Das Interesse denkt nicht, es rechnet. […] Das Interesse hat kein Gedächtnis, denn es denkt nur an sich. Das eine, worauf es ihm ankommt, sich selbst, vergißt es nicht.
Karl Marx: Debatten über das Holzdiebstahlgesetz (1842)
In den Jahren 1987 bis 1992 gab es auf dem italienischen Privatfernsehsender ›Italia Sette‹ eine Sendung, die ungemein erfolgreich war, mit bis zu zwei Millionen Zuschauern. Die deutsche Version, genannt ›Tutti Frutti‹ lief auf dem Privatsender RTL von 1990 bis 1993. Es war eine Striptease-Show, bei der neben jungen, attraktiven Models auch Zuschauerinnen und Zuschauer auftraten. Um Geld zu gewinnen, mußten sie dem Moderator Fragen beantworten. Man konnte aber sein Punktekonto auch verbessern, indem man zu einer eingespielten Musik auf der Bühne ein Kleidungsstück ablegte. Bei den gelegentlich aus Paritätsgründen auftretenden männlichen Kandidaten endete die kleine Showeinlage mit dem Ausziehen der Hose, bei weiblichen Kandidaten beim Ablegen des Büstenhalters.
Es war unvermeidlich, daß dieser Teil der Show oft zu peinlichen Momenten führen mußte, denn die Bewerberinnen und Bewerber wurden zwar auf ein gewisses Durchschnittsformat hin ausgewählt (keine übergewichtigen Herrschaften bitte!), aber es war Ihnen doch anzusehen, daß hier die sprichwörtliche deutsche Hausfrau vorgeben mußte, eine Stripperin zu sein, was sie eben nicht war und auch nicht sein konnte. Für Schadenfreude war also gesorgt. Viel mehr Aufmerksamkeit erregten aber die tanzenden und sich ebenfalls entkleidenden Models des show-eigenen Balletts Le Ragazze Cin Cin, die nach sommerlichen Früchten benannt waren (Ananas, Erdbeere, Kiwi, Blaubeere, Kirsche, Zitrone).
Damals gab es noch kein Internet und so war diese Show neben wenigen anderen Fernsehsendungen oder Magazinen wie dem ›Playboy‹ die einzige Gelegenheit, nackte Menschen betrachten zu können. Selbstverständlich verzichtete die Kulturkritik der damaligen Zeit nicht, auf den entwürdigenden Charakter der Strip Show hinzuweisen, was aber dem Erfolg der Serie nicht schadete.
Heute, nach dem Siegeszug des Internets, mit der millionenfachen Möglichkeit des Zugangs zu Nacktheit und Sex, sind die Hemmschwellen in atemberaubendem Tempo gefallen. Mit einer kleinen eingebauten Kamera in einem Computer oder Smartphone senden manche Menschen täglich Berichte aus der Intimfront ihres Lebens, teilweise kostenfrei, teilweise gegen Gebühr. Die Jahre, als eine italienische oder deutsche Hausfrau ihr Oberteil vor laufenden Kameras abnahm, gerinnen heute zu anachronistischen Momenten einer lange vergangenen Zeit. Dennoch haben Sendungen wie diese dazu beigetragen, die Hemmschwelle zu senken, und so sind nun Menschen bereit, gegenüber Journalisten ihre private Geschichte, ja sogar ihre Liebesgeschichte ungeschönt preiszugeben.
Sie werden nur mit Vornamen genannt, soviel Anonymität muß auch heute noch sein, aber zugleich werden sie mit einem Foto dargestellt, gemeinsam auf der Couch sitzend, eng umschlungen, in die Kamera lächelnd. Das sind Kerstin und Heiko. Sie erzählen der Lokalreporterin, wie sie sich gefunden haben. Kerstin fängt an: Ankommen ist ihr erstes Wort, mit dem sie zu beschreiben versucht, was für sie Liebe bedeutet. Man sagt in der Geschäftswelt, daß eine Ware gut angekommen ist, also sich gut verkauft hat, aber das meint Kerstin natürlich nicht. So schiebt sie noch zwei weitere Wörter nach, um der Liebe mehr Inhalt zu geben: Vertrauen und Geborgenheit. Liebe ist eine Reise, sie geht zurück auf die Zeit, als wir noch äußerst verletzlich waren, gerade eben geboren und völlig ausgeliefert derjenigen, die uns in die Welt gebracht hat. Es ist die Geborgenheit des Mutterleibs, in den wir unbewußt zurückwollen, weil nur dort ein Lebensraum vorhanden war, der uns schützte vor der grausamen Welt.
Kerstin hatte ihrer Freundin Heike eine email geschickt, eine, die Gefühle und Frauengeschichten beinhaltete, aber sie verschrieb sich und statt bei Heike landete die Mail bei einem ihr bisher nicht bekannten Heiko. Der antwortete ihr, daß ihr ein Tipfehler unterlaufen sei. Das beeindruckte Kerstin sehr. Sie schrieb zurück, er schrieb zurück, sie schrieb zurück, und dann gingen einige hundert Mails hin und her, bis die beiden sich Fotos von sich selber schickten. Als Kerstin das Foto von Heiko sah, ein junger Mann, der von unten in die Kamera schaut, und – wenn das nicht ein Statement ist – eine schwarz gestreifte Katze um den Nacken geschlungen hat. Mich hatte der Schlag getroffen – ich war verliebt. Aber, wie man weiß, don’t judge a book by its cover, und so trafen sie sich schließlich auf einer Party. Ein Lagerfeuer brannte. Es brauchte dann auch nur eine halbe Stunde, bis sie sich küssten. Die technischen Medien, emails, Telefon und SMS, verbanden die beiden in der folgenden Zeit. Es folgte ein gemeinsames Wochenende in Hannover. Kerstin erinnert sich: Mit Herzchen in den Augen fuhr ich nach Hause – und beendete dort meine Beziehung. Doch dann stellte sich heraus, daß Heiko seine im Sterben liegende Mutter zu pflegen hatte, und das brauchte so viel Zeit, daß er sich eine Beziehung nicht vorstellen konnte. Als das geklärt war, waren beide sehr traurig, und Kerstin versuchte, ihre alte Beziehung zu retten. Der abgelegte Freund ließ sich darauf ein, obwohl er ja schon den Laufpaß von ihr erhalten hatte. Sicher ist sicher, muß sich Kerstin gesagt haben, die neue große Liebe wollte und konnte sich nicht mit ihr einlassen, aber die alte Beziehung schluckte seinen Stolz und ließ sich erneut mit Kerstin ein. In der folgenden Zeit tauschten Kerstin und Heiko immer wieder Briefe aus. Jahre vergingen, bis Heiko auf einmal bereit war, mit ihr zusammen zu sein. Er schlug ihr vor, nach Hannover zu ziehen. Kerstin zögerte, sie bat um eine Kontaktpause und gab Heiko zu verstehen, wie der Terminplan seines Lebens aussehen werde. Ich sagte: wir werden jetzt für ein Jahr keinen Kontakt haben. Das waren harte Bedingungen, wiewohl die beiden verhinderten Liebenden auch zuvor schon keine Kontakte gehabt hatten, es sei denn, man rechnet die Telefonate und emails dazu. Nun aber lief es vonseiten Kerstins auf einen vorübergehenden Bruch mit Heiko hinaus, obwohl der doch nach so vielen Jahren der Bedenkzeit sich endlich durchgerungen hatte, Kerstin zu offenbaren, daß er nun bereit sei, mit ihr zusammenzuleben. Für Kerstin gab es da aber noch ein anderes Problem, das sie zu lösen hatte: Vor allem wollte ich herausfinden, ob Heiko mich davon abhielt, in meiner eigentlichen Beziehung glücklich zu sein. Aha! Sie sah Heiko als einen möglichen Störfaktor für ihre eigentliche Beziehung, obwohl sie damals, als sie sich das erste Mal getroffen hatten, sofort bereit gewesen war, den Freund und Liebespartner, mit dem sie bisher zusammen war, auf der Stelle fallen zu lassen. Man glaubt es nicht, aber Kerstin ließ tatsächlich ein Jahr lang nichts mehr von sich hören. Heiko erhielt erst nach einem Jahr wieder einen Brief von Kerstin. Und dann kamen die Jahre, in denen das Virus namens Corona die Menschheit bedrohte und dezimierte. Heiko fragte sich: Was, wenn einem von uns etwas passiert? Kerstin aber fühlte: meine Beziehung entwickelte sich nicht so, wie ich es mir wünschte. Was genau damit gesagt werden soll, bleibt unklar. Es war ihre eigentliche Beziehung, das wohl schon, aber erfüllte nicht die Bedingungen, die Kerstin an einen Lebenspartner stellt, vor allem in Bezug auf Kerstin, die Wünsche hatte, die der mit ihr zusammenlebende Freund nicht erfüllen konnte. Und so kam ich erneut an den Punkt, mich zu trennen. Eine Frau, ein Wort, eine Entscheidung. Jedoch so ganz wollte Kerstin sich Heiko doch noch nicht hingeben. Es folgte ein Testwohnen an zwei unterschiedlichen Tagen. Und um die Testbedingungen noch etwas zu verschärfen, brachte Kerstin das erste Mal einen ihrer Hunde mit, beim zweiten Mal waren beide Hunde bei Heiko zu Gast. Der Test verlief erfolgreich. Seit fünf Jahren sind Kerstin und Heiko endlich ein Paar. Und Kerstin blickt zurück: Meinem früheren Ich würde ich sagen: Folge deinem Herzen. Nun ja, sie ist schon ein sehr berechnendes Herzchen.