Im Jahr 1683 erschienen die ›Dialogues des morts‹, Autor war Bernard le Bouvier de Fontenelle (1657–1757). In diesen fiktiven Gesprächen wurden Personen der Geschichte zusammengebracht, die sich während ihres Lebens niemals begegnet waren. Es gab neben Fontenelle eine ganze Reihe anderer Autoren, die dieses Konversationsspiel pflegten, so Boileau, Fénelon, Voltaire, Henry Fielding und Christoph Martin Wieland (›Gespräche im Elysium‹, 1780). Aller Vorbild war aber Lukian (um 120 – um 180), der neben ›Göttergesprächen‹, ›Hetärengesprächen‹, ›Meergöttergesprächen‹ auch ›Totengespräche‹ verfaßte. Hier wird diese lange Tradition fortgeführt.
Balzac meets Kant
Das Ernährungsbedürfnis ist der einzige Sinn des Essens und Trinkens, welchen der moderne Mensch kennt und begreift. Die ursprüngliche Naturmenschheit bringt noch heute die Triebe des Sicheinverleibens und den Drang nach bestimmten Speisen und Getränken in Beziehung zu den Sym- und Antipathien im Erotischen, worauf sogar die Volkssprache noch hinweist mit Wendungen wie: »Sich vor Liebe fressen wollen«; »zum Anbeißen schön«, »jemanden mit den Augen verzehren«. Dieser Übermächtigungs- und Selbsterweiterungstrieb scheint beinahe das letzte metaphysische Element zu sein, das einer völlig naturlos gewordenen Zweckmenschheit von der Magie des Essens und Trinkens auch heute noch übrig blieb. Der letzte Ausläufer davon ist jene Spende- und Gebeseligkeit gastfreien Auftischens, ja Aufkarrens ungeheurer Speisemengen bei Symposien und Tafeleien. In der spätrömischen und byzantinischen Gesellschaft begegnet man dieser Art Gasterei, welche gleichsam die gesamte Umwelt dem geehrten Gaste zu machterweiternder Einverleibung zur Verfügung stellt. (Theodor Lessing: Essen und Trinken, 1924).
Der ganze Text ist nachzulesen in:
Theodor Lessing: Natur und Ethik. Kleine Schriften 1924, Herausgegeben und kommentiert von Rainer Marwedel, Göttingen: Wallstein Verlag, 2026.
(Ab 10. April 2026 in allen Buchhandlungen)
Honoré de Balzac: Professeur Kant, was für eine Ehre für mich, mit Ihnen heute Mittag dinieren zu dürfen!
Immanuel Kant: Ja, ich weiß, daß die Franzosen lieber am Abend sich um eine festliche Tafel versammeln, aber ich muß auch hier im Elysium bei meiner alten Königsberger Gewohnheit bleiben, und die besteht nun einmal darin, zur Mittagsstunde zu Tisch zu bitten. Ich habe meine Essensgewohnheiten auf eine Mahlzeit, das Mittagessen, beschränkt. Aufgetragen wurden täglich drei Schüsseln: Die erste Schüssel enthielt eine Kalbssuppe mit Reis, Graupen oder Haarnudeln. Ich habe zusätzlich Semmel zur Suppe geschnitten, um sie sämiger zu machen. Die zweite Schüssel bestand entweder aus trockenem Obst oder Hülsenfrüchten oder Fisch. Die dritte Schüssel enthielt Braten: Schweinefüße mit pürierten Erbsen oder ein Schweinebraten mit von mir selbst angerührtem englischen Senf. Butter und Käse bildeten den Nachtisch. Dazu gab es ein zweimal gebackenes Roggenbrot. Wenn ich viele Gäste an meiner Mittagstafel hatte, gab es noch eine Schüssel mit Kuchen dazu. Was ich aber allen Speisen vorzog, das war der Kabeljau, von dem konnte ich nicht genug bekommen. Als Getränk gab es Wasser und Wein, roten Médoc habe ich dabei bevorzugt. Bier ließ ich nicht auftischen, denn Bier ist viel zu sättigend und verdirbt den Appetit. So, nun aber: Man muß essen, was das Zeug hält, Monsieur Balzac. Greifen Sie zu, es soll ja nichts umkommen. Aber alles in Maßen. Die tierische Unmäßigkeit, im Genuß der Nahrung, ist der Mißbrauch der Genußmittel. Versoffenheit und Gefräßigkeit sind die Laster, die unter diese Rubrik gehören. Im Zustande der Trunkenheit ist der Mensch nur wie ein Tier, nicht als Mensch, zu behandeln.
Honoré de Balzac: Ich habe in meinem Roman ›La Peau de Chagrin‹ eine Szene in einem Pariser Restaurant beschrieben. Darf ich Ihnen einen Auszug daraus vorlesen? Ich werde einige Zeilen überspringen, um Sie nicht zu langweilen. »Endlich erschien der erste Gang in all seiner Herrlichkeit. Weißer und roter Bordeaux wurden mit königlicher Verschwendung angeboten. Während dieser Morgenröte der Trunkenheit durchbrachen die Reden noch nicht die Grenzen der Gesittung, doch Spöttereien und Witzworte kamen mählich aus jedem Munde. Der zweite Gang kam, als alle sich schon in Hitze geredet hatten. Jeder aß im Sprechen, sprach essend und trank, ohne auf das immer neue Zuströmen der Weine zu achten. Ausgelassen ließen die Männer nun ihren Geist durch die Weiten der Erörterungen, denen niemand zuhörte, galoppieren, begannen Geschichten zu erzählen, die kein Publikum fanden, und versuchten es hundertmal immer wieder mit Fragen, die keine Antwort erhielten. Heimtückische Toaste und Prahlereien wurden laut. Nun verschmähten es alle schon, sich der Aufnahmefähigkeit ihres Geistes zu rühmen; vielmehr wetteiferten sie mit der Aufnahmefähigkeit von Tonnen, Fässern und Kufen. Jeder schien plötzlich zwei Stimmen zu haben. Es kam der Augenblick, in dem alle Herren gleichzeitig redeten. Immerhin hätte dieses Durcheinander von Worten und Paradoxen einen Philosophen durch die Sonderbarkeit der Gedanken sicherlich interessiert und einen Politiker durch die Verworrenheit der Systeme in Erstaunen gesetzt. In ihrer Wut und Lächerlichkeit wurde diese Diskussion wirklich zu einem Hexensabbat der Geister. ›Reichen Sie mir den Spargel herüber! Nach alledem zeugt die Freiheit also die Anarchie, die Anarchie führt zum Despotismus, und die Despotie schafft wieder die Freiheit. Millionen Wesen sind hingegangen, ohne einem dieser System zum Triumph verhelfen zu können.‹ – ›Der Mensch ist ein Hanswurst, der über Abgründe tanzt.‹ – ›Die unmittelbare Folge einer Verfassung ist die Verflachung der Intelligenzen. Die Despotie bringt auf ungesetzlichem Wege große Dinge hervor – die Freiheit gibt sich nicht einmal die Mühe, auf gesetzlichem Wege wenigstens ganz kleine fertigzubringen.‹ – ›Heute hat unsere Gesellschaft die letzte Form der Zivilisation erreicht, sie hat die Macht an die Industrie, den Gedanken, das Geld und das Wort verteilt.‹ – ›Kant, mein Herr? Das ist auch so ein Luftballon, der zum Vergnügen der Dummköpfe steigen gelassen wird. Die Lehrstühle der Professoren sind nicht für die Philosophie geschaffen worden – wohl aber die Philosophie für die Lehrstühle!‹. – ›Nur in Paris gibt es einen so lebhaften schlagfertigen Gedankenaustausch!‹. – Nun war kein Wort mehr zu unterscheiden. Die ganze Gesellschaft delirierte, heulte, pfiff, sang, schrie, knurrte, brüllte.« Es schließt sich dann eine Orgie an, aber die will ich Ihnen nun doch ersparen. Was sagen Sie?
Immanuel Kant: Ich habe bemerkt, daß Sie auch meine Person in Ihrem Roman erwähnt haben. Und ich habe bemerkt, wie doch so ganz anders als bei meiner täglichen Tischgesellschaft ihre Restaurantunterhaltung sich gestaltet. Besonders erstaunlich erscheint mir die Tatsache, daß die Tischgäste zwar eifrig sich an einer Konversation beteiligen, indes keiner von ihnen bereit und willens ist, dem anderen zuzuhören. Es ist, als ob man darauf von vornherein auch keinen Wert gelegt hat. Es ist eher wie das Summen und Brummen eines geschäftigen Bienenkorbs. Mir ist auch aufgefallen, daß kaum davon berichtet wird, was genau gegessen wurde. Es ist viel eher der allgemeine Rausch, der über der Tafel schwebt, die völlige Maßlosigkeit, bei der es weder zu einem ruhigen Austausch von Argumenten kommt noch zu einem geordneten Ablauf der Speisenfolge.
Honoré de Balzac: Ich habe auch ein Galadiner in einem bescheidenen Kleinbürgerhaushalt beschrieben, in der Erzählung ›Die Kleinbürger‹. Drei Personen nehmen daran teil, ein Monsieur Thullier und seine Ehefrau sowie seine Schwester. Es ist bescheidenes, fleißiges, aufsteigendes Bürgertum, das ich schildere, es ist das Jahr 1839, fünfzehn Personen sind in den Drei-Personen-Haushalt eingeladen. Man deckt den Tisch mit einem blendend weißen Tischtuch und legt das gediegene Silber auf den Eßtisch. Zuerst wird eine fast klare Bouillon serviert, dann Ente mit Oliven, eine ziemlich große Fleischpastete mit Klößchen, Aal à la Tartare und ein Kalbsfriandeau auf Endividen. Als zweiter Gang kommt eine mit Maronen gefüllte Gans auf den Tisch, dazu ein Feldsalat mit in Scheiben geschnittener roter Beete und eine Schüssel Makkaroni.
Immanuel Kant: In Königsberg würden wir so ein Mahl nicht als bescheidenes Galadiner bezeichnen, aber in Paris gelten andere Maßstäbe. Ente und Gans hintereinander! Das ist schon sehr üppig und nähert sich einer Schwelgerei.
Honoré de Balzac: Schwelgerisch geht es manchmal schon zu, aber die Vielfraße in meinen Romanen sind selten sympathisch. Keiner ist tugendhaft, der sich nur für seinen Gaumen und seinen Magen interessiert. Monsieur Rigou in meinem Roman ›Die Bauern‹ ist so eine sozialer Typus, dessen sehr breiter Mund mit dünnen Lippen einen starken Esser und entschlossenen Trinker verrät, zumal durch die wie zwei Kommata abfallenden Mundwinkel, in denen die Sauce hinabläuft. Das Tischgespräch ist natürlich sehr fade, wie man es bei solch einem Vielfraß nicht anders erwarten würde. Dagegen in meiner ›Eugénie Grandet‹ verläuft die Einnahme der Mahlzeit ohne großen Aufwand, ein Bissen Brot aus der Hand, ein Stück Obst, dazu ein Glas Weißwein, und damit hat sich das Déjeuner. In meinem schwärzesten Roman, ›Junggesellenwirtschaft‹, zeige ich den Übergang von der Schlemmerei zur Fresserei. Die Völlerei wird einer der Romangestalten zum Verhängnis, sie stirbt an einer unverdauten Scheibe Stopfleber. Damit habe ich meine Lebensmaxime dargestellt: Jeder Exzess verkürzt das Leben. Es war dies auch die Maxime meines Vaters, der abends lediglich einen Apfel verspeiste, weil er beabsichtigte, einhundert Jahre alt zu werden; nun ja, so ganz erreicht hat er dieses Ziel nicht. Vetter Pons, mein bekanntester Schlemmer, stirbt nicht am Exzeß, sondern am Lebenskummer, auch wenn dieser Kummer allein von seiner unbändigen Leidenschaft für gutes Essen herrührt. Doch die eigentliche Tragik des Vetter Pons besteht darin, daß er kein Mensch, sondern nur noch ein Magen ist. Doch nehmen Sie sich einmal meinen kleinen Roman ›Der Eintritt ins Leben‹ vor! Da habe ich mir den Spaß erlaubt, einen Neuling, der gerade im Büro seinen Dienst antreten soll, mit einem erfundenen Aufnahmeritual zu konfrontieren: man legt ihm Protokolle von fiktiven Einladungen zum Essen vor und zwingt ihn, für die Kollegenschaft ein ebenso großartiges Menü zustande zu bringen. Der Neuling tmeistert die Aufgabe und übertrifft alle Erwartungen. Es war für mich die Gelegenheit, meinen Abscheu vor allen diesen Pariser Festmählern zu dokumentieren, das lärmende Geschwafel bei Tisch, die Trunkenheit. Es sind übrigens stets die Männer in meinen Romanen, die sich bei den Tischfreuden als Vielfraße bewähren. Glücklich sind sie nicht, meist werden sie von ihren Frauen betrogen. In der Schlemmerei kompensieren sie ihr sexuelles Elend. Der Magen ist dem Vielfraß daher sein Höchstes. Sein Lustverlangen hat sich in andere sinnliche Eigenheiten seines Wesens zurückgezogen. Sehen sie eine Pastete auf dem Tisch, gehen sie festen Schrittes darauf zu, als wäre die Pastete ein beseeltes Geschöpf.
Immanuel Kant: Ja, die Damen. Ich habe Unterschiede zwischen blauen und schwarzen Augen festgestellt, und auch der Unterschied zwischen Blondinen und Brünetten ist nicht unbemerkt geblieben. Schmachtende Augen und bezaubernde Mienen, lachende und schalkhafte Blicke habe ich registriert und wie sie Männer in Verwirrung zu bringen vermögen. Das hat mich aber nicht dazu veranlaßt, mich zu einer der weiblichen Personen in eine nähere Beziehung zu bringen, auch wenn ich natürlich zu einigen Königsberger Damen brieflichen und persönlichen Kontakt unterhalten habe, aber das war ja alles im Rahmen des Schicklichen.
Honoré de Balzac: Faire l’amour! Ja, freilich, das hätte Sie ja auch von ihrer schwierigen philosophischen Lebensarbeit abgehalten. Bei mir war es ganz anders. Schon mein Vater erlegte sich in dieser Beziehung keine Zurückhaltung auf. Bernard-François Balzac hat sogar eine Broschüre verfaßt, ›Geschichte der Liebesraserei‹, und noch als 78jähriger hatte er flüchtige Liebschaften mit Bauernmädchen. Ja, er hat sogar ein ›Memorandum über die skandalösen Umstände verführter und dem Elend preisgegebener Mädchen‹ geschrieben. Und er hatte keine moralischen Bedenken, seiner Tochter Laure in einem Brief mitzuteilen: »Ich habe eine junge, schöne, kräftige Geliebte, an die ich gewöhnt bin, von ihr rührt meine ganze innere Befriedigung her.« So freimütig war er, ein echter Voltairianer. Ich selbst habe Liebesaffären mit Herzoginnen bevorzugt, ich hatte immer schon einen Drang nach Höherem. Auch erhielt ich zahlreiche Briefe unbekannter Damen, die meine Romane verschlungen hatten.
Immanuel Kant: Ein alter Mann, der verliebt tut, ist ein Geck. Die große Endabsicht der Natur! Das ganz einfältige und grobe Gefühl in den Geschlechterneigungen führt zwar sehr grade zum großen Zwecke der Natur, und, indem es ihre Forderungen erfüllt, ist es geschickt, die Person selbst ohne Umschweife glücklich zu machen, allein um der großen Allgemeinheit willen artet es leichtlich in Ausschweifungen und Lüderlichkeit aus.
Honoré de Balzac: Warum haben Sie nicht eine wohlausgestattete Witwe geheiratet? Sie besitzt ein unabhängiges Vermögen und bringt Liebeserfahrung in die eheliche Gemeinschaft. Die physische Liebe ist ein Bedürfnis, das dem Hunger gleicht, mit dem Unterschied jedoch, daß der Mensch immer ißt, daß aber in der Liebe sein Appetit nicht so ausdauernd und nicht so regelmäßig ist wie bei Tische. Wir haben gewissermaßen beide eine ›Physiologie der Ehe‹ geschrieben, meine erschien 1829 unter diesem Titel, Ihre nannte sich anders, war untergebracht in Ihrer ›Anthropologie‹, in dem Abschnitt ›Vom Charakter des Geschlechts‹. Ich gebe Ihnen einmal einige Kostproben aus meinem Werk (zieht aus seiner Tasche ein Buch und beginnt, daraus vorzulesen): »Die Frau ist eine seltene Spielart der Gattung Mensch. Lieben ist ihre Religion. Sie denkt nur daran, dem zu gefallen, den sie liebt. Geliebt zu werden, ist der Zweck aller ihrer Handlungen; Begierden zu erregen der Zweck aller ihrer Bewegungen. Hier beschäftigen wir uns nur mit den Müßigen; mit denen, die Zeit und Geist haben, um zu lieben; mit den Reichen, die sich gegen ihr Geld den Besitz ihrer Leidenschaften erworben haben. Es gibt einige tausend Bauernmädchen, die seltsamerweise schön wie Liebesgöttinnen sind; diese kommen nach Paris und steigen schließlich zum Range feiner Damen empor; aber auf diese Bevorzugten kommen hunderttausend andere, die Dienstmädchen bleiben oder sich einem schrecklichen Lasterleben ergeben. Endlich die Million legitimer Frauen, mit denen wir uns zu beschäftigen haben. An ihre Tugend zu glauben, ist eine Art gesellschaftlicher Religion. Wenn die Kurtisane ein Bedürfnis ist, sollte sie eine Staatseinrichtung sein. Die keuscheste verheiratete Frau kann zugleich die wollüstigste sein. Das Bett ist die ganze Ehe. Das Bett ist das Barometer der Ehe.« Na, was sagen Sie?
Immanuel Kant: Die Geschlechtsneigung wird auch Liebe genannt und ist in der Tat die größte Sinnenlust, die an einem Gegenstande möglich ist.
Honoré de Balzac: Wie können Sie das wissen, wo Sie doch niemals mit einer Frau geschlafen haben? Man muß doch wenigstens einmal diese Erfahrung gemacht haben, um dann einen Vergleich anstellen zu können und schließlich zu dieser Behauptung, diesem Superlativ: »größte Sinnenlust«, zu kommen?
Immanuel Kant: …die Lust aus dem Genusse einer anderen Person, die also zum Begehrungsvermögen, und zwar der höchsten Stufe desselben, der Leidenschaft, gehört.
Honoré de Balzac: Nochmals: Sie hatten doch nie die Gelegenheit zu diesem Tun, wie können Sie das behaupten, es sei die »höchste Stufe des Begehrungsvermögens«, wenn Sie selbst diese höchste Stufe niemals erklommen haben?
Immanuel Kant: Über meine frühen Jahre weiß die Menschheit praktisch nichts, und deshalb sollten Sie zurückhaltend sein mit Ihrem Urteil über diese Thematik. Von uns selber schweigen wir. Gleich nach meinem Ableben wurden drei kleine Biographien über mich veröffentlicht, und die haben durch die vielen Anekdoten über mich als alter Mann dafür gesorgt, daß man heute meine Person unter diesem verengten Blickwinkel zu betrachten gewohnt ist. Außerdem argumentieren Sie rein empirisch, das bedeutet etwas, aber nicht alles. Darf ich fortfahren? Es ist eine Lust von besonderer Art, das Brünstigsein. In der Anthropologie ist die weibliche Eigentümlichkeit mehr als die des männlichen Geschlechts ein Studium für den Philosophen. Die Weiblichkeiten heißen Schwächen. Man spaßt darüber. Der Mann ist leicht zu erforschen, die Frau verrät ihr Geheimnis nicht. Sie scheut den Hauskrieg nicht, den sie mit der Zunge führt. Im bürgerlichen Zustand gibt sich das Weib den Gelüsten des Mannes nicht ohne Ehe weg. Das Weib wird durch die Ehe frei; der Mann verliert dadurch seine Freiheit. Geschlechtsgemeinschaft, commercium sexuale, ist der wechselseitige Gebrauch, den ein Mensch von eines anderen Geschlechtsorganen und Vermögen macht, usus membrorum et facultatum sexualium alterius. Es ist ein Genuß, zu dem sich ein Teil dem anderen hingibt. In diesem Akt macht sich ein Mensch selbst zur Sache. Nur unter der einzigen Bedingung ist dieses möglich, daß, indem die eine Person von der anderen, gleich als Sache, erworben wird, diese gegenseitig wiederum jene erwerbe; denn so gewinnt sie wiederum sich selbst und stellt ihre Persönlichkeit her. Der Ehe-Vertrag wird nur durch eheliche Beiwohnung, copula carnalis, vollzogen. Der Mann kann weder das Weib begehren, um es gleich als Sache zu genießen, das heißt unmittelbares Vergnügen an der bloß tierischen Gemeinschaft mit demselben zu empfinden, noch das Weib sich ihm dazu hingeben, ohne daß beide Teile ihre Persönlichkeit aufgeben, fleischliche oder tierische Beiwohnung, das heißt ohne unter der Bedingung der Ehe, um durch körperlichen Gebrauch, den ein Teil vom anderen macht, sich nicht zu entmenschen. Ohne diese Bedingung ist der fleischliche Genuß dem Grundsatz nach, wenn gleich nicht immer der Wirkung nach, kannibalisch.
Honoré de Balzac: Deutliche Worte, sehr rationalistisch. Einer meiner liebsten Autoren, Laurence Sterne, behandelt dieses Thema ebenso, er tat, als behandele er die Ehe wie einen medizinischen Fall, der sich periodisch durch einen physiologischen Akt bekundet. Manche Moralisten sind der Meinung, die Liebe sei die am meisten unwillkürliche, die uneigennützigste, die am wenigsten berechnende unter allen Leidenschaften, abgesehen freilich von der Mutterliebe. Diese Auffassung birgt einen groben Irrtum. Zwar kennen die meisten Menschen nicht die Beweggründe, die zum Lieben veranlassen; aber nichtsdestoweniger beruht jede körperliche oder seelische Sympathie auf Berechnungen, die der Verstand, das Gefühl oder das brutale Begehren anstellen. Die Liebe ist ihrem Wesen nach eine egoistische Regung. Wer Egoismus sagt, meint: hintergründige Berechnung. Ist man sich darüber klar, so wundert man sich nicht mehr über die in einem fort zu beobachtenden Ehen zwischen großen, schönen Frauen und kleinen Männern, zwischen kleinen, häßlichen Mädchen und gutaussehenden jungen Burschen. Und was lesen die Frauen? Leidenschaftserfüllte Bücher. Rousseaus ›Bekenntnisse‹. Sie lieben weder die Vernunft noch die reifen Früchte.
Immanuel Kant: Was die gelehrten Frauen betrifft: so brauchen sie ihre Bücher etwa so wie ihre Uhr, nämlich sie zu tragen, damit gesehen werde, daß sie eine haben.
Honoré de Balzac: In meinen Romanen kommen alle erdenklichen Varianten der Liebe vor: Lesbierinnen, keusche junge Mädchen, verdorbene Weiber, ja sogar ein Offizier, der sich mit einer Leopardin paart! Ich habe eine Menge Vergleiche für die Frau gefunden: Ein bunter Pfirsich, ein Soufflé, eine Tortenpyramide. Es gibt für mich keinen Unterschied zwischen einer schönen Frucht und einer schönen Frau. Eine saftige Birne habe ich ebenso gern betrachtet wie einen vollen weiblichen Busen. Zum Reinbeißen! (Kant bekommt einen Hustenanfall.) Die Frauen halten sich beim Essen zurück. In meiner Abhandlung ›Die kleinen Nöte des Ehelebens‹ habe ich das beschrieben: »Die Frauen essen wenig, wenn sie zu einem Abendessen geladen worden sind; ihr heimlicher Harnisch hemmt sie, sie tragen das Paradekorsett; es sind Frauen anwesend, deren Augen und Zungen gleichermaßen zu fürchten sind. Sie mögen keine üppige, aber eine hübsche Kost; Krebse aussaugen, gebackene Wachteln futtern, einen Birkhahnschlegel zerkleinern und mit einem ganz frischen Fisch beginnen, der durch eine der Saucen gewürzt ist, die den Ruhm der französischen Küche bilden. Die Sauce ist der Triumph des Geschmacks. Deshalb sind Grisetten, Bürgerfrauen und Herzoginnen entzückt über ein gutes, kleines, mit erlesenen Weinen angefeuchtetes Abendessen, das man nur in kleinen Mengen zu sich nimmt.« Aber natürlich gefällt es noch weitaus mehr, wenn man die Frau nicht beim Essen beobachtet, sondern sie selbst als köstliche Frucht anschaut. In meinem Roman ›Die Lilie im Tal‹ zum Beispiel. »Zitternd reckte ich mich, um ihr Mieder zu sehen, und wurde vollkommen gefesselt durch einen mit Tüllschleiern schamhaft verdeckten Busen, dessen alabasterne, ebenmäßig runde Kugeln in einer Flut von Spitzen weich gebettet waren.« (Der Hustenanfall Kants steigert sich.) Solche pikanten Szenen habe ich immer wieder gern in meine Romane gestreut. Diese hier stammt aus dem Roman ›Die Beamten‹. Der Titel klingt nicht verlockend, aber hören Sie selbst, wie ich die schöne Madame Rabourdin beschrieben habe: »Der Blick auf die herrlichen Brüste einer geschmückten Frau ist ein so köstlicher Genuß wie das kunstvoll aufgebaute Dessert bei irgendeinem Festessen. Aber ein Blick unter den vom Schlaf zerknitterten Stoff erhascht das verborgene Naschwerk und verschlingt es wie eine gestohlene Frucht, die errötend aus den Blättern am Spalier leuchtet.« (Balzac reicht Kant ein Glas Wasser, der aber, heftig mit dem Kopf schüttelnd, ablehnt, sich vernehmlich räuspert, seine Stimme wiederfindet und sagt):
Immanuel Kant: Nein, bitte nicht, kein Wasser. Kanariensekt! Das Wasser braucht bei alten Leuten längere Zeit, um, ins Blut aufgenommen, den langen Gang seiner Absonderung von der Blutmasse durch die Nieren zur Harnblase zu machen. Der Anwandelung des Appetits zum Wassertrinken, welche großenteils nur Angewohnheit ist, nicht sofort nachzugeben, und ein hierüber genommener fester Vorsatz bringt diesen Reiz in das Maß des natürlichen Bedürfnisses des den festen Speisen beizugebenden Flüssigen, dessen Genuß in Menge im Alter selbst durch den Naturinstinkt geweigert wird. Man schläft auch nicht gut, wenigstens nicht tief bei dieser Wasserschwelgerei, weil die Blutwärme dadurch vermindert wird. Viel Wasser zu trinken, insbesondere im Alter bei dem männlichen Geschlecht, ist dem langen Leben ungünstig. (Balzac starrt Kant ungläubig an, schüttelt dann den Kopf, doch Kant läßt sich nicht beirren und fährt fort): Wenn es nicht dem Blute assimilierte Teile, dergleichen der Wein ist, in sich enthält (Balzac lächelt), und die einen Reiz der Blutgefäße zum Fortschaffen bei sich führen. (Balzac steht auf und kommt mit einer Flasche Wein wieder, entkorkt sie, stellt zwei Gläser auf den Tisch und schenkt ein. Dann fordert er Kant zum Ergreifen eines der Weingläser auf, ergreift, hebt es in die Höhe und sagt):
Honoré de Balzac: A votre santé, Maître Kant! Nun will ich Ihnen aber noch begründen, weshalb ich in meinem Roman den Ehemann dazu bringe, seiner Frau das Wassertrinken zu verbieten. Das Wasser erinnert nämlich an stürmische Bewegung, es öffnet die Schleusen der Sehnsucht und weckt das Begehren. Wie verträgt sich Ihre Meinung über die Wirkung des Wassers mit der Mitteilung Ihres Kollegen Kraus, der brieflich berichtet hat, ihm bekomme die »neue kantische Diät« sehr gut, »da ich von Mittag zu Mittag nichts als Wasser genieße«?
Immanuel Kant: Das ist nur ein scheinbarer Widerspruch, denn nur Wasser zu trinken, um zu entgiften, ist Teil einer therapeutischen Diät, aber keine Weise, ein angenehmes Leben zu führen. Nun gut, ich möchte auf einen Punkt zurückkommen, der Sie vielleicht erstaunen wird. Ich plädiere nämlich für die Koketterie, aber aus Gründen, die verschieden sind von denen, die Ihre weiblichen Romangestalten antreiben. Die Frau ist gewissermaßen zur Koketterie gezwungen, denn eine junge Frau ist doch immer in Gefahr, Witwe zu werden, und das bedeutet, daß sie ihre Reize über alle, den Glücksumständen nach ehefähige, Männer, ausbreitet: damit, wenn jener Fall sich ereignete, es ihr nicht an Bewerbern fehlen möge. Das Weib sucht daher allen Männern zu gefallen, weil wenn der ihre stirbt, sie auf einen andern, dem sie gefiel, Hoffnung hat.
Honoré de Balzac: Wußten Sie, daß daß es von 1796 bis 1830 annähernd ein Dutzend Übersetzungen von Kant ins Französische gegeben hat.?
Immanuel Kant: Doch, doch, das ist mir bekannt. Aber, wie Sie einmal gesagt haben – denn auch ich habe meinen Balzac gelesen und studiert –: »Es ist unmöglich, Kant von einer ganzen Nation studieren zu lassen«. Da haben Sie recht, der deutsche Idealismus ist in Deutschland zuschanden geritten worden von Leuten, die überhaupt keine philosophische Ader hatten, sondern nur den Idealismus für ihre schändlichen politischen Zwecke mißbraucht haben, wie im sogenannten Ersten Weltkrieg von 1914 bis 1918. So wie man von Kartoffeln, weil sie, was die Menge betrifft, ein Machwerk der Menschen sind, sagen kann, daß man sie gebrauchen, verbrauchen und verzehren kann, so, scheint es, könne man auch von der obersten Gewalt im Staat, dem Souverän, sagen, er habe das Recht, seine Untertanen, die dem größten Teil nach sein eigenes Produkt sind, in den Krieg, wie auf eine Jagd, und zu einer Feldschlacht, wie auf eine Lustpartie zu führen.
Honoré de Balzac: Wie recht Sie haben und wie treffend haben Sie es beschrieben. Uns hier im Elysium bleibt es nur beschieden, ohnmächtige Zuschauer des mörderischen Weltentreibens zu sein.