Der Nachruf muß – das Handwerk bringt es mit sich – lange vor dem Tod geschrieben sein, damit er unmittelbar nach dem Tod erscheinen kann, und eine Zeitung, die ihn irrtümlich vor dem Tod erscheinen läßt, steht immer noch höher im Ansehen, als eine, die ihn nach dem Tod schreibt. (Karl Kraus, 1911)

Wer prominent ist und fast hundert Jahre alt geworden ist, darf damit rechnen, daß zum richtigen Zeitpunkt, gleich nach dem Tod, ein Nachruf erscheint, da die Presse auf Vorrat die Nachrufe auf prominente Persönlichkeiten vorbereiten läßt. Im Fall des jetzt mit sechsundneunzig Jahren gestorbenen Jürgen Habermas bediente man sich einer Mischkalkulation. Nicht alles, was gleich nach seinem Ableben in der Presse gedruckt wurde, stammte aus dem Stehsatz. Im Zeitalter der elektronischen Medien wird die Dringlichkeit des Erscheinens von der Schnelligkeit aufgefangen, mit der dieses Medium die viel langsamer verlaufende menschliche Lebenszeit zu bannen versteht. Unmittelbarkeit ist das Zauberwort, und Betroffen-Sein der emotionale Gehalt, mit dem gleich nach dem Tod eines nahestehenden Freundes reagiert werden muß. Die ›Frankfurter Allgemeine Zeitung‹ bot gleich zwölf prominenten Zeitgenossen des Soziologen die Gelegenheit, sich zu Leben und Werk des weltberühmten Gelehrten zu äußern. Da das Gesamtwerk kaum einen Themenkreis unberührt gelassen hat, ist das denn auch vollkommen berechtigt, zumal nicht jeder und jede zu jedem Fachgebiet etwas inhaltlich Bedeutendes zu sagen hat – wozu gibt es schließlich die wissenschaftliche Spezialisierung? Es liegt in der Natur der Sache, daß die fachwissenschaftlichen Äußerungen weniger interessant sind als die ganz persönlichen. Was soll man auch schon in einen rasch hingeschriebenen Artikel erhebend Fachliches in der Schnelle der Zeit sagen? So wird man denn viel eher die persönlichen Bemerkungen beachten, die einige der Beiträger dem Publikum nicht vorenthalten haben. Ein guter Einstieg ist die letzte Begegnung im Restaurant. Es fällt auf, daß Habermas nicht auf eine Geschmacksrichtung festzulegen war. So berichtet Professor Friedrich Wilhelm Graf vom letzten Treffen »beim Italiener«, während der Verleger Michael Krüger eine »griechische Kneipe in Starnberg« als bevorzugten Ort der Begegnung hervorzuheben weiß. Wir erfahren sogar, was die beiden zu sich genommen hatten: »Souvlaki und Gyros«. Aber nicht nur das, Michael Krüger erinnert sich zudem an das »stets gastfreundliche Haus in Starnberg«, wo sich »die halbe Welt« bei Schmaus und Trank traf. Ein weiterer Freund, gleichfalls hochbetagt mit seinen vierundneunzig Jahren, Alexander Kluge, hat seinen recht kurz geratenen Nachruf mit der Feststellung eingeleitet, der Tod seines alten Freundes habe ihn »in Verwirrung gesetzt«. Verwirrend an dieser Bemerkung ist das Wort »Verwirrung«, denn da das menschliche Leben endlich und begrenzt ist, und nur sehr wenige das hundertste Lebensjahr vollenden können, bleibt unklar, was für eine Art von Verwirrung Alexander Kluge gemeint haben könnte. Die Verwirrung wird größer, wenn man liest, daß Kluge meint, nun müßten wir in die »Werkstätten« der Theorie zurückgehen. Und zwar wegen der von Habermas konstatierten »Unheimlichkeit der Zeit«. Noch als Neunzigjähriger hatte er in einem bewundernswerten Kraftakt auf 1738 Druckseiten ein letztes großes opus magnum unter dem von Herder entlehnten Titel ›Auch eine Geschichte der Philosophie‹ vorgelegt. Er hat mithin ausreichend Material zum Nachdenken über diese Zeit hinterlassen, wie immer man sie denn charakterisieren will, ob nun als »unheimlich« oder, wie Kluge schreibt, als »zerrissene Zeit«. Höchstens könnte man fragen, ob das nicht immer schon für alle Zeiten gegolten hat und es sich um einen häufig begangenen Denkfehler handelt, wenn man meint, gerade die eigene erlebte Gegenwart sei unheimlich und zerrissen, und daß wir es hier nur mit einer Übersteigerung der Gegenwart in einen Gemeinplatz zu tun haben. Jeder Tod hat eine Ursache, und es ist beinahe ausgeschlossen, daß die Menschen bei einem Todesfall nicht auch nach der Todesursache fragen, denn das gibt dem traurigen, zu bewältigenden Vorfall einen sinngebenden Abschluß. Hat man die Ursache oder die Schuld, was ja häufig als gleichbedeutend angesehen wird, gefunden, sieht die Welt nicht unbedingt erfreulicher aus, aber es wird ein befriedigendes Ende registriert. Sowohl Kluge, Graf und Krüger bieten hier Lösungen an. Kluge leitet seinen Nachruf mit einer Spekulation ein: »Der Tod seiner Frau Ute im Jahr 2025 hat Jürgen Habermas den Boden unter den Füßen weggezogen.« Es wird dann noch von einer »Symbiose« gesprochen, in der die beiden lebenslang ihre Tage verbracht hätten. Professor Graf  hebt den Anteil an der Lebensleistung durch die Ehefrau hervor, zitiert den Ehemann mit dem Eingeständnis, daß er es »ohne meine Frau nicht geschafft hätte.« Doch bricht er wie Kluge dann auch schon wieder ab. Diskretion ist in einem Nachruf Ehrensache. Anders Krüger. Er führt zunächst den frühen Tod von Rebekka Habermas, der Tochter, an, und dann den Tod der Ehefrau, um dann der Ursache des Todes von Jürgen Habermas näher zu kommen: »Zwei Todesfälle, die diesen immer noch vitalen Menschen gebrochen haben.« Um seiner Spekulation noch mehr Nachdruck zu verleihen, zitiert Krüger den lebensmüden Freund: »Wie kann ich möglichst unbemerkt verschwinden?« Das ist bei einer Weltberühmtheit ungefähr ebenso schwierig wie die unbemerkte Entfernung der Mona Lisa aus dem Louvre. Doch Krüger weiß noch mehr und er verschweigt seine intime Kenntnis der letzten Tage des Jürgen Habermas nicht. Am Montag, dem 16. März 2026, teilt er den Lesern der ›Frankfurter Allgemeinen Zeitung« mit: »Am vergangenen Mittwoch hatten wir uns verabredet; nicht mehr im Restaurant, sondern bei ihm zu Hause.« Der vergangene Mittwoch war der 9. März 2026. An diesem Tag rief Michael Krüger seinen Freund Jürgen Habermas zu Hause an. Der Anruf wurde entgegengenommen, nachdem Krüger vorher vergeblich an der Haustür geklingelt hatte. Habermas entschuldigte sich dafür, nicht geöffnet zu haben, und, so berichtet Krüger weiter, »bedankte sich für die lange Freundschaft«. Die Todesursache stand damit nicht mehr kurz vor der Aufklärung, der zitierte Satz enthielt die Todesursache. Michael Krüger beschließt seinen Nachruf mit den Zeilen: »Mach’s gut, sagte ich, lahm und entsetzt zugleich, aber ich glaube, da hatte er schon aufgelegt.« 

Karl Kraus hat zum 150. Geburtstag Friedrich Schillers unter dem Titel ›Schrecken der Unsterblichkeit‹ geschrieben:
Denn er war unser! Es sind die Leichenwürmer der Unsterblichkeit. Und was Schillers Andenken mit Fug verkleinert, es ist die leichte Möglichkeit solcher Patronanz. […] Im Kampf gegen sein Gefolge […] wirkt man für sein Andenken am sichersten.