in den dreißiger Jahren zur Gattung der Zerstörer. Damit hätte ich Sie glatt pulverisieren können. 

Gabriele D’Annunzio: Donnerwetter! Sie waren bei der deutschen Luftwaffe?

Beate Uhse: Ich war Einfliegerin.

Gabriele D’Annunzio: Wir haben so viel gemeinsam, auch ich bin viel geflogen und habe das im militärischen Rahmen gemacht. Darf ich Sie zu einem Kaffee einladen?

Beate Uhse: Na gut, meinetwegen, aber deshalb kommen Sie mir noch lange nicht so billig davon, mit einem Kaffee ist das noch lange nicht erledigt.

(Sie begeben sich zu dem nah am Flugplatz gelegenen ›Café Elysium‹.) 

Gabriele D’Annunzio: So, nun erzählen Sie mir doch etwas aus Ihrem vorigen Leben, verehrte Dame.

Beate Uhse: Ich war und bin Beate Uhse. Nach dem Zweiten Weltkrieg habe ich Frauen auf dem Land Informationsmaterial über Geburtenkontrolle verkauft. Das waren ganz schlicht gemachte, hektographierte Broschüren. Daraus hat sich dann langsam ein Geschäft entwickelt, das wuchs und wuchs und bald hatte ich Angestellte und Hilfskräfte und so entstand die Firma Beate Uhse, die noch heute besteht. Ich habe von Anfang an meine Person ganz offen dargestellt und man hat mich immer wieder vor Gericht gezerrt, aber die Prozesse habe ich meist gewonnen. Ich habe die Deutschen von ihrer sexuellen Verklemmtheit befreit. Wir haben waschkörbeweise Briefe erhalten mit Bestellungen für unsere Produkte, wozu Verhütungsmittel ebenso gehörten wie erotische Wäsche und erotisches Spielzeug. Die Nachfrage war enorm. Ich wurde eine Marke. Mitte der 1960er Jahre war ich eine Prominente, ein Star, über den die Zeitungen und vor allem die bunten Illustrierten Geschichten schrieben. Ich fütterte die Medien mit meiner Lebensgeschichte. Zuerst stellte ich mich als verwitwete Ehefrau und vierfache Mutter dar, dann war ich die tapfere Luftwaffenpilotin während des Zweiten Weltkriegs. Das gab meinem Unternehmen die nötige Respektabilität, die ich auch brauchte, um vor Gericht erfolgreich zu sein. 1957 hatte ich schon acht Millionen Bundesbürgerinnen und Bundesbürger auf meinen Versandlisten. Damals nannte ich das noch ›Ehehygiene‹, das war weniger verfänglich. Was anderes konnte ich auch nicht tun, deshalb wurde in der Werbung der Sex immer im Rahmen der Ehe behandelt, niemals außerhalb. Und natürlich keine homosexuellen Themen, das war ebenso Tabu wie außerehelicher Sex. Das hätte mir vor Gericht auch nicht geholfen.

Gabriele D’Annunzio: Sehr interessant. In Italien wäre eine solche Karriere nicht möglich gewesen, und das nicht etwa wegen des dominanten Katholizismus allein. Der italienische Mann sieht die Frau als Madonna und Hure, als Geliebte und Mutter, aber niemals als eigenständige Person, die dann auch noch mit der Sexualität enorme Geschäfte macht. Früh entdeckte ich, daß man nicht nur Bücher schreiben, sondern auch wissen mußte, wie man sie verkauft. Ich bin der Erfinder des Marketings. Ich wollte den Ruhm. Und ich bekam ihn, weil ich wußte, wie man die Menschen manipulieren kann. Die aristokratische Darstellung meiner Persönlichkeit bezauberte die italienische Bourgeoisie. Ich wußte mich zu inszenieren. Es konnte gar nicht bombastisch genug sein. Immer schon war ich vom Glanz der Dinge angezogen. Das galt auch für Frauen, von denen sich eine stattliche Anzahl mir ergab. Das Pathetische lag mir und so schrieb ich Sätze wie: Die Sonnenuntergänge hier sind alle aus Blut. Ich hatte einen Wust schwarzer Locken und zwei Augen wie ein Besessener. Leider wurde ich während eines Duells am Kopf verletzt und der mich behandelnde Arzt hat ein Mittel angewandt, das sich als hoch toxisch erwies, und so verlor ich dadurch alle meine Haare. Durch eine frühe Heirat wurde ich in die römische Aristokratie aufgenommen. Wieviel habe ich geschrieben! In dem Roman ›Lust‹ von 1892, der von der Literaturkritik als mein bester Roman bezeichnet wird, habe ich die Krise eines Ästheten beschrieben, meine eigene Krise, die ich mit großer Genauigkeit in all ihren psychologischen Verästelungen dargestellt habe. Ich führte ein mondänes Leben.

Beate Uhse: Na, Sie sind mir ja ein bunter Vogel! Aber zurück zu meiner weiteren Lebensgeschichte. 1962 waren die Hälfte der deutschen Gesamtbevölkerung von 54 Millionen schon meine Kunden. Die Journalisten halfen mir bei diesem Erfolg, indem sie meine von mir gelieferten autobiographischen Einzelheiten aufschnappten und zu Artikel verarbeiteten. Ich war Teil des ›Prominentenjournalismus‹. Skandale waren das tägliche Brot für die damalige Presse. Sie fraßen mir aus der Hand. Die Tatsache, daß ich Fliegerin gewesen und mein letzter Flug eine waghalsige Flucht aus dem belagerten Berlin im April 1945 war, wurde für die Presse zu einer risikoreichen und spannenden Geschichte, und das konnte man dann gut mit der Spannung verbinden, die jeder mit seiner Sexualität empfand. Meine Geschichte wurde eine Abenteuergeschichte, die man gern konsumierte. Mit dem Versand meiner Kataloge überwand ich anfangs auch die Schambarrieren und gewann das Vertrauen meiner Kunden. Sie wußten sich bei mir gut aufgehoben. Ich zeigte offen mein Gesicht in der Öffentlichkeit, ich war ein lebendiger Mensch, keine anonyme Versandhausfirma. Man konnte eine Beziehung zu mir herstellen. Ich kam als persönliche Bekannte und vielleicht sogar Freundin in die bundesdeutschen Familien und half dabei, Ehen zu retten. Das war kein schmutziges Geschäft, das war ehrlicher Dienst am Kunden. Und gerade die Frauen waren meine besten Verbündeten, denn die litten unter schlechtem Sex. Ich gab ihnen Mut, Wünsche zu äußern und auf einem erfüllten Sexualleben innerhalb der Ehe zu bestehen. Aber in Flensburg wurde das anders gesehen. Mein Antrag auf Aufnahme in den Tennisverein wurde abgelehnt, obwohl ich mit meinem Unternehmen einer der wichtigsten Arbeitgeber und Steuerzahler in Flensburg war. Ich wurde gesellschaftlich geächtet. Für das alte Bürgertum am Ort war ich eine profitgierige Aufsteigerin. Wenn ich zum wiederholten Male vor Gericht stand, bestätigten mir die Richter aber, daß ich frei und offen auftrete und nichts beschönige. Das war wichtig für die Entscheidung der Gerichte, denn da ich in den Augen der Richter eine respektable Person war, konnte ich mit einem besseren Urteil rechnen. Außerdem stammte ich aus einer ›guten‹ Familie und hatte als Fliegerin in der Luftwaffe gedient. Das zählte für die damalige Generation der Richter, die während der NS-Zeit ihre Karrieren begonnen hatten. Nach einer der vielen Razzien in meinem Unternehmen bot mir die Flensburger Polizei sogar an, bei der Polizei zu arbeiten, weil es ihnen an klugen und dynamischen Beamtinnen mangelte! Meine immer sehr sorgfältige, saubere Ausdrucksweise sowohl in meinen Versandkatalogen wie in meinen Stellungnahmen vor Gericht schützten mich. Meine Sprache war niemals obszön und die Richter würdigten das. Das verlieh mir Glaubwürdigkeit und Vertrauen. Um dieses aber nachdrücklich in der Öffentlichkeit wirken zu lassen, mußte ich mich um eine Marketingstrategie kümmern. Die Tatsache, daß ich Einfliegerin gewesen war, mußte für die Öffentlichkeit so aufbereitet werden, daß man sehen konnte, wie das Fliegen und Sex miteinander korrespondierten: Hohe Geschwindigkeit, physisches Risiko, Freiheit von irdischen Fesseln. Nervenkitzel. Keine Scham und keine Hemmung gegenüber der eigenen sexuellen Körperlichkeit. Lust als Individuum, Freiheit von äußeren Zwängen, und das Ganze abgestützt durch den Artikel des Grundgesetzes, der die freie Entfaltung der Persönlichkeit gewährleistete. Man konnte mich nicht in die Gosse werfen, man konnte mir nicht vorwerfen, ich würde ein schmutziges Geschäft betreiben, und die allgemeine Liberalisierung seit Mitte der 1960er Jahre half mir, alle Anfeindungen seitens der Sittenprediger zu überstehen.

Gabriele D’Annunzio: Man kann in den Mund einer Frau beißen wie in eine Delikatesse. Doch ich erfuhr, daß es noch einen anderen Mund zum Aufbrechen gab, einen geheimnisvollen und geschlechtsreifen. Ich hatte schon als junger Mann einen Hang zur Extravaganz. Mein Vater mußte erhebliche Mehrkosten aufwenden zum Bezahlen all meiner Handschuhe, Schals, Anzüge und Schuhe. Ich verfügte über ein Nachthemd mit einem kreisrunden, goldumstickten Ausschnitt beim Gemächt, um den Beischlaf zu erleichtern. (Greift in sein Jackett und holt eine zerknitterte Photographie hervor): Hier, sehen Sie, ich war auch ein begeisterter Schwimmer.

Beate Uhse (schaut auf die Photographie und schreckt zurück): Huch, da sind Sie ja ganz nackt und man sieht Ihr Glied im schlafenden Zustand.

Gabriele D’Annunzio: Allerdings! Ich war einer der Pioniere der Freikörperkultur!

Beate Uhse: Solche Fotos habe ich auch für meine ersten Werbebroschüren gemacht, von meinen Jungs, meinen beiden Söhnen, denen hat das viel Spaß gemacht. Ich habe sie aber von der Seite fotografiert, denn sonst wäre ich mit dem Sittengesetz in Konflikt gekommen. Die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg waren immer noch sehr prüde. Diese Hefte verkauften sich aber wie warme Semmeln.

Gabriele D’Annunzio: In Fiume, der von mir besetzten und befreiten Stadt liefen viele der Bewohner nackt durch die Straßen, es gab auch das, was man ›freie Liebe‹ genannt hat. Jeder konnte sich frei entfalten. Es war eine schöne Zeit. Die italienischen Faschisten haben in ihren Reden und Proklamationen nach der Eroberung der politischen Macht häufig den Ausdruck ritmo di vita gebraucht, Lebensrhythmus. Und diesen haben sie mit Giovinezza in Verbindung gebracht, der Jugend, das war die Hymne der faschistischen Bewegung Italiens. Der dem Faschismus zugeneigte deutsche Soziologe Robert Michels hat dazu erklärt, daß die Partito Nazionale Fascista (PNF) die Partei der Jugend, der schönen Jugend gewesen sei. Die Teilnehmer der faschistischen Umzüge seien »jünger, frischer, lebendiger, auch körperlich schöner und ästhetisch elitenhafter« gewesen als die Besucher der sozialistischen Versammlungen. »Die ›schöneren Männer‹ sind zweifellos auf faschistischer Seite.« Und Michels war kein Homosexueller.

Beate Uhse: Na, das mag ja so gewesen sein, aber wenn ich an die Schläger von der NSDAP, an diese SA-Banditen denke, dann sehe ich da nur häßliche Figuren mit Bierbauch und kurzgeschorenem Schädel, feiste Landsknechte waren das, Mordgesellen. Mögen die italienischen Männer vielleicht etwas hübscher gewesen sein, aber Schläger und Mörder waren sie auch, da spielen das Aussehen und die Jugendlichkeit doch keine Rolle. Mir ist es gleichgültig, wenn ich von einem brutalen Mörder zusammengeschlagen werde, ob der gut aussieht oder nicht. Mord bleibt Mord.

Gabriele D’Annunzio: Ich habe mich von Mussolini distanziert und konnte dem von ihm errichteten faschistischen Regime nichts abgewinnen. Allerdings hat man mir am Gardasee das schöne Anwesen ›Il Vittoriale‹ geschenkt, wo ich die letzten zwanzig Jahre meines Lebens verbracht habe. Die faschistische Regierung hat auch eine Gesamtausgabe meiner Werke finanziert.

(Entlanggeschlendert kommen Angelo Tasca [1892–1960, italienischer Autor und Politiker] und Ignazio Silone [1900–1978, italienischer Schriftsteller], die beide grundlegende Werke über den italienischen Faschismus geschrieben haben: ›Glauben, Gehorchen, Kämpfen. Aufstieg des Faschismus‹, 1938, und ›Der Fascismus. Seine Entstehung und Entwicklung‹, 1934.)

Angelo Tasca: Gabriele! Du alter Gauner! Signora, hüten Sie sich vor diesem Herrn. Er ist ein Schwerenöter, ein Süßholzraspler und Flachleger. Er hat sich zeit seines Lebens durch Italien gebumst.

 Ignazio Silone: Angelo, sprich doch nicht in diesem vulgären Ton mit dieser Dame.

Angelo Tasca: Wieso nicht? Tatsachen sind Tatsachen, und bei D’Annunzio darf man sich nicht zurückhalten. Alter Gaukler, du! Was machst du überhaupt hier im Elysium, hat dir den Aufenthalt das faschistische Regime bezahlt, so wie es dir deine Luxusvilla am Gardasee gekauft hat?

Gabriele D’Annunzio: Seid doch still, ihr Kommunistenschweine! Wer hat euch gebeten, hier aufzukreuzen und herumzupöbeln? Signora Uhse, bitte entschuldigen Sie diese Rüpel aus meinem Heimatland, die es nicht verdient haben, sie als Italiener zu bezeichnen.

Angelo Tasca: Dürfen wir uns vorstellen, wir sind zwei italienische Schriftsteller, die auch in der Politik mitgemischt haben, auf unterschiedliche Weise. Vor allem aber sind wir bekannt durch unsere zeitgenössischen Analysen zum italienischen Faschismus. Mein Buch ›Credere, obbedire, combattere‹ ist 1969 auch auf Deutsch erschienen und seitdem immer wieder nachgedruckt worden. Ich habe darin auch unseren gemeinsamen Freund, Herrn Gabriele D’Annunzio, erwähnt. Die militärische Besetzung der Stadt Fiume hat diesen Herrn weltweit bekannt gemacht, aber er war schon vorher berühmt durch seine vom Geist des fin de siècle getragenen Romane. Ein Dichter, der in die Politik gegangen ist, daraus kann nie etwas Gutes hervorgehen. Dieses Fiume hat dem Faschismus das Modell für seine Miliz und für die Uniformen, den Namen für die Gruppen, den Kampfruf und die Liturgie geliefert. Mussolini hat D’Annunzio den ganzen szenischen Apparat abgeschaut, einschließlich des Dialogs mit den Massen.

Gabriele D’Annunzio: Da hat er ausnahmsweise recht. Das war alles meine Erfindung, auch der Auftritt auf dem Balkon, von wo ich meine Ansprachen an das Volk gehalten habe. Das war für die damalige Zeit eine Neuheit, das hatte es vorher in dieser Form noch nicht gegeben. Mussolini hat mich reingelegt, wie man das von einem verkrachten, dahergelaufenen Journalisten auch nicht anders erwarten kann. Ein Dilettant, prinzipienlos, ein verkommenes Subjekt, und dieser Kerl wurde dann dank der faschistischen Propaganda vom italienischen Volk als ›Duce‹ verehrt. Sensation und Dramatik, danach gierte er ständig. Statt Diplomatie gegenüber den anderen Staaten hat er stets das Heldentum bevorzugt und damit Italien ins Unglück gestürzt. Dieser Hitler hatte ihn sich früh zum Vorbild genommen und ihn verehrt bis dorthinaus, aber Herr Mussolini hat nicht gemerkt, wie Hitler ihn während des Zweiten Weltkriegs um den Finger gewickelt und betrogen und Italien in einen Krieg gelockt hat, für den es weder materiell noch psychologisch vorbereitet war. Hitler, der eigentlich österreichisch Hiedler geheißen hat, dieser Strolch mit seinem verschwiemelten Pöbelgesicht unter dieser nicht mehr abwaschbaren Tünche von Kalk und Leim, dieser grausame Bajazzo. Aber der kleine Benito, dieser große Prahlhans, ist mit der italienischen ›Ehre‹ hausieren gegangen. Schlechte Manieren, darin kannte er sich aus.

Ignazio Silone: Bravo, Gabriele! Es scheint, als hättest du dir hier im Elysium richtig Gedanken über das Wesen des Faschismus gemacht. Vielleicht stimmst du mir zu, wenn ich sage, daß man den Faschismus nicht nach seiner Ideologie beurteilen darf. Das Einzige, was er vorzuweisen hat, sind Terror, Gewalt und Korruption. Deshalb hat er mit der Arbeiterbewegung auch nicht diskutiert, sondern durch sogenannte ›Strafexpeditionen‹ in den Jahren von 1920 bis 1922 Dörfer und Städte überfallen, die kommunalen Einrichtungen verwüstet, die Häuser der Gewerkschaften angezündet und mit seinen Schlägerbanden unendlich viele Menschen umgebracht. Wir spielen die Leier auf allen Saiten: von der Gewalt bis zur Religion, von der Kunst bis zur Politik. Das hat Mussolini gesagt und sich daran gehalten. Nur mit bewaffneter Gewalt hätte man den Faschismus niederzwingen können, aber die italienische Arbeiterbewegung war dazu nicht fähig.

Angelo Tasca: Ja, Ignazio, ich stimme dir zu. Das Parteiprogramm hatte im Faschismus nur die Funktion eines Notbehelfs. Was man in den Reden hörte, das war alles aus dem Moment heraus zusammengebastelt und konnte daher in einer anderen Kampfsituation auch wieder verschwinden. Das ist das Wesen des Journalismus, sich jeweils am Tagesgeschehen zu orientieren und das ist auch das Wesen des Faschismus, der ebenso über keine Theorie verfügt, aber alle jemals entstandenen Theorien ausraubt, so wie er ein ganzes Land und deren Menschen mit Terror und Gewalt erobert und beraubt hat. D’Annunzio war in erster Linie Schauspieler. Auftritte vor dem leeren Haus lagen ihm nicht. Der Übermensch in ihm brauchte das Publikum. D’Annunzio war sein eigener Stern, nie ließ er einen anderen neben sich gelten. Und darin war er mit Mussolini verwandt.

Beate Uhse: Entschuldigen Sie, meine Herren, wenn ich Sie unterbreche, aber so recht Sie mit all Ihren Beobachtungen haben mögen, ich würde doch gern die Unterhaltung mit Herrn D’Annunzio fortsetzen.

Ignazio Silone: Oh, das tut uns leid, Signora, wir wollten uns nicht aufdrängen, wir waren nur so erstaunt, unseren Dichter hier auf der Insel der Seligen wiederzufinden. Er hat es wohl verstanden, von einer Insel der Seligen, seiner prachtvollen Villa am Gardasee, hierher zu wechseln und es sich auch nach seinem Tode wohlergehen zu lassen. Da wir genau über seine Vergangenheit Bescheid wissen, wollten wir es nicht versäumen, Sie vor diesem kleinen Scheusal zu warnen, er hat eine außergewöhnliche Ausstrahlung auf Frauen, obwohl er nun wirklich kein schöner Mann ist. (D’Annunzio verzieht angewidert das Gesicht. Silone und Tasca geben Beate Uhse nacheinander die Hand und verabschieden sich.) 

Beate Uhse: Na, das war ja was! Die Vergangenheit holt einen immer wieder ein. Man glaubt es nicht, selbst nach dem Tode wird man von ihr nicht verschont.

Gabriele D’Annunzio: Alles, was gut ist am Faschismus, ist von mir – seine Ästhetik.

Beate Uhse: Mir kam das alles in Hitler-Deutschland schrecklich schaurig vor. Diese Paraden bei Nacht, der Lichterdom, die brennenden Fackeln, was war daran ästhetisch? Es sei denn, man mag solchen Budenzauber, mich hat es nicht interessiert, ich habe mich schon früh für Technik interessiert und innerhalb der Technik ganz besonders für das Flugwesen. In dieser Hinsicht hat der NS-Staat sehr viel angeboten und ich habe mich faszinieren lassen von der Möglichkeit, als Frau eine Maschine zu steuern und in den Himmel damit zu fliegen.

Gabriele D’Annunzio: Wie gut ich das verstehen kann, es ging mir ganz genauso. Die Höhenlust ist eine ganz besondere Lust, es ist ein erhabenes Gefühl, über den Wolken zu schweben und tief unten die Landschaft unter sich zu haben. Man kommt sich wie ein Gott vor.

Beate Uhse: Ach, Gottchen, das nun gerade nicht, es hat einfach Spaß gemacht, zu fliegen und diese Maschine zu beherrschen. Für mich war das ein wunderbarer Sport und ich konnte damit mein Leben finanzieren.

Gabriele D’Annunzio: Italiener von Fiume! Hier bin ich! So habe ich damals, am 12. September 1919, vom Gouverneurspalastbalkon aus die Menschenmassen unten auf dem Platz angesprochen. Auch das war ein erhebendes und erhabenes Gefühl.

Beate Uhse: Die sexuelle Neugier der Bevölkerung ist ungestillt.

Gabriele D’Annunzio: Ja, es war eine Vermählung mit dem Volk, auf einer höheren, spirituellen Ebene. Das Eins Werden des Führers mit der Masse, das Verschmelzen energetischer Kräfte.

Beate Uhse: Ich habe mich ganz auf die irdische Seite der Sexualität konzentriert. Gleich nach dem Ende des Krieges konnte ich doch das Elend beobachten, in dem die Frauen auf dem Lande lebten. Wenn ungewollt eine Schwangerschaft entstand, habe ich mit meinen Broschüren und der darin enthaltenen Beratung helfen können und so entstand bald darauf ein kleines Geschäft, das zügig weiter ausgebaut wurde. Daß daraus ein Millionenkonzern werden würde, daran dachte doch damals kein Mensch, ich jedenfalls nicht. Meine Texte waren sicher noch sehr unbeholfen, aber schließlich nahm ich auch erotische Literatur in meine Kataloge auf.

Gabriele D’Annunzio: Andrea Sperelli erwartete in seinen Gemächern eine Geliebte. Alle Dinge ringsum offenbarten wahrhaftig die Sorgfalt der Liebe. Das Wacholderholz brannte im Kamin, auf dem kleinen Teetisch standen Tassen und Untertassen aus Majolika von Castel Durante, die Luzio Dolci mit mythologischen Szenen geschmückt hatte. Das Licht drang gedämpft durch die roten Brokatvorhänge, die mit Granatäpfeln aus filigranem Silber, mit Blättern und Sprüchen verziert waren. Da die Nachmittagssonne auf die Scheiben traf, zeichnete sich das Blumenmuster der Spitzengardinen auf dem Teppich ab. Es war, als sei in diesem Augenblicke das ganze Zimmer bereit, die ersehnte Frau zu empfangen. Elena hatte die ein wenig grausame Angewohnheit, am Ende jeder Liebesbegegnung alle Blumen, die in den Vasen steckten, auf dem Teppich zu entblättern. Nichts glich der Anmut der Bewegung, die sie jedesmal vollführte, wenn sie den Rock etwas anhob und erst den einen und dann den anderen Fuß vorschob, damit der Geliebte sich herabbeugte und die Bänder des noch offenen Schuhes schnürte. Na, was sagen Sie, das ist die Eingangs-Passage aus meinem Roman ›Lust‹. Nicht schlecht, was?

Beate Uhse: Oh, das hätte ich gut für meine Werbeschriften verwenden können. Wissen Sie, ich habe mich stets um gutes Deutsch bemüht und um eine ehrliche Sprache. Anders ging das auch gar nicht. Auch wollte ich mich damit absetzen von der ordinären Art, mit der man ja auch über Liebe und Sex reden kann. Ich wollte erreichen, daß niemand aus meiner Kundschaft Schuldgefühle zu haben brauchte und daß man sich ganz dem körperlichen Wohlgefühl hingeben konnte.

Gabriele D’Annunzio: Meine letzten Jahre waren von einem enormen Kokainkonsum überschattet. Dann aber wieder wurde ich die ganze Zeit von drei Frauen umsorgt, die mir auch Frauen von der Straße verschafften.

Beate Uhse: Sie alter Wüstling!

Gabriele D’Annunzio: Ich verstehe es ja auch nicht, wie ich diese Ausstrahlung auf das weibliche Geschlecht hatte, ich hatte sie einfach und ich habe mich nicht damit gequält zu fragen, wie das möglich war. Wie wär’s denn, wollen wir uns für eine Stunde in ein Hotel begeben?

Beate Uhse: Was erlauben Sie sich, haben Sie während unseres Gespräches denn irgendein Knistern zwischen uns verspürt? Ich denke nicht. So, ich muß jetzt gehen. Aber eins gebe ich Ihnen noch mit auf den Weg: Wenn Sie es noch einmal wagen sollten, so eine Flugblatt-Tour zu unternehmen, dann werden Sie von der elysischen Gerichtsbarkeit hören und glauben Sie mir, wenn ich Sie vor den Kadi ziehe, werden Sie nicht ungeschoren davonkommen.

Gabriele D’Annunzio: Clemenza, bella ragazza!

»Wiederbewaffnung«

Beim derzeitigen Wachstum der Weltbevölkerung wären wir in 774 Jahren [gerechnet ab 2005] bei 10 Menschen je Quadratmeter Landfläche angelangt, in knapp 2000 Jahren wäre die Masse der Menschen ebenso groß wie die Masse der Erde, in 6000 Jahren hätte die Masse der Menschen die gesamte Masse des Universums erreicht. (J. Diamond: Kollaps. Warum Gesellschaften überleben oder untergehen, 2005, 629)

A: Der französische Staatspräsident Macron hat eine »Wiederbewaffnung« der französischen Nation angekündigt.

B: Um Gottes Willen, versuchen Sie schon wieder, mich in ein Gespräch über ein militärisches Thema hineinzuziehen?! Haben wir uns darüber nicht schon ausgiebig unterhalten? Ich kann’s nicht mehr hören. Und über diesen Moron möchte ich schon gar nicht mit Ihnen reden, ich kann diesen gelackten Kerl nicht ausstehen, der wäre doch besser auf dem Laufsteg als Dressman aufgehoben.

A: Beruhigen Sie sich, der französische Staatspräsident, der übrigens Macron und nicht Moron heißt, hat betont, daß er Frankreich »wehrhafter« machen will, aber nicht bloß auf dem militärischen Sektor.

B: Aber bedeutet das Wort »Wiederbewaffnung« nicht genau das und nichts anderes?

A: Schon, jedoch hat er sich erlaubt den Bedeutungshorizont ein wenig zu erweitern. Er will die französische Gesellschaft »für die neuen Zeiten wappnen«, da die »Welt von gestern beginnt, sich aufzulösen«.

B: Wenn eine Welt von gestern sich auflöst, wie kann es dann überhaupt noch eine Welt geben, da sie doch von gestern ist? Wie kann sich etwas in der Auflösung befinden, wenn es eine Tatsache der Vergangenheit, eine Welt von gestern, sein soll?

A: Ja, das habe ich mich auch schon gefragt. Man sollte wohl bei Politikern keine allzu strengen Maßstäbe bei der Wahl ihrer Worte und Gedanken anlegen.

B: Gedanken? Welche Gedanken? Haben Politiker überhaupt Gedanken zu haben? Sind Sie nicht vielmehr Verkäufer?

A: In gewisser Hinsicht sind sie das schon. Doch kann man nicht ausschließen, daß sie Anwandlungen haben oder ihre Referenten ihnen Gedanken heraussuchen. So hat der jetzige deutsche Finanzminister neulich im Parlament einen Satz von Nietzsche zitiert.

B: Du meine Güte, darüber wollen wir jetzt aber nicht reden. Das ist mir zu banal.

A: Sie haben recht, der Mißbrauch der Philosophie in der Politik ist ein anderes Thema, und kein schönes, wenn ich an die Nietzsche-Zitate denke, die Herr Mussolini damals ständig im Munde führte.

B: Nun sagen Sie mir bloß, was dieser Moron oder Macron denn eigentlich genau angekündigt hat.

A: Gern. Also, neben der »Wiederbewaffnung« Frankreichs …

B: Entschuldigen Sie, daß ich Sie unterbreche, aber verfügt Frankreich nicht über Waffen auf allen Gebieten des militärischen Lebens? »Wiederbewaffnung« kann doch nur stattfinden, wenn es vorher keine Bewaffnung gegeben hat. Und Frankreich wird doch wohl eine Armee haben und alle die Waffen, die man heute so vorrätig hat. Meines Wissens verfügt der französische Staat derzeit über dreihundert Atom-Sprengköpfe.

A: Ja, ja, schon. Nur kann man aus der Sicht dieser ›Staatsmänner‹ nie genug Waffen haben. Außerdem hat der Staatspräsident auch gesagt, es gehe heute um eine Entscheidung über die »Sicherheitsordnung für die kommenden Generationen«. Und mehr Waffen geben der Bevölkerung eben einfach ein gutes Gefühl, beschützt zu sein und sich des Lebens zu erfreuen. Und für diejenigen Franzosen, vor allem die ganz jungen, wolle der Staatspräsident, weil er sie zu der »verlorenen Generation« zählt, wieder »mehr Regeln und Rituale« einführen.

B: Als da wären?

A: Er will hundert »Pilotschulen« gründen lassen, in denen die Schüler alle Schuluniformen tragen. Wenn sich das als Faktor erweise, der den Zusammenhalt stärke, könnte das Tragen dieser Schuluniformen auf alle französischen Schulen übertragen werden. Er sprach sich im übrigen auch dafür aus, daß alle Schulkinder die französische Nationalhymne lernen sollen, damit sie diese dann bei der Zeugnisvergabe in feierlichen Zeremonien singen können.

B: Wie passend zur »Wiederbewaffnung«, denn die ›Marseillaise« war ursprünglich ein ›Chant de guerre pour l’armée du Rhin‹. Im Text heißt es dann sinnigerweise auch: »Zu den Waffen, Bürger! Formiert eure Schlachtreihen, Marschieren wir, marschieren wir! Bis unreines Blut unserer Äcker Furchen tränkt!«

A: Ähem, ja, da müßte man vielleicht am Text noch etwas herumdoktern und ihn von dieser Martialität und diesem typisch französischen Rassismus zu befreien. Aber der Appell zur »Wiederbewaffnung« umfaßt alle Lebensbereiche. So soll es wieder mehr Atomkraft in Frankreich geben. Es kommt aber noch besser: »Wir werden einen großen Plan gegen die Unfruchtbarkeit vorstellen.«

B: Was sagen Sie da? Habe ich mich verhört? Unfruchtbarkeit?

A: Allerdings! Der Präsident sprach sogar von einer »demographischen Wiederbewaffnung«.

B: Ist die Grande Nation zu einer Bananenrepublik geworden? Will man den französischen Frauen zwangsweise Sperma implantieren? Wird es Mutterkreuze geben? Ist dieser Dressman komplett verrückt geworden?

A: »Frankreich muß Frankreich bleiben«, hat er hinzugefügt und damit mehr als nur angedeutet, daß die französische Rasse rein erhalten bleiben soll. Aber vor allem will er gegen die sinkenden Geburtenraten angehen.

B: Es ist doch eine vernünftige Entwicklung, wenn es weniger Menschen auf der ganzen Welt gibt. Wenn ich daran denke, wie viele Menschen Hunger leiden und kein richtiges Dach über dem Kopf haben.

A: Das interessiert einen ›Staatsmann‹ in der Regel nicht. Er muß auf das große Ganze schauen und das heißt, auf die Menge an Menschen und Soldaten, und dafür zu sorgen, daß es nicht an Nachschub mangelt.

B: Das ist widerwärtig. Sollte man nicht daran gehen, die Anzahl der Menschen zu begrenzen? Mit der Minderung der Zahl würden tausenderlei leidige Notstände – Kriege, Kolonisation, Arbeitslosigkeit, Überproduktion – dahinschwinden.

A: Wenn ein nationaler Politiker über nationale Themen spricht, dann beschränkt er sich auf die nationale Perspektive. Alles andere fällt dagegen ab.

B: Das ist dann wohl die Definition von Kurzsichtigkeit.

A: Das Schlimmste habe ich Ihnen aber noch gar nicht erzählt. Die Rede des französischen Staatspräsidenten dauerte fast zweieinhalb Stunden und keiner der Anwesenden, weder der Premierminister noch die Minister durften während dieser Zeit den Festsaal des Élyséepalastes verlassen.

B: Mitgegangen, mitgefangen! »Zittert, Tyrannen und ihr Niederträchtigen. Schande aller Parteien, zittert! Eure verruchten Pläne werden euch endlich heimgezahlt! Jeder ist Soldat, um euch zu bekämpfen. Wenn sie fallen, unsere jungen Helden, zeugt die Erde neue, die bereit sind, gegen euch zu kämpfen.«

Zum 15. Januar 1919

Und er hebt sein Gewehr beim Lauf und schwingt es hoch und läßt den Kolben wie einen Hammer auf ihren Schädel niederfallen. […] Da holt der Soldat, die Beine breitgestellt, schon zum zweiten wuchtigen Hieb aus. Er schwingt den Kolben über sich und schmettert ihn über ihren Schädel mit solcher Wucht, daß es kracht. und sie wie ein gefälltes Tier zugleich mit dem Kolben zu Boden geht. […] Sie packten die Leblose bei Schultern und Beinen und warfen sie in den Wagen hinein. […] Die Soldaten hinten zogen die Beine hoch vor dem Blut, das von ihr lief und unten Pfützen bildete. […] Die blutige Rosa, die rote Sau, jetzt liegt sie da, man kann sich freuen. […] Der Landwehrkanal, zur nächsten Brücke, machen wir uns das Leben nicht so schwer. Das arme Kind wird sich noch ganz verbluten. Dagegen soll man was tun. Da hast du – eine Kugel. Und da ist die andere. Macht zwei, nach Adam Riese. Und jetzt bist du tot, und so soll’s allen gehn, allen Schweinen und Juden und deiner ganzen Sippe. Jetzt reißt du dein Maul nicht mehr auf und spritzt dein Gift, du Schlampe. Zur nächsten Brücke, ins Wasser, um das Gift zu verdünnen. […] Raus aus dem Wagen mit dem Bündel. Übers Geländer, Schwung, eins – zwei – drei, da fliegt sie. Plumps, da fällt sie, und ward nicht mehr gesehn. Ein Prosit, ein Prosit der Gemütlichkeit. […] Das Bürgertum bis weit in die Reihen der Sozialdemokratie hinein atmete auf. Grausam in den Einzelheiten, gewiß, war die Tat, aber ein Akt der Selbsthilfe. Die bürgerlichen Zeitungen hielten es nicht für nötig, ihre Genugtuung zu verbergen. Eine schrieb: ›Lynchjustiz, aber fast ein Gottesurteil.‹ […] Der Leiter des Gerichts beantragte gegen die vier Offizere, die geschossen hatten, die Todesstrafe wegen vollendeten Mordes. Das Gericht sprach sie frei, obwohl es zugab, daß Indizien vorlägen, daß unter den Offizieren eine Verabredung zur Tötung stattgefunden habe.
(Alfred Döblin: November 1918. Band 4: Karl und Rosa, München 1978, 592f., 599, 603)

Jahresanfangs-Melancholie

Am Gartenzaun 

Frau Pannemeyer und Prof. Friedrich Lensing unterhalten sich. 

Frau Pannemeyer: Ja, lieber Herr Professor, was stehen Sie denn da in der Kälte in Ihrem Gärtchen inmitten der vielen schneebedeckten Tannenbäume? Da muß ich gleich an das Kinderlied denken. Wie geht das noch mal? (sinniert). Ach ja: Ein Männlein steht im Walde / Ganz still und stumm, / Sagt, wer mag das Männlein sein, / Das da steht im Wald’ allein? 

Prof. Friedrich Lensing: Die erste Woche im neuen Jahr ist jedesmal schwer für mich, denn dann komme ich unvermeidlich an dem Platz vorbei, wo die Nachbarn ihre Weihnachtsbäume auf einem Haufen abgelegt haben, an manchen kann man noch etwas Silberhaar, Lametta, sehen, sogar etwas vertropftes Wachs auf einzelnen Zweigen, was mich immer wieder wundert, da doch die meisten Leute elektrische Kerzen inzwischen aufstecken und nicht die Wachskerzen, die stets das Potential eines Zimmerbrandes in sich tragen. Dieser Anblick der abgelegten und aufgegebenen Tannenbäume macht mich jedes Jahr traurig. Die Bäumchen hätten doch noch weiterleben können, entweder draußen in der freien Natur oder drinnen, indem man sie weiter mit Wasser versorgt. Wir hatten früher, als die Kinder noch im Haus waren, auch einen Weihnachtsbaum, obwohl das in einem jüdischen Haushalt nicht unbedingt vorgeschrieben war, aber wir waren ja keine Orthodoxen, sondern freie Geister, die aber dem Drängen der Kinder nach einem Weihnachtsbaum nachgegeben hatten. So durfte der Weihnachtsbaum dann Familienglück markieren, Stimmungszauber, Menschenliebe und frischen Waldesduft.

Frau Pannemeyer: Das tut mir furchtbar leid. Alles hat seine Zeit und die Weihnachtszeit ist ebenso begrenzt wie die Osterzeit oder der Sommerurlaub. Aber besser etwas als gar nichts, sage ich immer. Man muß die Feste feiern wie sie fallen.

Prof. Friedrich Lensing: Ihr sprichwörtliches Wissen in allen Ehren, aber das hilft mir auch nicht über meinen Schmerz. Als wir der Kinder zuliebe so einen Weihnachtsbaum in die Stube stellten, habe ich gleich zur Bedingung gemacht, daß er in einen Topf mit Wasser gestellt wurde, so blieb er nicht nur länger frisch, die Zweige sprießten in den Tagen und Wochen nach dem Fest munter weiter und wenn es Februar wurde, konnte man an vielen der Zweige hellgrüne Triebe erkennen. Das machte mich froh. Sicher, es gab auch Exemplare, die es kaum über Weihnachten hinausschafften, da rieselte es schon zu Silvester gewaltig und man mußte unter dem Baum die herabgefallenen Nadeln zusammenkehren. Oh Tannenbaum, oh Tannenbaum, wie grün sind deine Blätter. Von wegen. Aber man hatte dem Baum doch eine Chance zum Weiterexistieren gegeben inmitten einer völlig fremden Wohnzimmerstubenatmosphäre.

Frau Pannemeyer: Ja, das ist manchmal eine Wirtschaft, das kann ich auf den Tod nicht haben, wenn der Baum nadelt und man dann die Nadeln ständig wegfegen muß. Irgendwann habe ich dann auch zu meinem Mann gesagt: Jetzt ist Schluß damit, ich kann diese Waldschweinerei in meiner Stube nicht mehr ertragen. Der Baum kommt weg und zwar ein für allemal. Dann haben wir im folgenden Jahr eine Plastiktanne gekauft und mit einer elektrischen Lichterkette geschmückt, also das war eine saubere Sache. Und der Baum wurde dann, wenn er seinen Dienst getan hatte, in die Abstellkammer gebracht und im nächsten Jahr wieder hervorgeholt.

Prof. Friedrich Lensing: Nein, nein, nein, nein! Diese Sitte aus Amerika, alles zu verkünsteln, ist mir ganz zuwider. Dann besser gar keinen Weihnachtsbaum als so eine Unkultur. Vor Jahren besuchte ich in Rom den seit 1821 bestehenden ›Cimitero acattolico‹ im Stadtteil Testaccio. Es ist der Friedhof der in Rom verstorbenen Ausländer. Es ist eine der schönsten Ruhestätten, für mich aber die einzige Stelle im neuen Rom, wo ich mich ganz daheim fühlte, ganz mir selber gehörig. Doch wenn diese seit langem verstorbenen Menschen auferstehen und die Umgebung betrachten könnten, diese entseelten toten Straßenzüge, die sechs- bis achtstöckigen Arbeiterkasernen, die Lichtreklamen, Autohallen, Kinoschilder, was wäre für sie wohl noch lebendig von dem Traum, der sie einst nach Rom in das selige Italien führte? Und so sehe ich diese aufgehäuften Weihnachtsbaumleichen nach Ende jeden Jahres in meiner Nachbarschaft auf dem Marktplatz liegen und denke an die Anverwandten der Tannen und Fichten, die von der Axt verschont blieben und in den Wälder weiterwachsen und zu großen schönen Gebilden werden, nur dazu da, der Erde gute Luft zu verschaffen und dem Spaziergänger ein Bild des Wohlgefallens.

Frau Pannemeyer: Ach, Herr Professor, Sie müssen sich das nicht so zu Herzen nehmen. Gegen die Tradition des Weihnachtsbaums kommen Sie nicht an. Unsere Tochter Biggi hat mir einmal erzählt, daß es diese Tradition schon seit Beginn des 18. Jahrhunderts gibt. Das ist schon eine recht lange Zeit.

Prof. Friedrich Lensing: Aber eben doch nicht seit allen Zeiten, das bedenken diejenigen, die sich auf Traditionen berufen, nicht. Im 17. oder 16. oder 15. Jahrhundert gab es keine Weihnachtsbäume. Es ist eine protestantische Erfindung. Man wußte, daß man mit Sentimentalität und Lichterglanz die Menschen unter eine Religion zwingen könnte. Und sie haben Erfolg damit gehabt. Eine Unnatur ist es gleichwohl. Aber lassen wir das, mir wird kalt, es ist doch wieder ganz schön frostig geworden. Kommen Sie, ich lade Sie zu einer heißen Tasse Tee in mein gutgeheiztes Studierzimmer ein. Dann werden die Lebensgeister uns schon wieder besuchen.

Neue Gespräche im Elysium XIII

Im Jahr 1683 erschienen die ›Dialogues des morts‹, Autor war Bernard le Bouvier de Fontenelle (1657–1757). In diesen fiktiven Gesprächen wurden Personen der Geschichte zusammengebracht, die sich während ihres Lebens niemals begegnet waren. Es gab neben Fontenelle eine ganze Reihe anderer Autoren, die dieses Konversationsspiel pflegten, so Boileau, Fénelon, Voltaire, Henry Fielding und Christoph Martin Wieland (›Gespräche im Elysium‹, 1780). Aller Vorbild war aber Lukian (um 120 – um 180 n.u.Z.), der neben ›Göttergesprächen‹, ›Hetärengesprächen‹, ›Meergöttergesprächen‹ auch ›Totengespräche‹ verfaßte. Hier wird diese lange Tradition fortgeführt.

 Willy Millowitsch meets Karl-Eduard von Schnitzler

 Der Rheinländer ist durch und durch sanguinischer Natur; sein Blut rollt so leicht durch seine Adern wie frischgegorener Rheinwein, und seine Augen sehen immer munter und wohlgemut in die Welt hinaus. Er ist das Sonntagskind unter den Deutschen, dem die Welt immer schöner und das Leben immer heiterer erscheint als den übrigen. (Friedrich Engels: Rheinische Feste, 1842)

Gell du hast mich gelle gern / Gell un ich dich ach / Gell wann ich lache tu / Gell dann lachste ach / Wenn die Welt mir Böses bringt / Gell dann bitt ich dich / Gell du lässt mich nit / Gell du lässt mich nit / Gell du lässt mich nit im Stich. (Margit Sponheimer, Gesang; Franz Rüger, Text; Toni Haemmerle, Musik, 1965)


Karl-Eduard von Schnitzler:
Ich fühle mich in Köln, wo meine Familie herkommt, beinahe so zuhause wie in Berlin, wo ich geboren bin. Als kleines Kind habe ich auf Konrad Adenauers Schoß gesessen. Adenauer war damals Oberbürgermeister von Köln, aber auch Präsident des Preußischen Staatsrats. In dieser Funktion ist er oft nach Berlin gereist und hat meinen Vater besucht, beide waren seit gemeinsamen Kölner Zeiten befreundet. Die Familie Schnitzler ist eine Kölner Patrizierfamilie. Mein Vater war eine unbedarfte rheinische Frohnatur. Ich bin der Herr von Schnitzler.

Willy Millowitsch: »Kaum jemand verkörperte Köln so wie er.« Dat schreiben die Journalisten noch heute über mich. Ja, dat is doch nicht zum Aushalten! Wie kann ein Mensch eine janze Stadt darstellen? »Willy, wat wär Kölle ohne disch!« Ja, was wäre Köln ohne mich? Es würde auch ohne mich weitergehen, so wie es vor mir weitergegangen ist. Und was sacht der Weihbischof, als ich da aufjebahrt im Kölner Dom lieje, über mich? Ich sei »eine Allegorie dieser Stadt«. Wat is en ›Allegorie‹, fraache ich Sie? Dat hat der Weihbischof aus’er Zeitung aufjeschnappt, aus’m Nachruf auf mich, dat is nich auf dem sein eigen Mist jewachsen! Dann hat der Weihbischof noch jesacht: »Grüß mir den lieben Gott!« Ja, da hört sich doch alles auf! Dod is doch dod, da kann man doch keine Jrüße mehr weiterjeben. Von 1940 bis 1995 hab’ ich in Köln auf de Bühne jestanden. Zu Lebzeiten hab’ ich diesen Leuten den Jefallen jetan und hab jesungen: »Ich bin eine kölsche Jung«. Man muß als Künstler überleben, also hab’ ich denen nach dem Mund geredet, aber wissen Sie, dat Lied jeht ja noch weiter: »Wat soll ma mache«. Sehen Sie! Dat war praktisch meine reservatio mentalis, wenn Sie verstehen was ich meine: Ihr könnt’ mich mal, hab’ ich damit doch jesacht, ich jehöre euch nur als Kasper, aber ich selbst jehöre nur mir.

Karl-Eduard von Schnitzler: Sie hätten zu uns kommen sollen, da hätten Sie sich nicht verstellen müssen. Als anerkannter sozialistischer Staatskünstler hätten wir Sie in der Deutschen Demokratischen Republik geehrt und Ihnen alle Freiheit gelassen, die Bürgerinnen und Bürger der DDR zum Lachen zu bringen.

Willy Millowitsch: Nää, isch wees nich. Allein schon wechen de Schprache wär det doch nich jejangen.

Karl-Eduard von Schnitzler: ›Der Schwarze Kanal‹ führt Unrat und Abwässer. Aber statt auf Rieselfelder zu fließen, wie es eigentlich sein müßte, ergießt er sich Tag für Tag in hunderttausende westdeutsche und Westberliner Haushalte. Es ist der Kanal, auf welchem das westdeutsche Fernsehen sein Programm ausstrahlt: Der Schwarze Kanal. Und ihm werden wir uns von heute an jeden Montag zu dieser Stunde widmen, als Kläranlage gewissermaßen.

Willy Millowitsch: Ja, aber Herr von Schnitzler, haben Se einen Blackout? Se müssen doch jetzt nicht so tun, als wären wir auf Sendung. Wir sitzen hier in der Gaststube ›Zum fröhlichen Weinberg‹, den unser Carl Zuckmayer nach seinem Ableben hier hat einrichten lassen. Ich bin schon en Stammjast jeworden. Die Auswahl an Weinen is jewaltig und die Atmosphäre is schon schön. Neulich habe ich dort doch datsächlich die ›Lollo‹ jesehen, die Gina Lollobrigida. So ein kleiner bucklichter Mann scharwenzelte um sie herum. Ich bin dann an ihren Tisch getreten, habe mich vorgestellt — sie hatte noch nie von mir gehört — und dann habe ich eine meiner Aphorismen, eine meiner Lebensweisheiten zum besten gegeben: »Essen und Trinken sind die drei schönsten Dinge des Lebens.« Da hat sie doch tatsächlich ihr Weinglas jenommen und den Inhalt mir ins Jesicht jekippt! Ein Rasseweib! Wie auch immer: Mein Ajent hat mich jedenfalls beauftragt, mit Ihnen en Jespräch zu führen, da wir uns im Leben niemals begechnet sind. Dazu hat er mir eine Menge Papiere überlassen, dat habe ich denn auch allet jelesen und mir Notizen zu Ihrem Lebenslauf jemacht. Da sind ja schöne Dinge zum Vorschein jekommen, dat muß isch schon saachen. Seit die Akten von der Staatssicherheit freijegeben worden sind, kann man in die Lebensläufe so mancher ehemalicher Bürger der Täterä hineinschauen. Was alles in den russischen Geheimdienstarchiven und in Ihrem privaten Nachlaß liegt, war mir natürlich verschlossen. Na, und was Sie in Ihrer Autobiographie so alles verzählen, da bin ich doch skeptisch, ob das alles wahr ist, was Sie dem Leser da auftischen.

Karl-Eduard von Schnitzler: Und glauben Sie denn das alles, was in den Akten der Staatssicherheit festgehalten wurde? Wer sagt Ihnen denn, daß nicht vieles davon gefälscht worden ist, hmm? Die Genossen von der Staatssicherheit mochten mich nicht und haben deshalb manches in die Akten hineingeschrieben, um mich in den Augen der Partei- und Staatsspitze schlecht zu machen. Das MfS wollte ein Berufsverbot über mich verhängen, weil ich kein blinder Parteisoldat war.

Willy Millowitsch: Das würde ich so nicht unbedingt saachen. Hier habe ich ein janzes Konvolut, das sich damit beschäftigt, wie Sie mit Ihrem Wagen, einem VW-Cabrio, in den Westen jefahren sind, um sich mit Lebensmitteln, Spirituosen und schönen Kleidern für Ihre Frau zu versorgen. Ihre turnusmäßigen Dienstreisen in die Bundesrepublik sind sicher auch nicht gut bei den davon ausgeschlossenen Parteigenossen der SED angekommen. In einem Spitzelbericht heißt es, Sie seien eine »Abenteurernatur ohne festen Boden« und »auf den Hund gekommener Adel«.

Karl-Eduard von Schnitzler: Was denn? Sind Sie vom MfS beauftragt worden, mich hier zu verhören? Was fällt Ihnen ein, diese gefälschten Vorgänge liegen alle lange zurück.

Willy Millowitsch: Die gefälschten Vorgänge liejen alle lange zurück, dat is jut. Die Akten lüjen nicht. Jlauben Sie mir, dat is amtlich. Ja, das is teilweise schon kriminell. In der Silvesternacht 1960/61 haben Sie in betrunkenen Zustand einen Mann, einen Schuldirektor, totgefahren. Der Fall kam nicht vor ein Gericht. Aus den mir vorliegenden Akten geht hervor, daß ein Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft von Groß-Berlin gegen Sie eingestellt wurde und dann hat man die Akten an das ZK der SED abgegeben. Das ZK hat dann entschieden, die Anjelejenheit nicht mehr weiter zu verfolgen. Sie haben einen Menschen totgefahren und wurden dafür nicht zur Rechenschaft gezogen.

Karl-Eduard von Schnitzler: Hören Sie doch auf mit diesen Anschuldigungen! Ich habe mir nichts vorzuwerfen. Alles ist seinen sozialistischen Gang gegangen.

Willy Millowitsch: Ja, dat kenne ich jut. Dat heißt bei uns in Köln: Der Kölner Klüngel. Wenn ein Bauunternehmer wo bauen will und es jibt Schwierigkeiten mit dem Bauamt, dann weiß der Bauunternehmer, wie der weitere Vorjang auszusehen hat. Er läßt bei seinem Parteifreund anrufen und in wenigen Tagen läuft der Bau wie jeschmiert. Dat beruht alles auf Jejenseitigkeit. Jeder redet hier mit jedem, dat is die rheinische Form der Demokratie. Die Zeit nach 1815 aber war in Köln eine schwere Zeit für diese rheinische Form der Demokratie, weil da die Preußen die Verwaltung übernommen hatten. Da jing dat nicht mehr so jlatt wie vorher. Als Konrad Adenauer viel später dann Oberbürgermeister der Stadt Köln war, konnte man wieder freier Politik jestalten. Er nutzte sein Amt für die persönliche Nutzung wirtschaftlicher Vorteile. Mer kennt sich, mer hilft sich, hat er jesacht. Dat können Sie alles und noch viel mehr nachlesen in die Bücher ›Cliquen, Klüngel und Karrieren‹ (1992) von Erwin und Ute Scheuch und ›Colonia Corrupta. Globalisierung, Privatisierung und Korruption im Schatten des Kölner Klüngels‹ (2002) von dem Werner Rügemer. Da werden Ihnen die Augen überjehen, wenn Sie dat lesen, dat versichere isch Ihnen. Also, Ede! Sach’, daß de wat jenommen und im Vollrausch einen Menschen dodjefahren hast, dann verzeih’ isch dir.

Karl-Eduard von Schnitzler: Ich denke ja gar nicht daran. Und Sie brauchen sich auch keine Mühe zu geben, hier die westliche Korruption entlarven zu wollen. Das habe ich anhand von Fernsehausschnitten in meinem ›Schwarzen Kanal‹ ausgiebig und ausdauernd von 1960 bis 1989 getan. Sollte es in Ausnahmefällen auch bei uns in der Deutschen Demokratischen Republik zu Bestechungen gekommen sein, so hat unsere sozialistische Justiz sich der Fälle angenommen und harte Urteile gefällt.

Willy Millowitsch: Dat is ja alles Quatsch, wat du da verzählst. Bei Ihnen jedenfalls hat die Justiz beide Augen zugedrückt. Ich finde in den Akten der Stasi keinen Vermerk, daß Sie jemals vor Gericht gestanden sind.

Karl-Eduard von Schnitzler: Werden Sie nicht unverschämt! Ich habe mir niemals etwas zuschulden kommen lassen. Und ›Der Schwarze Kanal‹ war mein Lebenswerk, ein absolut neues Genre des kämpferischen Journalismus.

Willy Millowitsch: Nein, natürlich müssen Sie sich nichts vorwerfen, weil Sie jenug Freunde und Jenossen in den höchsten Partei- und Staatsämtern sitzen hatten. Die haben Ihre Eskapaden gedeckt, aber dafür wurden Sie dann auch erpreßbar und weisungsgebunden. Das machte Sie zum zynischen Opportunisten. Ihr Namensvetter Arthur Schnitzler läßt in seinem Theaterstück ›Fink und Fliederbusch‹ einen der Protagonisten sagen: »Zukunft der Presse — Identität der Gegensätze!« Wenn Sie von oben Weisungen erhalten haben, dann konnten Sie durchaus auch anders schreiben und haben westliche Politiker geschont, weil es jrade erwünscht wurde. Auch hat man Ihnen vorgeworfen, daß Ihre Kommentare nicht unbedingt immer Ihrer Gesinnung entsprochen haben, eine Doppelzüngigkeit habe Sie Ihr ganzes Leben begleitet. Und Ihr Hang zum ›süßen Leben‹, die vielen Affären mit solchen Frauen aus dem Theaterjewerbe, kam nicht jrade jut an. Ihre vielen amoureusen Eskapaden hat Ihnen denn auch in Kollejenkreisen den Spitznamen ›Schnarl-Eduard von Kitzler‹ einjetragen. Ich zitiere aus dem Auskunftsbericht der für die Medien zuständigen MfS-Hauptabteilung XX vom 12. Juni 1967: »Im Staatlichen Rundfunkkomitee Berlin war es Tagesgespräch, daß alle Neueinstellungen von Mädchen im Rundfunk erst durch das Bett von Schnitzler gehen.« Es liegen viele weitere detaillierte IM-Berichte über Ihre Bettgeschichten vor, die aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes aber nicht zugänglich sind. Ich glaube, man hat in der DDR in Ihnen einen Bruder Leichtfuß gesehen, der offiziell die SED in den Himmel gelobt hat, aber privat ein schlimmer Finger war.

Karl-Eduard von Schnitzler: Ich bin es während meines ganzen Lebens gewohnt gewesen, daß Propagandisten aus dem Westen wie Sie mich beschuldigt und beschimpft haben. Bei mir stoßen Sie auf Granit. Damit kommen Sie bei mir nicht an. Und jetzt werde ich den Spieß einmal umdrehen und Sie entlarven. Sie sind gar kein Kölner! Sie sind in Düsseldorf geboren. Ihr Sohn Peter hat das wenige Wochen nach ihrem Tod zugegeben. Ihr Großvater war in Düsseldorf als Puppenspieler tätig, aber um als Kölner Original zu gelten und weil allgemein bekannt ist, daß es zwischen Köln und Düsseldorf Rivalität und sogar Haß gibt, haben Sie das niemals zugegeben, weil Sie gefürchtet haben, daß das Ihrem Image schaden könnte.

Willy Millowitsch: Ja, da haben Sie leider recht. Das war so, aber versetzen Sie sich einmal in meine Lage! Was sollte ich denn tun, nachdem ich in Köln immer erfolgreicher geworden war und das Lied vom ›Kölsche Jung‹ mich festband an diese Stadt? Im übrigen haben Sie in Ihren Fernsehsendungen ständig die Zitate aus dem Zusammenhang gelöst und damit den ursprünglichen Sinn verändert.

Karl-Eduard von Schnitzler: Sie verstehen überhaupt nichts vom Fernsehen.

Willy Millowitsch: Ich war für viele Jahre ein Teil des deutschen Fernsehens, der deutschen Fernsehunterhaltung.

Karl-Eduard von Schnitzler: Nun will ich Ihnen mal was sagen: Meine Tochter Barbara, die Schauspielerin ist, hat über mich in einem Dokumentarfilm gesagt: »Er war ein Witzeerzähler par excellence.« Und meine zweite Ehefrau, die Schauspielerin Inge Keller, hat über mich gesagt: »Sein Charme war par excellence.«

Willy Millowitsch: Nein, wirklich? Dat hätt’ ich jetzt nich für möglich jehalten. Ich habe mir einige Ihrer Fernsehkommentare anjesehen und anjehört. Wie Sie schon in die Kamera jeguckt haben! So jrimmich mit diese dicke Brillenjläser! Und dieser Hohn, mit dem Sie jedes Ereignis besprochen haben. Wenn man das dann ein paarmal sich anjehört hat, wußte man bei den foljenden Sendungen immer jleich, wat kommen wird. Aber einen Witz habe ich darin nie entdecken können. In den Berichten der Stasi-Spitzel gibt es allerdings Bemerkungen, wonach Sie politische und ›schweinische‹ Witze unbekümmert vor privatem Publikum erzählt haben.

Karl-Eduard von Schnitzler: Ich konnte doch keine Witze in der Sendung ›Der Schwarze Kanal‹ erzählen. Das war in dieser Sendung nicht angebracht. Da hatte ich anklägerisch aufzutreten. Meine Tochter meinte damit ja auch nur, daß ich im privaten Kreise ausgesprochen komisch sein konnte.

Willy Millowitsch: Hier is wat Komisches. In der DDR gab es einen Ausspruch: »Was ist ein Schnitz?« Eine Zeiteinheit, die benötigt wird, um montags nach dem beliebten UFA-Unterhaltungsfilm den ›Schwarzen Kanal‹ von und mit Karl-Eduard von Schnitz… — abzuschalten. Die Einschaltquoten wurden denn auch jeheimjehalten. Für die Jahre 1985 bis 1989 hat die Abteilung Zuschauerforschung des DDR-Fernsehens eine Sehbeteiligung von 4,9 % ermittelt. ›Der Schwarze Kanal‹ war auf das ideologische Bewußtsein der DDR-Bevölkerung gerichtet, aber das Komische ist, daß viel mehr westliche Fernsehzuschauer Ihre Sendung sich sogar gern angeschaut haben, weil Sie, wie man mir versicherte, die unfreiwillige Komik, die Sie mit Ihren  Kommentaren erzeugten, zu gern anhörten. Sie haben sich kaputtgelacht. Das galt auch für die Fernsehsendungen vom 1. Mai, wenn das DDR-Fernsehen die endlos langen Militärparaden zeigte und die jugendlichen Zuschauer im Westen sich über die surreale Darstellung amüsierten.

Karl-Eduard von Schnitzler: Für die Grenztruppen der Deutschen Demokratischen Republik war das Anschauen des ›Schwarzen Kanals‹ Pflicht. Das mußte auch so sein, denn nur so wurden die jungen Soldaten in dem Feindbild bestärkt, das sie brauchten, um ihren schweren Dienst durchführen zu können. Meine Frau und ich haben viele Weihnachten lang eine Einheit der Grenztruppen besucht und auf diese Weise unsere kämpferische Verbundenheit bekundet.

Willy Millowitsch: Ja, wat soll ich dazu noch sagen? Ich merke nur, daß ich Appetit bekomme. Wissen Sie was, ich werde für uns eine Spezialität des Hauses bestellen, der Wirt, unser deutscher Landsmann Carl Zuckmayer hat rheinhessischen Humor. Bei ihm im ›Fröhlichen Weinberg‹ kann man ein ›DDR-Jägerschnitzel mit Feuerwehrsauce‹ bestellen, also, aber das wissen Sie natürlich, dat is panierte Jachtwurst. Und dazu werde ich uns einen ›Staatsratsvorsitzenden‹ bestellen, einen klaren Schnaps mit einer Scheibe Leberwurst oben drauf. Nun schauen Sie doch nicht so wie eine beleidigte Leberwurst! Ich weiß, daß Sie über Ihre letzte Ehefrau, die ungarische Sängerin Márta Rafael einen Text für eine Schallplattenhülle verfaßt haben, worin es heißt: »Kleine Schnapsfläschchen aus aller Herren Länder sammelt sie, und zwar volle! Auf fast tausend hat sie’s gebracht und füllt mit diesem liebenswerten Hobby ganze Regale.« Deswegen werde ich Ihnen zu Ehren jetzt einen meiner erfolgreichsten Schlager vortragen: ›Schnaps, das war sein letztes Wort, dann trugen ihn die Englein fort‹.

Aller Anfang ist schwer

Bayerische Ordnung ist keine deutsche Ordnung. (Kurt Tucholsky: Reisende, meidet Bayern!, 7. Februar 1924)

A: Frohes neues Jahr, Herr Nachbar!

B: Gleichfalls! Was haben wir denn in diesem Jahr zu erwarten?

A: Ach, am Jahresanfang versuchen unsere Politiker uns meist mit einem tollen Angebot ins Alltagsleben zurückzuholen. Da wird man auch nie enttäuscht, das haut immer voll rein.

B: Voll rein? Was für eine Art Sprache verwenden Sie denn gerade?

A: Volle Ausrüstung, volle Munitionsdepots, volle Ausbildungsmöglichkeiten!

B: Hat der Russe schon wieder den Militäretat aufgestockt?

A: Iwo! Das ist der bayerische Ministerpräsident, der in seiner Neujahrsansprache diese Töne von sich gegeben hat.

B: Nein, wirklich? Ist unsere Bundeswehr denn unterversorgt?

A: Und wie! Wenn eine ausländische Macht die Bundesrepublik Deutschland jetzt im Handstreich übernehmen möchte, dann ist jetzt der richtige Zeitpunkt dafür. Jetzt oder nie! Ein einmaliges Angebot. Der bayerische Ministerpräsident hat uns verraten, was der deutschen Generalität schlaflose Nächte beschert. Man sei besorgt, ob man überhaupt eine kampfkräftige Brigade aufstellen könne.

B: Oje, das hört sich aber nicht gut an. Dann sind also alle Flanken offen, der Russe bräuchte jetzt nur einzumarschieren.

A: Ja, und der bayerische Ministerpräsident hat deswegen auch gemeint, es werde ernst für uns, wenn Rußland in der Ukraine gewinnen sollte und zugleich die USA sich aus Europa zurückziehen würden.

B: Dann stünden wir völlig nackt da, da käme das Ende der Bundesrepublik also doch schneller als manche Professoren und journalistischen Kommentatoren befürchtet haben.

A: In der Tat, da könnte man höchstens noch auf die Waffenbrüderschaft mit den Franzosen hoffen, es sei denn, der Franzose überlegt es sich dann doch noch einmal und beläßt es bei verbalen Protesten und arrangiert sich mit der neuen russischen Besatzungsmacht, weil ja auch die Franzosen es im Winter warm haben wollen und der Russe mit dem billigen Heizöl als Köder locken wird.

B: So habe ich mir den Anfang des neuen Jahres aber nicht vorgestellt.

A: Beruhigen Sie sich, deshalb hat der bayerische Ministerpräsident ja diese Rede gehalten und uns allen versichert, daß wir nur durch militärische Stärke den Russen beeindrucken können. Und das geht am besten durch einen europäischen »Atom-Abwehrschirm«.

B: Huch! Das erinnert mich an das Jahr 1957, als die Kampagne ›Kampf dem Atomtod‹ entstand. Seit 1953 hatten damals Frankreich und Großbritannien eine Ausrüstung ihrer Streitkräfte mit Atomwaffen gefordert, und zwar, weil diese billiger sei als die konventionelle Aufrüstung der NATO um 96 Divisionen. Schon Ende 1955 berichteten westdeutsche Zeitungen, daß eine atomare Ausrüstung der Bundeswehr früher oder später vorgesehen sei. Ein Jahr später erklärte der damals für die Bundeswehr zuständige Minister Strauß, die Atombewaffnung der Bundeswehr sei bereits beschlossene Sache. Der damalige Bundeskanzler Adenauer  verkündete 1957, die Atomwaffen seien eine »Weiterentwicklung der Artillerie«. Und der Bundestag in Bonn erlaubte mit der Stimmenmehrheit der CDU/CSU-Fraktion 1958 die Aufstellung von Atomwaffen unter dem Oberbefehl der NATO in der BRD. Frankreich widersetzte sich einer Atombewaffnung der Bundesrepublik und Ende 1958 entschied die NATO dann, daß nur die USA das »Schlüsselrecht« zum Einsatz von Atomwaffen in Europa erhalten sollte.

A: Ich staune, wie gut Sie informiert sind. Aber das ist nun alles Geschichte und wir haben heute ganz andere Voraussetzungen als damals. So hat der bayerische Ministerpräsident denn auch als flankierende Maßnahme eine »Drohnenarmee mit 100.000 Drohnen« gefordert. Die Drohne gab es in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts noch nicht.

B: Das ist richtig, aber vielleicht sollte man sich doch entscheiden, was man bevorzugt: Atomwaffen oder Drohnen, denn was nützen diese vielen herumfliegenden Drohnen, die sicher Bomben abwerfen sollen, wenn man über einen ordentlichen Atom-Schirm verfügt. Ist es nicht lustig, daß eine so gefährliche und Millionen Menschen bedrohende Waffe wie die Atombombe als Schirm bezeichnet wird? Man muß doch damit rechnen, daß die Gegenseite auch über diesen Atom-Schirm verfügt, und wenn dann die Kontrahenten beide ihren Regenschirm, nein, Atomschirm aufspannen, welche materielle Kraft stellt dann das Atom analog zum Regen dar?

A: Das ist natürlich nur billige Rhetorik, auf die aber immer genug Leute hereinfallen. Hauptsache, das Wort erfüllt seine beruhigende Funktion. Und wer unter einem Regenschirm geht, das ist ja sehr einleuchtend, wird eben garantiert nicht naß. Der Atomschirm ist demnach die erste Wahl, wenn die Atombomben gezündet werden. So einfach machen es sich die Politiker.

B: Es ist empörend, wie man verschaukelt wird und wie eine so fürchterliche Waffe wie die Atombombe als Regenschirm verharmlost wird!

A: Tja, Politiker brauchen stets Bilder, auch wenn diese nicht immer gut gewählt sind. Sie vertrauen auf die Gutgläubigkeit der Masse. Aber etwas habe ich Ihnen noch gar nicht erzählt: Der bayerische Ministerpräsident hat auch gefordert, die Wehrpflicht wieder einzuführen, die Aussetzung sei aus heutiger Sicht ein Fehler gewesen.

B: Nein, das gibt’s doch nicht. Und sollen die neu eingezogenen Wehrpflichtigen dann zu Atombomben-Spezialisten ausgebildet werden?

A: Seien Sie nicht albern, natürlich nicht. Es macht sich aber immer gut wenn man Masse vorweisen kann, uniformierte Masse. Das gehört zum Einschüchterungsrepertoire jedes Staates, auch wenn der tatsächliche Nutzen mehr als fragwürdig ist. Wir führen im 21. Jahrhundert ja nicht mehr Kriege wie im 17. Jahrhundert, wenn auch die Mentalität des sehr kriegerischen 17. Jahrhunderts heute weltweit wieder vorherrscht.

B: Wann wurde von Politikern dieses Landes jemals mehr Diplomatie gefordert? Gab es jemals Anzeigen und Plakate, wie es sie zuhauf von der Bundeswehr gibt, wo für den diplomatischen Dienst geworben wurde?

A: Das wäre ein Eingeständnis von Schwäche, denn eine Waffe, die das Potential und die Potenz zum Töten hat, ist gegenüber diplomatischem Takt und kluger Verhandlungsführung allemal die erste Wahl für unsere Politiker. Das kommt daher, daß sie ihre Entscheidungen auf der Basis ihres Reptiliengehirns treffen.

B: Vorsicht! Mit solchen Feststellungen können Sie sich leicht eine Beleidigungsklage einhandeln.

A: Wir alle verfügen über ein Reptiliengehirn. Der Neocortex, die Großhirnrinde, ist eine recht neue Entwicklung in der Menschheitsgeschichte, das Substrat unserer Individualität, instabil und damit anfällig für die Bedürfnisse der älteren Hirnschichten. Dazu gehören das Säugergehirn, das limbische System, die Amygdala und der Hypothalamus, die uns dazu anregen, die Gesellschaft anderer zu suchen. Ganz unten sitzt das Reptiliengehirn, wo alle vitalen Lebensfunktionen wie Atmen, der Schlaf-Wach-Rhythmus, Temperaturregelung und Wahrnehmung der Außenwelt, unabhängig von unserem Bewußtsein, ablaufen. Im Neocortex findet die Feinabstimmung dieser vitalen Funktionen statt, hier ist der Ort des abstrakten Denkens, der rationalen Planung, er ermöglicht, auf neue Herausforderungen zu reagieren, es ist die Region der Vernunft. Die Amygdala ist für angstauslösendes Verhalten zuständig und hat immer einen größeren Einfluß auf den Cortex als der Cortex auf die Amygdala.

B: Auf einen medizinischen Vortrag war ich jetzt nicht unbedingt eingerichtet. Aber dennoch, bemerkenswert, was Sie da vortragen, nur wird es wohl leider nicht und niemals Eingang in die öffentliche Diskussion finden.

A: Weil der Schimpanse in uns auf wirkliche oder eingebildete Gefahr immer auf der Basis des Reptiliengehirns reagieren wird. Und willst du nicht mein Bruder sein, so schlag ich dir den Schädel ein. Das hat sich bei Schimpansenhorden bestens bewährt und es bewährt sich auch bei Menschenhorden, wenn sie einen Feind ausgemacht haben. Dafür werfen sie gern Steuergelder zum Fenster raus, und das nur, um sich in einem falschen Sicherheitsgefühl wiegen zu können.

B: »Die politische Führung Deutschlands hatte keinen Begriff von dem Zerstörungspotential der Waffen, die ihr zur Verfügung standen, und ihr fehlte deshalb in der Krise vom August 1914 der Wille, ihren Einsatz zu verbieten.« Das sagt der große schottische Historiker Gordon A. Craig in seinem Buch ›Krieg, Politik und Diplomatie‹ (2001). Und resignierend stellt er an anderer Stelle des höchst lesenswerten Buches fest: »Seit der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen, vor allem aber seit 1945 und den Jahren des Kalten Krieges befindet sich die Diplomatie im historischen Sinn im Niedergang. Die Rolle des Botschafters und des Berufsdiplomaten im Außenministerium wird zunehmend untergraben durch Außenminister, Regierungschefs und der ärgsten aller diplomatischen Erfindungen überhaupt, der Gipfelkonferenz.«

A: Sehr gute Diagnose, die zugleich eine deprimierende Wirkung auf mich hat. Was bilden sich diese Politiker, die durch eine politische Wahl in ihre Ämter gebracht worden sind, eigentlich ein, so zu tun, als würde der Wille des Volkes erfüllt werden, wenn sie solche Forderungen aufstellen, wie es jetzt der bayerische Ministerpräsident getan hat?

B: Ich verstehe diese Leute nicht, die immer noch der DDR nachtrauern, wo es doch in Bayern einen Parallelstaat zur DDR gibt. Die Einparteienherrschaft der CSU dauert heute schon länger als die der SED je gedauert hat.

A: »Reisende, meidet Bayern!« hat Kurt Tucholsky vor genau einhundert Jahren gewarnt.

B: Doch heute ist Bayern nur ein Modell für ganz Deutschland. Wenn ich an die Äußerungen des jetzigen Ministers denke, der für die Bundeswehr zuständig ist. Da spielt die Parteizugehörigkeit auch schon keine Rolle mehr. Die Welt wird immer gleichförmiger und monotoner.

A: Das erklärt die Beliebtheit von Schnellgerichten, ich meine die Fertiggerichte, das Fast Food. Und so, in diesen weichen Kategorien bewegen sich unsere Politiker. Dagegen kommen die Diplomaten in der Politik, die es ja auch gibt, nicht an.

B: Dann warte ich jetzt nur auf die Empfehlungen der Bundesregierung, was man im Falle eines Atomkriegs als Zivilist machen soll.

A: Die Antwort kommt aus den USA. ›Duck and Cover‹! Das war ein 1951 zustande gekommener Zeichentrickfilm, in dem eine Schildkröte vorführt, wie man sich bei einer Atombombenexplosion zu verhalten hat. Man müsse in Deckung gehen, to duck heißt sich ducken, und sich dann bedecken, to cover heißt genau das, zum Beispiel mit einem Mantel oder einer Zeitung.

B: »Nicht die Unermeßlichkeit des Sternenhimmels kann uns die vollkommene Idee des Unendlichen liefern, sondern eher die menschliche Dummheit.« (Ernest Renan)

Neue Gespräche im Elysium XII

Im Jahr 1683 erschienen die ›Dialogues des morts‹, Autor war Bernard le Bouvier de Fontenelle (1657–1757). In diesen fiktiven Gesprächen wurden Personen der Geschichte zusammengebracht, die sich während ihres Lebens niemals begegnet waren. Es gab neben Fontenelle eine ganze Reihe anderer Autoren, die dieses Konversationsspiel pflegten, so Boileau, Fénelon, Voltaire, Henry Fielding und Christoph Martin Wieland (›Gespräche im Elysium‹, 1780). Aller Vorbild war aber Lukian (um 120 – um 180 n.u.Z.), der neben ›Göttergesprächen‹, ›Hetärengesprächen‹, ›Meergöttergesprächen‹ auch ›Totengespräche‹ verfaßte. Hier wird diese lange Tradition fortgeführt. 

 Friedrich Engels meets Carl Zuckmayer

In Stuttgart ließ man Schulkinder durch die Stadt marschieren, die Spruchbänder trugen: ›Eltern, bewahret Eure Reinheit, geht nicht in den Fröhlichen Weinberg!‹ (Sie gingen.)
(Carl Zuckmayer: Als wär’s ein Stück von mir. Horen der Freundschaft, 1966, 484)

 Carl Zuckmayer (durchquert mit einem großen Tablett den Raum seines Restaurants ›Zum Fröhlichen Weinberg‹, hält vor einem der Tische, und setzt es dann ab): So, bitte sehr, hier kommt ein grüner Salat und ein Irish Stew, Ihre Lieblingsspeisen. Und dazu eine Flasche 1921er Nackenheimer, das ist der Wein, den ich während der Premiere meines Lustspiels ›Der fröhliche Weinberg‹ hinter den Kulissen getrunken habe. Ich konnte Alkohol immer vertragen, ich bin ihm treu geblieben. Der berühmte Jahrgang 1921 war einer der größten Jahrgänge, ein heißer Sommer führte zu vollreifen Trauben und durch den schönen Herbst konnten die Trauben unbeschadet in die Keller gebracht werden.

Friedrich Engels: Das ist aber aufmerksam von Ihnen, Herr Zuckmayer! Es stimmt, Salat und Irish Stew esse ich für mein Leben gern. Meine Auffassung vom Glück fällt aber noch einfacher aus, ich sage nur: Château Margaux 1848. Da könnten wir uns auf allerhöchstem Niveau einen schönen Rausch antrinken. Ich erinnere mich an die Silvesternacht 1888/89. Als das neue Jahr anbrach, war die Luft so dick wie Erbsensuppe. Keine Aussicht fortzukommen; unser Droschkenkutscher, für ein Uhr bestellt, kam nicht, und so mußte die ganze Gesellschaft bleiben, wo sie war. Also fuhren wir fort mit Trinken, Singen, Kartenspielen und Lachen bis halb sechs. Draußen klarte es etwas auf; es war nach sieben Uhr, als wir schlafen gingen und ungefähr um 12 oder 1 standen wir wieder auf, um zum Pilsner zurückzukehren. Die Sonne schien klar auf einen prachtvoll gefrorenen Boden. Der fidele Abend sagte uns allen außerordentlich zu, und niemandem von uns war das Gelage schlecht bekommen. Die anderen tranken ungefähr um halb fünf Kaffee, aber ich blieb bis um sieben beim Rotwein. Silvester 1890/91 haben wir dann bis halb vier Uhr morgens gekneipt und vertilgten, den Rotwein nicht gerechnet, 16 Flaschen Schaumwein. Das Jahr darauf mußte ich mir dann aber eingestehen, daß der gute Wein und leider auch das Pilsener Bier die Herznerven etwas in Unordnung brachte. Les jours se suivent et ne se ressemblent pas, und so geht’s mit den Weinjahren.

 Carl Zuckmayer: Ich bin ja am 27. Dezember 1896 in Nackenheim am Rhein geboren, und 1896/97 war der Rhein zugefroren, so fest, daß zu Silvester bei Fackelschein auf dem vereisten Fluß getanzt wurde. Mein Vater hatte übrigens in Nackenheim eine kleine Fabrik für Weinflaschenkapseln. À propos Château Margaux 1848! Dieser Jahrgang hat tatsächlich immer noch eine unvergleichliche Frische. Ich hatte vor einigen Jahren Gelegenheit, eine Flasche Château Margaux 1848 zu ergattern, es hat mich zwar mehr als ein kleines Vermögen gekostet, aber was soll’s! Heute bekommt man den schon nicht mehr, man muß stattdessen mit einem 1870er vorlieb nehmen, der kostet im Moment pro Flasche 8.316 €, hingegen schlägt der 1884er Jahrgang mit stolzen 13.643 € zu Buche. Erstaunlicherweise bekommt man einen Château Margaux aus dem Jahr 1890 für nicht mehr als 1.652 €.

Friedrich Engels: La belle France! Und welcher Wein! Welche Verschiedenheit, vom Bordeaux bis zum Burgunder, vom Burgunder zum schweren St. Georges, Lünel und Frontignan des Südens, und von diesem zum sprudelnden Champagner! Welche Mannigfaltigkeit des Weißen und des Roten, vom Petit Mâcon oder Chablis zum Chambertin, zum Château Larose, zum Sauterne, zum Roussilloner, zum Ai Mousseux! Und wenn man bedenkt, daß jeder dieser Weine einen verschiedenen Rausch macht, daß man mit wenig Flaschen alle Zwischenstufen von der Musardschen Quadrille bis zur ›Marseillaise‹, von der tollen Lust des Cancans bis zur wilden Glut des Revolutionsfiebers durchmachen und sich schließlich mit einer Flasche Champagner wieder in die heiterste Karnevalslaune von der Welt versetzen kann! An dem langen Abhang, der nach Auxerre hinunterführt, sah ich die ersten Burgunder Reben, zum großen Teil noch belastet mit der unerhört reichen Traubenernte des Jahres 1848. An manchen Stöcken sah man fast gar keine Blätter vor lauter Trauben. Auxerre war belebt, wie es nur einmal im Jahre belebt ist. Hier war nicht ein Lokal, hier war die ganze Stadt rot dekoriert. Und welches Rot! Das unzweifelhafteste, unverhüllteste Blutrot färbte die Mauern und Treppen der Häuser, die Blusen und Hemden der Menschen; dunkelrote Ströme füllten sogar die Rinnsteine und befleckten das Pflaster, und eine unheimlich schwärzliche, rotschäumende Flüssigkeit wurde von bärtigen, unheimlichen Männern in großen Zubern über die Straßen getragen. Die rote Republik schien mit allen ihren Gräueln zu herrschen, die Guillotine. Aber die rote Republik von Auxerre war sehr unschuldig, es war die rote Republik der burgundischen Weinlese, und die Blutsäufer, die das edelste Erzeugnis dieser roten Republik mit so großer Wollust verzehren, sind niemand anderes als die Herren honetten Republikaner selbst, die großen und kleinen Bourgeois von Paris. Wer nur in dieser roten Republik die Taschen voll Geld gehabt hätte! Die Lese von 1848 war so unendlich reich, daß nicht Fässer genug gefunden werden konnten, um all den Wein aufzunehmen. Und dabei von einer Qualität, besser als 1846er, ja vielleicht besser als 1834er! Ich habe selbst gesehn, wie ein Weinhändler in Auxerre mehrere Fässer 1847er, ganz guten Weins, auf die Straße auslaufen ließ, um nur Fassung zu bekommen für den neuen Wein.

Carl Zuckmayer: Wie bedauerlich, daß ich diese Zeit nicht miterleben konnte. Die Mitte des 19. Jahrhunderts war eine Wasserscheide, da hätte sich so vieles auf so vielen Gebieten des Lebens entscheiden können, anders entscheiden können, aber die menschliche Dummheit und Feigheit und die große Angst vor dem Kommunismus hat alles das vorbereiten helfen, was dann in den beiden Weltkriegen zu Anfang des neuen Jahrhunderts kulminierte. Ein Trauerspiel, eine Welttragödie! Wissen Sie, wenn ich ehemalige Kriegsteilnehmer später wiedertraf, dann haben wir über den Krieg geschwiegen, denn man hatte da über etwas zu schweigen, das man besser wegsoff. Wir waren die verlorene, geschlagene Generation. Mut, Leidensbereitschaft, Heiterkeit, das habe ich in diesen Jahren gelernt. In meinen Lebenserinnerungen ›Als wär’s ein Stück von mir‹ habe ich Sie sogar einmal zitiert: »Die Schweiz zeigte damals den Emigranten von 1848/49 ihre rauhe Seite.« Und hinzugefügt: Neunzig Jahre später, anno 1938/39, war diese Seite nicht zarter geworden. (Greift in seine Jacke und holt zwei riesige schwarze Dannemann-Brasil-Zigarren heraus und bietet Engels eine davon an): Hier, die müssen wir jetzt aber entflammen, im Gedenken an die früheren Kampfjahre, die habe ich übrigens von Ilya Ehrenburg geschenkt bekommen. Lang, lang ist’s her.

Friedrich Engels (nimmt die Zigarre, läßt sich Feuer geben, zieht vorsichtig und stößt dann einen schönen Rauchkringel aus, dann nachsinnend…): Sie mußten aus Österreich fliehen, weil 1933 die NSDAP sich in Deutschland an die Macht geschlichen hatte und Österreich kurz vor der Besetzung durch die deutschen Faschisten stand. Nun ja, wechseln wir doch besser das Thema. Wir haben bisher nur vom Wein gesprochen, aber es gibt ein Getränk, das die politische Geschichte Preußens im 19. Jahrhundert völlig umgekrempelt hat: der Schnaps. 1876 habe ich in einem längeren Artikel über die Herstellung von Schnaps dargelegt, wie die Kartoffel statt des bisher verwendeten Korns zur Basis der preußischen Schnapsproduktion wurde. Der Branntwein war neben dem Bier das Getränk des Proletariats. Das Infame des Kartoffelschnapses war das darin enthaltene sehr giftige Fuselöl. Die Besoffenheit, die früher das Drei- und Vierfache gekostet hatte, war jetzt auch den Unbemitteltsten tagtäglich zugänglich gemacht worden, seit der Mann für 15 Silbergroschen die ganze Woche lang im höchsten Tran bleiben konnte. Scharenweise Arm in Arm, die ganze Breite der Straße einnehmend, schwankten von 9 Uhr abends an die ›besoffenen Männer‹ unter disharmonischem Gejohle von Wirtshaus zu Wirtshaus. Der Charakter des Rausches hatte sich total verändert. Jede Lustbarkeit, die früher mit gemütlicher Anheiterung und nur selten mit Exzessen endigte, jede solche Lustbarkeit artete nun aus in ein wüstes Gelage und endigte mit unfehlbarer Keilerei. Der Branntwein blieb für die Arbeiterklasse ein Lebensbedürfnis in höherem Grade als zuvor. Aber nun kommt es: Von dem sauren dünnen Mosel- und Rheinwein schlechter Lagen, der mit Kartoffelzucker und Kartoffelsprit in Brauneberger und Niersteiner umgezaubert wird, von dem schlechten Rotwein bis zum Château Lafitte und Champagner, Portwein und Madeira ist kein Getränk, in dessen Zusammensetzung nicht preußisches Fuselöl hineingepantscht wurde.

Carl Zuckmayer: Nach dem Ersten Weltkrieg soffen wir den aus Kartoffelschalen gebrannten ›Monopolschnaps‹, den die staatlichen Destillerien verkauften, bis uns der Schädel rauchte. Aber was Sie am Beispiel des Kartoffelschnaps erzählt haben, das ist für das ganze 19. Jahrhundert symptomatisch gewesen: Lebenmittelverpanschung und in der Folge Vergiftung. Eine furchtbare Tatsache, von deren verheerenden Dimensionen man sich heute kaum noch eine Vorstellung macht. In Österreich hat man 1985 mit dem Frostschutzmittel Diethylenglycol den Wein vermanscht. Es wird a Wein sein, und mir wer’n nimmer sein. Unter diesem Vorzeichen bekam das Lied eine ganz andere Bedeutung. Der Wein als Mordinstrument, der Genuß von Wein als unbeabsichtigter Selbstmord.

Friedrich Engels: Aber um noch einmal auf den Wein als Genußmittel zu kommen! Der Wein wurde auch als Heilmittel angesehen. Zu meinen Lebzeiten haben die Ärzte noch regelmäßig Wein als Medizin verschrieben. Es galt die Regel: Bordeaux und Port für die Kranken, Rhein- und Moselweine für die Gesunden. Und so hat der Hausarzt von Marx ihm manchmal 3–4 Gläser Portwein, eine halbe Flasche Bordeaux täglich und das vierfache vom gewöhnlichen Essen verschrieben. Marx äußerte sich 1866 dazu in mehreren Briefen: »Da ich aus einer Weingegend, nämlich Trier, stamme und Ex-Weinbergbesitzer bin (mein Vater besaß einen kleinen Weinberg an der Mosel) weiß ich den Wert des Weins sehr wohl zu schätzen. Ich denke sogar selbst ein bißchen wie der alte Luther, daß ein Mann, der den Wein nicht liebt, niemals etwas Rechtes zustande bringt. (Keine Regel ohne Ausnahme.) Der Wein tut jetzt Wunderdinge an mir. Mehr als aller Medizin verdanke ich dem Bordeaux.« Marx hat sogar seiner Tochter Laura eine »Champagnerkur« verschrieben und dann entschieden, danach müsse sie nun ausschließlich Rotwein trinken. Das würde man heute unter ganz anderen medizinischen Voraussetzungen nicht mehr verordnen. Man hat ja sogar Kindern Alkohol als Medizin gegeben, in kleinen Dosen. Mehr noch als den Château Margaux von 1848 vermisse ich aber den Klassenkampf. Da will ich Ihnen schon reinen Wein einschenken. Den Klassenkampf vermisse ich schon sehr. Hier auf der ›Insel der Seligen‹ ist eine Stimmung wie in einer ewigen Schweiz. Sie wissen, ich bin kein Volksredner und kein Parlamentarier, meine Arbeit liegt auf einem anderen Feld, ich arbeite meist in der Studierstube und mit der Feder. Doch die Zeit um 1848, als ich mit Marx und den anderen Genossen mitten in den Kämpfen um die Revolution in Deutschland stand, das war eine aufregende Zeit, die für mich nicht wiederkommen wird. Und nun, wo ich tot bin, erst recht nicht. (Im Hintergrund hört man jetzt den Silvester-Countdown… Ten, Nine, Eight…): Nanu, sind heute am Silvesterabend nur Engländer in Ihrem Lokal?

Carl Zuckmayer: Oh nein, das sind alles US-Amerikaner, genauer gesagt: Komparsen aus Billy Wilders Film ›The Apartment‹, alle die Leute, die auf der Weihnachtsparty und in der Schlußszene mit Fred MacMurray und Shirley MacLaine in dem kleinen chinesischen Restaurant aufgetreten sind. Die kommen schon seit einigen Jahren zu mir. (Seven, Six, Five…) 

Friedrich Engels: Na sowas, da kreuzen sich ja Film und Realität, wenn man denn das Elysium als Realität anerkennen will. Ich tue es, denn meine Weinbestände, einmal die in meinem wohlassortierten Weinkeller mit gleichmäßiger Temperatur und Raum für fast 100 Dutzend in 8 gemauerten Abteilungen, und die bei meinem Weinhändler Twigg & Brett eingelagerten Bestände. Beide mußte ich nach meinem Ableben zurücklassen, konnte sie aber dank meiner alten Handelsverbindungen hierher transferieren lassen: Unter anderem 77 Dutzend Flaschen Claret, 48 Dutzend Flaschen Portwein und 13 Dutzend Flaschen Champagner. Zu meinem siebzigsten Geburtstag hielten wir durch bis halb vier Uhr morgens und tranken außer Claret 16 Flaschen Champagner, am Morgen hatten wir 12 Dutzend Austern verzehrt. (Four, Three, Two…) Und hier ist eine von diesen Flaschen Champagner! (Engels zieht unter dem Tisch aus einem Kühlbehälter eine leicht eingestaubte Flasche Champagner hervor und nestelt geschickt am Verschluß… One… ›Happy New Year!‹ schallt es im Weinrestaurant, alles fällt sich in die Arme, Gläser klingen und auch Engels hat inzwischen seine Flasche ploppen lassen und gießt in zwei bereitgestellte Champagnergläser den edlen Saft und reicht Carl Zuckmayer eines). Auf ein gesundes neues Jahr, lieber Carl! Auf daß uns auch 2024 der Wein und der Champagner nicht ausgehen sollen! (Aus dem Hintergrund hört man ›Auld Lang Syne‹ … We’ll drink a cup of kindness yet / For the sake of auld lang syne.)

Das Fest der Liebe

All you need is love.
All you need is love.
All you need is love, love.
Love is all you need.
(The Beatles: All you need is love, 1967)

War, huh (good God y’all)
What is it good for?
Absolutely nothing
Say it, say it, say it
War (uh-huh), huh (yeah, huh)
What is it good for?
Absolutely nothing, listen to me
(Edwin Starr: War, 1970) 

 

Am Gartenzaun

Frau Pannemeyer und Prof. Friedrich Lensing unterhalten sich.

Prof. Friedrich Lensing: Guten Morgen, Frau Nachbarin, na, alle Weihnachtseinkäufe erledigt? Kann das ›Fest der Liebe‹ bei Ihnen in der Familie beginnen?

Frau Pannemeyer: Ach, herrje, Herr Professor, da fragen Sie mich etwas! Jedes Jahr ist es doch die gleiche Jachterei. Es soll jedes Jahr anders werden und es bleibt doch jedes Jahr wieder das gleiche. Man rennt herum, sucht nach schönen Geschenken, steht den ganzen Tag am Herd und kocht und bäckt. Und was ist dann am Weihnachtstag? Man ist erschöpft und müde und möchte am liebsten einfach nur sofort ins Bett fallen und ausschlafen.

Prof. Friedrich Lensing: Ja, das kann ich gut verstehen, es geht vielen Menschen so, die an Weihnachten sich bemühen, den Sinn des Festes mit Leben zu erfüllen, und dabei werden sie hinter ihrem Rücken doch bloß zu Anhängseln eines blinden Mechanismus. Vor allem soll es ja alles aus Liebe und mit viel Liebe geschehen. Weihnachten, das Fest der Liebe. Ein christlicher Glaubenssatz, den man nicht glauben muß.

Frau Pannemeyer: Da sagen Sie etwas, Herr Professor! Manchesmal schon habe ich mich gefragt, wo denn bei diesem ganzen Trubel die Liebe abbleibt. Sicher, wir wollen alle unseren Familienangehörigen eine Freude machen und geben uns große Mühe, daß es auch eine wird, aber dann kommt es, ohne daß dies jemand plant, an den Weihnachtstagen zu Streit und Haß, zu Familienzerwürfnissen und Türenschlagen. Dann sitzt man am festlich gedeckten Weihnachtstisch und möchte einfach nur noch weinen. Das christliche Fest der Liebe wird zu einem Schlachtfeld, wo der das ganze Jahr über verborgene Haß losbricht und man sich gegenseitig mit Vorwürfen quält und sich danebenbenimmt. Und lassen Sie uns gar nicht erst vom Zustand der Welt sprechen, wo zu Weihnachten es jedes Jahr irgendwo auf dieser schönen Erde Krieg gibt.

Prof. Friedrich Lensing: Ich stimme Ihnen in allem zu, liebe Frau Pannemeyer, und teile Ihren Schmerz. Das Fest der Liebe ist eine Illusion. Ja, die Vorstellung, die die Menschen von der Liebe an sich haben, ist ganz falsch. Man meint, wenn alle Menschen sich lieben würden, dann gäbe es auch Frieden zwischen den Menschen und auf der Welt, aber das stimmt nicht. Die Liebe ist eine alles auflösende Macht, sie verbindet nicht, sie trennt. Liebe ist ursprünglich ganz das gleiche wie Haß und ist zunächst nur das Begehren, etwas Gleiches einzuschlingen. Lieben und Hassen sind letzte Faktoren des Seelenlebens, es ist immer Eins- oder Gegenfühlung. Die Wirklichkeiten menschlichen Liebens und Hassens sind so unsäglich bunt und inkalkulabel, daß axiomatische Sätze faktisch und praktisch immer und ewig ideal bleiben. Der kindliche Gedanke Kants, daß die unwiderlegliche Einsichtigkeit eines kategorischen Imperativs jemals das wirkliche Wollen eines wirklichen Menschen ›motivieren‹ werde, ist unbeschreiblich absurd.

Frau Pannemeyer: Sie überfordern mich, lieber Herr Professor. Das ist mir alles ein bißchen zu hoch. Haß ist doch schrecklich, den kann man nicht mit Liebe vergleichen, weil es doch das grade Gegenteil ist.

Prof. Friedrich Lensing: Liebe braucht durchaus nicht ›besser‹ zu sein als Haß, Großmut nicht ›besser‹ als Rache. Haß ist ein ganz und gar menschliches Gefühl, das man auch ausdrücken muß. Dieses Gefühl darf nicht unterdrückt oder verboten werden, aber gerade das geschieht, wenn man beispielsweise im Internet sogenannte ›Haßkommentare‹ löschen läßt und die Politiker in einem fort uns predigen, daß wir auf Haß verzichten sollen. Das ist eine naive Sicht des Menschen, die hier zum Ausdruck kommt. Entscheidend ist doch, daß aus dem Haß nicht Gewalt wird, da muß man die Grenze ziehen. Wer aber meint, man müsse den Menschen ihre Haßgefühle nehmen und sie dazu erziehen, auf sie ganz zu verzichten, ist ein ziemlich einfältiger Geist.

Frau Pannemeyer: Sie meinen also, es ist nicht schlimm, wenn man seinen Haß laut ausspricht und kein Blatt vor den Mund nimmt?

Prof. Friedrich Lensing: So wie man die Liebe zu den Menschen nicht lehren kann. Man muß sie fühlen. So muß man auch den Haß, den man hat, fühlen, spüren und ausdrücken. Das hat eine befreiende Wirkung. Leider gibt es genug Menschen, die meinen, Haß und Gewalt gehören zusammen und wer gehässig ist, muß dann auch gewalttätig sein. Dieser Zusammenhang läßt sich empirisch zwar mehr als genug nachweisen, aber logisch zwingend ist er nicht. Im Gegenteil! Ich behaupte sogar, daß, wer seine Haßgefühle verboten bekommt, dann als Ersatz zur Gewalt greift, weil das Gefühl, die Energie, die darin steckt, irgendwie abgeleitet werden muß. So entstehen Ressentiments, die nur darauf warten, bei passender Gelegenheit aufzubrechen. Dann wundern sich plötzlich alle, wie ein all die Jahre stiller und bescheidener Bürger auf einmal Amok läuft und mit einem Gewehr zu Weihnachten seine ganze Familie auslöscht.

Frau Pannemeyer: Ohgottogott! Beschwören Sie nur das nicht. Wir haben heute Abend Verwandtschaft zu Gast, die bei verschiedenen Gelegenheiten nicht nur zu Weihnachten bewiesen hat, daß sie leicht ausfällig werden kann.

Prof. Friedrich Lensing: Beruhigen Sie sich nur, liebe Frau Pannemeyer, es wird nichts dergleichen geschehen, da bin ich mir ganz sicher. Wir haben alle ja Hemmschwellen in uns, die eigentlich der beste Garant dafür sind, daß es nicht zum Schlimmsten kommt. Zwar lauert in jedem von uns der Urmensch mit seinen gewalttätigen Trieben, aber es gibt den Käfig der Kultur, der die Menschen davor bewahrt, zu Unmenschen zu werden. Wir Menschen würden sterben, wenn wir uns nicht eingekäfigt hätten in Logik und Moral. Stürzte dieses Kulturgefängnis zusammen, dann bräche Urwirre über uns herein. Und das ist ja dann auch schon einige Male geschehen, in Deutschland zuletzt zwischen den Jahren 1933 und 1945.

Frau Pannemeyer: Das wollen wir inständig hoffen, daß solche Zeiten niemals wiederkommen.

Prof. Friedrich Lensing: Um das zu erreichen, ist das Löschen von ›Haßkommentaren‹ ganz sicher nicht der richtige Weg, das führt nur zu einer Stauung des vorhandenen Hasses, der sich dann ein anderes Ventil suchen muß. Und das findet der aufgestaute Haß dann in der Gewalt. Sehen Sie, der bayerische Satiriker Gerhard Polt hat einmal gesagt, er gehe im Winter gern zum Eisstockschießen, das sei eine gesellige Sache. Da steht eine Mannschaft gegen eine andere und man muß alles tun, seinen Gegner zu schmähen und mit Verbalinjurien zu überschütten. Und das sei schön, ein Heidenspaß: »Du Amsel, du blöde, du blödes Grachal, du Matz, du verreckte, hoit dei Fotzn, sag i, du Schoaßwiesn, du ogsoachte, du Schoaßblattern, du Brunzkachl, du ogsoachte, du Hämorrhoidenbritschn, so was wie du ghert doch mit der Scheißbürstn nausghaut!« Danach geht man gemeinsam in eine Wirtschaft und prostet sich mit einem Schnaps zu. Und es herrscht Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen. Fröhliche Weihnachten!

Neue Gespräche im Elysium XI

Im Jahr 1683 erschienen die ›Dialogues des morts‹, Autor war Bernard le Bouvier de Fontenelle (1657–1757). In diesen fiktiven Gesprächen wurden Personen der Geschichte zusammengebracht, die sich während ihres Lebens niemals begegnet waren. Es gab neben Fontenelle eine ganze Reihe anderer Autoren, die dieses Konversationsspiel pflegten, so Boileau, Fénelon, Voltaire, Henry Fielding und Christoph Martin Wieland (›Gespräche im Elysium‹, 1780). Aller Vorbild war aber Lukian (um 120  – um 180 n.u.Z.), der neben ›Göttergesprächen‹, ›Hetärengesprächen‹, ›Meergöttergesprächen‹ auch ›Totengespräche‹ verfaßte. Hier wird diese lange Tradition fortgeführt. 

Marlene Dietrich meets Nikita Sergejewitsch Chruschtschow 

Diese Fähigkeit nun, die Phantasie der Massen in Gang zu bringen, dadurch, daß sie Gelegenheit hat, aus bestimmten Personen ›sich etwas zu machen‹, bezeichne ich mit dem Wort ›Illusionsfassade‹. Bedenken wir, daß der Mensch, wo immer er liebt und haßt, kein anderes Mittel hat als die sinnbildliche Verpersönlichung. Die Aufhebung des Gegensatzes von Persönlichkeitskult und Massenseele und die Apotheose der Person zugunsten der Gruppenvertreterschaft ist die ewige Leistung der Geschichte. (Theodor Lessing, 1927)

Hören Sie ergänzend dazu den Text ›Geständnis eines Filmstars‹ (1928):
https://theodorlessingedition.de/edition-und-herausgeber/audio-hallo-hier-spricht-theodor-lessing/ 

Marlene Dietrich (mit fest umwickeltem Kopftuch und umgebundener Schürze, eine Zigarette im linken Mundwinkel, ruft aus ihrer Küche, in der sie eifrig zugange ist, in das gegenüberliegende geräumige Wohnzimmer ihrem Gast zu, der völlig durchnäßt in der Mitte des Raumes steht): Gehen Sie doch in das Zimmer gleich rechts von Ihnen, ins Bad, und legen Sie Ihre nassen Sachen dort auf den Rand der Badewanne, und dann gehen Sie in das danebengelegene Zimmer, da habe ich Ihnen einen halbwegs passenden Bademantel hingelegt. Es hängen in meinem begehbaren Kleiderschrank noch eine ganze Reihe Sachen von meinen ehemaligen Männern. Schauen Sie einmal hinein, vielleicht finden Sie ja etwas, obwohl ich es bezweifle, in Ihrer Größe. Sie müssen unbedingt aus ihren nassen Kleidern heraus. Der Regen hat immer noch nicht aufgehört. Solche Schauer kommen hier öfter vor als man annimmt, man sollte immer einen Regenschirm dabeihaben.

Nikita Chruschtschow: Oh, da bin ich Ihnen aber sehr verbunden, vielen Dank, das ist sehr freundlich von Ihnen. Man trifft auf der sogenannten ›Insel der Seligen‹ nicht so viele hilfsbereite Seelen. Der Kommunismus ist hier noch nicht Realität geworden.

Marlene Dietrich (die mit einem dampfenden Topf Suppe den Raum betritt): Hören Sie doch damit auf, das ist doch alles Quatsch. Das Meiste im menschlichen Leben ist Quatsch. Lassen Sie uns dieses Thema gar nicht erst vertiefen. Das verdirbt die Stimmung. So! Jetzt wird aber gefuttert! Lassen Sie es sich schmecken, das ist eine meiner Kraftbrühen, die haben noch jedem Kranken auf die Beine geholfen. Und Sie sind ja nur von einem Regenschauer überrascht worden, also das wird schon wieder. Wir werden keinen Doktor brauchen.

Nikita Chruschtschow (nimmt einen Löffel Suppe): Mmhh! Das schmeckt aber gut. Sie haben mich wieder ins Leben zurückgebracht.

Marlene Dietrich: Na na, nun machen Sie mal keine große Sache daraus, das ist doch nur meine Kocherei, das habe ich zeitlebens betrieben, das mußte sein. Es war allerdings meist eine flankierende Maßnahme, um meine Liebhaber bei der Stange zu halten. Liebe geht durch den Magen, auch wenn die Männer meinten, erst wenn sie ihr ›Ding‹ in mich gesteckt hatten, sei es die ›wahre‹ Liebe geworden. Dieses ewige Getue um den Sex. Sex, Sex, Sex! Was hat es damit denn schon auf sich? Steck ihn rein, zieh ihn raus — und das müssen wir studieren wie dieser Kinsey? Ich bin Romantikerin und da ich aus Erfahrung weiß, daß leider Gottes Sex dazugehört, um den Mann glücklich zu machen, habe ich immer nachgegeben. Ich mußte häufig die Männer erhören, wenn sie darum baten, ›es‹ tun zu dürfen, weil sie so schüchtern und süß fragten. Um ihnen eine Freude zu machen, habe ich mich ihnen dann hingegeben. Es gab aber auch andere Dinge, die ich anwandte, um sie aus der Fassung zu bringen. Ich hatte da einen Trick, mit dem ich jeden Mann verrückt gemacht habe, eine Art Aneinanderpressen der Körper im Stehen. Dabei legt man dem Gegenüber die Arme um den Nacken und schiebt, die Füße fest auf dem Boden, das Becken nach vorn, bis es die Beckenregion des anderen berührt, dann verharrt man in dieser Position und zieht den übrigen Körper nach.

Nikita Chruschtschow: TMI! TMI!

Marlene Dietrich: Was sagen Sie?

Nikita Chruschtschow: Ach, als ich zu Besuch in Amerika war, 1959, habe ich einige Redewendungen aufgeschnappt. TMI ist eine davon. Too much information! Sie müssen ihr Privatleben nicht unbedingt vor mir in allen Einzelheiten ausbreiten.

Marlene Dietrich: Ach, Gottchen, Sie sind aber empfindlich!

Nikita Chruschtschow: Sagen Sie das nicht: My baby does the hanky-panky.

Marlene Dietrich: Na so was! Sie sind ja ein drolliges Dickerchen!

Nikita Chruschtschow: Am 14. Oktober 1964 wurde ich gestürzt.

Marlene Dietrich: Gestürzt! Wem sagen Sie das. Das fing irgendwann in meinen fortgeschrittenen Jahren auch bei mir an, und nicht nur einmal, sondern immer wieder bin ich in den Orchestergraben gefallen. Meine Tochter Maria meint in ihrem Buch ›Meine Mutter Marlene‹ (1992), das sei darauf zurückzuführen, daß ich betrunken auf die Bühne gegangen und dann am Bühnenrand umgekippt bin.

Nikita Chruschtschow: Der Genuß und Mißbrauch von Alkohol war und ist in Rußland ein großes Problem. Einer meiner späteren Nachfolger, Genosse Gorbatschow, hat versucht, den ständigen Verzehr von Wodka abzuschaffen, aber das hat ihm alle Sympathien des russischen Volkes gekostet. Danach hat ihn eine Schnapsdrossel namens Jelzin im Amt beerbt. Mit ›Sturz‹ meinte ich aber nicht das unbeabsichtigte Hinfallen, sondern die politische Entmachtung meiner Person.

Marlene Dietrich: Richtig, das ist natürlich etwas anderes, obwohl mit meinen Stürzen dann auch das Ende meiner Gesangskarriere eingeleitet wurde. Ironisch, nicht wahr, daß ich meinen Beinen so viel zu verdanken habe, daß sie so oft photographiert wurden und zu meinem Ruhm beigetragen haben, und dann haben sie auf einmal ihren Dienst verweigert und mich im Stich gelassen.

Nikita Chruschtschow: Als Kind lehrte man mich, mit den Erwachsenen in der Kirche vor den Ikonen zu knieen und zu beten.

Marlene Dietrich: Da sind Sie bei mir an der richtigen Adresse. Ich bin eine Ikone, und was für eine. Eine Zeit lang lag mir die halbe Welt zu Füßen. Wissen Sie, ich habe im Mai und Juni 1964 in Moskau und Leningrad gesungen und ich muß Ihnen sagen, daß ich schon immer die Russen geliebt habe, und zwar wegen ihrer großen Schriftsteller und Komponisten, aber auch wegen der russischen Seele, weil die Russen keine lauwarmen Gefühle kennen. Sie sind entweder sehr traurig oder sehr glücklich. Ich bin stolz darauf, sagen zu dürfen, daß ich selbst eine russische Seele habe. Ich wollte unbedingt den Schriftsteller Konstantin Paustowskij kennenlernen und als er bei meinem ersten Moskauer Konzert im Publikum war, bat ich ihn auf die Bühne, küßte seine Hand und kniete vor ihm nieder, denn leider kann ich kein Russisch und so war es diese Geste der Bewunderung, die das ersetzen sollte.

Nikita Chruschtschow: Die meisten Ausländer glauben, es gäbe eine ›russische Seele‹. Wir lassen sie in dem Glauben. Da rühren Sie an eine schmerzliche Erinnerung. Stalin fand es unterhaltsam, Leute in seiner Umgebung zu beobachten, wenn sie in Verlegenheit gerieten oder sich gar in entwürdigenden Situationen befanden. Er brachte sie aber auch gern in solche Situationen. Einmal forderte er mich auf, vor einigen hohen Parteileuten den ›Gopak‹, einen ukrainischen Volkstanz, zu tanzen. Ich mußte also in die Hocke gehen und die Füße hochwerfen, das fiel mir gar nicht leicht. Ich habe dazu ein vergnügtes Gesicht gemacht, denn wenn Stalin sagt: Tanze! — dann tanzt ein kluger Mann. In dem Buch ›Anatomie der menschlichen Destruktivität‹ (1973) von Erich Fromm wird Stalin als »ein klinischer Fall von nichtsexuellem Sadismus‹ beschrieben. Es war der Wunsch, den Menschen zu zeigen, daß er absolute Macht und Gewalt über sie besaß. In meinen auf Tonband gesprochenen Erinnerungen, die später als Buch auch auf Deutsch erschienen sind, habe ich viele Beispiele für dieses grausame Verhalten angeführt. Fjodor Burlazki hat in einem »politischen Porträt« 1990 über mich gesagt: »Stalin ist unter uns und lebt in uns. Wir müssen den Stalinismus Tropfen um Tropfen aus uns herauspressen.« Wenn man bedenkt, daß heute, im Jahre 2023, in Rußland eine Figur wie Putin das Land beherrscht, so ist das immer noch ein Auftrag, den das russische Volk nicht erfüllen konnte.

Marlene Dietrich: Ich habe mein ganzes Leben lang Huren gespielt. Orson Welles hat einmal über mich gesagt: »Ein Schauspieler ist dann am besten, wenn er seinen eigenen Typ spielt.« Na, was für ein Früchtchen, aber ich habe ihn sehr gemocht. Sie gehen aber auf gar keinen Fall von hier weg, ehe Sie mir nicht die ›Schuhgeschichte‹ erzählt haben.

Nikita Chruschtschow: Ach, das war 1960 auf der 15. UNO-Vollversammlung, da habe ich einen Delegierten als Speichellecker, Fatzke und Imperialistenknecht beschimpft. Der Sitzungsleiter hat ständig mit seinem Hämmerchen auf den Tisch geklopft, um die Ruhe im Saal wiederherstellen zu lassen. Aber ich habe niemals einen meiner Schuhe ausgezogen und damit auf das Rednerpult gehauen. Das ist eine Erfindung der westlichen Presse gewesen. Eine UNO-Angestellte hat später behauptet, ich könne den Schuh gar nicht ausgezogen haben, dazu sei ich viel zu dick gewesen, um in den engen Sitzreihen der UNO mit der Hand an meine Füße zu gelangen. Tatsächlich habe ich einen meiner Schuhe auf den vor mir stehenden Tisch gelegt. Hätte ich wirklich den Schuh als Schlagwerkzeug benutzt, gäbe es ein Foto davon, bei der Anwesenheit so vieler Photographen wäre das unvermeidlich gewesen. Es gibt aber keins. Das Ereignis ist eine Erfindung der westlichen Presse. Ich galt in den Augen der westlichen Welt als russischer Bauerntölpel und Rabauke. Da paßte dieser erfundene Zwischenfall gut ins Klischee.

Marlene Dietrich: Ja, unsere Freunde von der Presse! Wir sind auf sie angewiesen, denn ohne sie weiß die Welt nichts von uns, aber wir verabscheuen ihre Vertreter zugleich auch wegen der Aufdringlichkeit und wegen ihrer vielen auf Lügen basierenden Geschichten, die sie über uns verbreiten.

Nikita Chruschtschow: Im Mai 1960 habe ich ein amerikanisches Spionageflugzeug abschießen lassen. Ein völlig legitimer Akt der Staatsnotwehr gegenüber einer feindlichen Macht. Daraufhin habe ich dann veranlaßt, daß der geplante Staatsbesuch des amerikanischen Präsidenten Eisenhower abgesagt wurde. Zur Erklärung habe ich damals gesagt: »Präsident Eisenhower möchte uns besuchen und unser Gast sein. Ein Mensch sollte nicht dahin scheißen, wo er gleich essen will. Das ist eine Grundregel. Wie kann der Präsident der Vereinigten Staaten auf die Sowjetunion scheißen und dabei hoffen, als Gast an Chruschtschows Tisch Platz zu nehmen?«

Marlene Dietrich: Sie sind ein ganz schönes Lästermaul, das muß ich schon sagen. Mit Billy Wilder habe ich mich immer gern über andere lustig gemacht. Schauspieler eignen sich am besten dazu. Ich als Person war natürlich mehr als nur das Berliner Kind, ich wurde zu einem Star, man liebte und verehrte mich. Was haben mir meine vielen Verehrer, auch die, mit denen ich ins Bett gegangen bin, nicht alles geschickt. Wie oft las ich: »Du, meine Göttin!«

Nikita Chruschtschow: Es ist unzulässig, eine einzelne Person herauszuheben und sie in eine Art Übermensch mit übernatürlichen, gottähnlichen Eigenschaften zu verwandeln. Dieser Mensch weiß angeblich alles, sieht alles, denkt für alle, vermag alles zu tun, ist unfehlbar in seinem Handeln. Eine solche Vorstellung über einen Menschen, war bei uns viele Jahre lang verbreitet.

Marlene Dietrich: Menschenskind, Sie verkennen aber das Wesen des Showgeschäfts gründlich. Die Bühne, egal ob auf ihr Theater gespielt oder gesungen wird, die große Leinwand braucht ihre großen Stars, ihre Idole. Ohne diese ist die Masse der Leute doch hilflos und ohne Orientierung. Die Masse will verehren und sich gläubig unterwerfen. Ich habe Ihnen dabei geholfen, daß sie dieses Bedürfnis befriedigen können. Ich war eine schöne Maske.

Nikita Chruschtschow: Verehrte gnädige Frau, ich rede nicht von Ihnen, ich rede von Josef Stalin. Mit diesen Worten, die Sie eben von mir gehört haben, leitete ich am 25. Februar 1956 meine Geheimrede auf dem XX. Parteitag der KPdSU ein. Damit begann das, was man später ›Entstalinisierung‹ genannt hat.

Marlene Dietrich: Du liebe Zeit, Sie sind mir vielleicht einer! Jetzt haben Sie mich aber ganz schön reingelegt. Ja, Stalin, und Hitler, die beiden Dämonen des 20. Jahrhunderts, unseres Jahrhunderts. Wieviel Unglück und Leid haben sie über die ganze Welt gebracht. Ich bin deshalb auch, als die Vereinigten Staaten in den Krieg gegen Hitler eingetreten sind, an die Front gefahren und habe die amerikanischen Soldaten mit meinen Liedern und mit kleinen Sketchen unterhalten und ihnen Mut gemacht, gegen diesen Tyrannen unerschrocken zu kämpfen. Und wir haben dann auch gemeinsam den Zweiten Weltkrieg gewonnen, dafür habe ich später die höchste militärische Auszeichnung der USA erhalten, die ›Medal of Freedom‹.

Nikita Chruschtschow: Es scheint mir fast, als müßte man bei Ihnen eine ›Ent-Dietrichisierung‹ durchführen. Der Ruhm ist Ihnen ganz schön zu Kopf gestiegen. Stalins negative Eigenschaften entwickelten sich immer weiter und nahmen in den letzten Jahren einen absolut unerträglichen Charakter an.

Marlene Dietrich: Ach, und Sie meinen, das auf mich übertragen zu können? Das hat meine Tochter in ihrem Buch über mich schon erledigt. An allem war ihre Mutter schuld, aber das kennt man ja, die Kinder wissen es immer besser und es wird einem nicht gedankt, was man als Mutter alles für sie getan hat und welche Opfer man bringen mußte, damit sie ein schönes Leben haben. Ich will Ihnen mal eine Geschichte erzählen, die hat sich abgespielt, als meine Tochter inmitten eines dramatischen Monologs auf der Bühne stand und plötzlich draußen an der Straßenkreuzung eine dort angebrachte Sirene losging. Da bin ich aus dem Theatersaal herausgestürmt und habe einen Tankwart veranlaßt, eine Leiter an den Laternenmast zu stellen, an dem die Sirene angebracht war. Dann bin ich hinaufgeklettert und habe meinen Nerzmantel in den Trichter der Sirene gestopft. Die Sirene verstummte, ich kletterte mit hochgerafftem Rock den Mast herunter und begab mich zurück in den Theatersaal, wo ich den Schauspielern zurief: »Fangt da an, wo er sagt: ›Liebling – was soll das alles?‹ Dann kann Maria ihren Monolog noch einmal von Anfang an sprechen. Okay, Licht aus! Ihr könnt anfangen!«

Nikita Chruschtschow: Sehr lustig und wie schön, daß Sie mit so viel Temperament Ihrer Tochter geholfen haben. Doch Stalin und der Stalinismus haben einen ernsten Hintergrund. Stalin handelte nicht mit dem Mittel der Überzeugung, der Erklärung, der geduldigen Arbeit mit den Menschen, sondern durch das Aufzwingen seiner Konzeptionen, indem er die absolute Unterordnung unter seine Meinung forderte. Wer sich dem entgegenstellte oder versuchte, seinen eigenen Gesichtspunkt und die Richtigkeit seines Standpunktes zu begründen, war zum Ausschluß aus dem Leitungskollektiv und in der Folge zur moralischen und physischen Vernichtung verurteilt. Wir hatten uns alle auch nach Stalins Tod noch nicht von unserer sklavischen Abhängigkeit befreit.

Marlene Dietrich: Ja, ich verstehe schon, was Sie sagen wollen. Ich habe mich aber nicht mit Stalin verglichen und ich glaube, das hat auch keine der mir nahestehenden Personen getan. Was die ›sklavische Abhängigkeit‹ angeht, so sollten Sie einmal in die Dietrich-Biographie meiner Tochter schauen, da begegnen Ihnen alle meine Männer, die sich mir in vielen Briefen zu Füßen warfen und um meine Gunst bettelten. Das empfand ich als natürlich, es war aber auch widerwärtig. Erst wenn die Männer sich von mir abwandten und so taten, als hätten Sie gar kein Interesse mehr an mir, wurde meine Neugier und Lust wieder geweckt.

Nikita Chruschtschow: Dann sind Sie eine femme fatale gewesen, ein Vamp.

Marlene Dietrich: Na, Sie beherrschen die Terminologie ja ganz gut. Ja, doch war das eben auch meine Lebensrolle auf der Leinwand, verstehen Sie, ich spielte das, war es aber auch. Mein Leben war auf Treibsand gebaut.

Nikita Chruschtschow: Als ich 1956 die Rede über Stalin und den Personenkult gehalten hatte, wurde mir danach ein Zettel heraufgereicht, auf dem geschrieben stand: »Und was tatest Du, als Stalin diese Verbrechen beging?« Ich habe diese Frage laut vorgelesen und sagte dann: Ich bitte den Fragesteller, aufzustehen. Niemand stand auf. Da habe ich in den Saal gerufen: Das, genau das tat ich, als Stalin an der Macht war.

Marlene Dietrich: Sehr mutig! Das hätte ich aber auch sagen können. Über die Idioten in Hollywood konnte ich mich immer aufregen.

Nikita Chruschtschow: Wissen Sie, es ging mir damals doch darum, das Leben der Sowjetmenschen zu verbessern, das Angebot an Konsumgütern zu erhöhen. Das war doch der Sinn meiner Rede vom ›Gulaschkommunismus‹. 1959 war der damalige Vizepräsident Nixon zu Gast auf der Amerikanischen Nationalausstellung in Moskau. Wir standen vor einer amerikanischen Musterküche. Diese sollte die Überlegenheit der amerikanischen Konsumkultur über die sowjetische beweisen. Die Küche wies zahlreiche Neuheiten auf, wie beispielsweise Küchenmaschinen. Dann verhakte ich mich an einer elektrischen Zitronenpresse. Bei uns in Rußland schneidet man eine Zitrone mit einem Messer in der Hand auf und drückt mit den Händen ein paar Tropfen auf das Essen. Ich fragte damals: Haben Sie nicht eine Maschine, die das Essen in den Mund schiebt? Die russischen Besucherinnen der Ausstellung sollten sich davon überzeugen, daß die amerikanische Hausfrau in wenigen Minuten ein mehrgängiges Menü auf den Tisch bringen kann. Als Beispiel dafür, wie das gelingen kann, verwies man auf die Tiefkühlkost.

Marlene Dietrich: Tiefkühlkost! In wenigen Minuten! Ich bin gelegentlich von Billy Wilder und seiner Frau Audrey in ihr Haus eingeladen worden. Und was glauben Sie, haben die getan, wenn Essenszeit war? Die hockten beide vor dem laufenden Fernseher und stopften Tiefkühlkost in sich hinein. So ergeht es brillanten Männern, wenn sie Frauen aus der Unterschicht heiraten. Traurig!

Nikita Chruschtschow: Für die Werktätigen ist der Gulaschkommunismus die beste Lösung. Gehaltvoll und schmackhaft und für jede Familie erschwinglich.

Marlene Dietrich: Ein lustiges Wort: Gulaschkommunismus. Ich habe für Josef von Sternberg häufig ein Gulasch zubereitet. Aber nach dem siebten gemeinsamen Film hat er mir den Laufpaß gegeben.

Nikita Chruschtschow: Wie ich schon erwähnte, hat man mir im Oktober 1964 den Laufpaß gegeben. Ich habe dann die erzwungene Untätigkeit als Pensionär dazu genutzt, mich den Neuerungen in der Landwirtschaft zu widmen. Aber manchmal hatte ich solche Langeweile, daß ich hätte heulen können. Aus reiner Langeweile begann ich sogar Pilze zu sammeln.

Marlene Dietrich: Als ich aufgrund meiner Leiden nicht mehr auftreten konnte und ganz allein in meinem Pariser Appartement lebte, konnte es vorkommen, daß ich stundenlang nach einem verlegten Chanel-Kostüm die Wohnung abgesucht habe.

Nikita Chruschtschow: Seit ich auf der ›Insel der Seligen‹ bin, langweile ich mich aber weiter, es ist totlangweilig hier. Es gibt keine Konflikte und nichts, wogegen man vorgehen und auch nichts, für das man sich einsetzen kann.

Marlene Dietrich: Sie könnten mein Manager werden und eine Konzerttournee für mich organisieren. Im Elysium hat man einen Wunsch frei, nämlich sich das Alter und die im wirklichen Leben dazu entsprechende Körpergestalt wählen zu können. Nun schauen Sie mich an: Sehe ich nicht fabelhaft aus? Mit Mitte dreißig sieht man doch immer noch am besten aus, und das wird hier auch ewig so bleiben. Na, was sagen Sie? Ich würde auch einige russische Lieder ins Repertoire aufnehmen, das konnte ich damals in Rußland noch nicht. Mit ein bißchen Tingel Tangel mischen wir das Elysium auf!

Nikita Chruschtschow: Nein, das ist ganz ausgeschlossen, dafür eigne ich mich nicht. Zwar bin ich aufgrund meines großen Organisationstalents innerhalb der Sowjetunion rasch bis nach oben aufgestiegen, aber für eine einzelne Person zu arbeiten, das liegt mir nicht.

Marlene Dietrich: Wie schade! Aber schön, daß Sie so viel von meiner Kraftbrühe ausgelöffelt haben. Wenn Sie vor dem Weggehen noch das Badezimmer benutzen sollten, so darf ich Sie um pflegliche Behandlung des Raums bitten. Auch wenn ich immer Lysol und Ajax parat habe, damit das Badezimmer tadellos sauber bleibt. Man kann den Menschen im Bad nicht trauen, sie entleeren sich, was sonst? Und meist hinterlassen sie eine saubere Schweinerei. Man muß bei Gästen ständig hinterherputzen. Die Menschen sind Schweine.