Das tägliche Pensum: der Theodor Lessing-Blog
Hier wird alles glossiert, was in dieser Welt als wichtig erscheint oder manchmal auch nur so scheint. Ausgangspunkt dieser Kommentare wird, aber nicht immer, ein Zitat aus Theodor Lessings Gesamtwerk sein.
Der Name des Blogs ist dem 1930 erschienen Roman ›Fabian. Geschichte eines Moralisten‹ (ursprünglich: Der Gang vor die Hunde) von Erich Kästner entnommen. Gleich zu Anfang heißt es da: »Fabian saß in einem Café namens Spalteholz und las die Schlagzeilen der Abendblätter: Englisches Luftschiff explodiert über Beauvais, Strychnin lagert neben Linsen, Neunjähriges Mädchen aus dem Fenster gesprungen, Abermals erfolglose Ministerpräsidentenwahl, Der Mord im Lainzer Tiergarten, Skandal im städtischen Beschaffungsamt, Die künstliche Stimme in der Westentasche, Ruhrkohlenabsatz läßt nach, Die Geschenke für Reichsbahndirektor Neumann, Elefanten auf dem Bürgersteig, Nervosität an den Kaffeemärkten, Skandal um Clara Bow, Bevorstehender Streik von 140 000 Metallarbeitern, Verbrecherdrama in Chikago, Verhandlungen in Moskau über das Holzdumping, Starhembergjäger rebellieren. Das tägliche Pensum. Nichts Besonderes.«
Es ist nicht schwer, diese längst wieder vergessenen Nachrichten durch die täglich neuen Nachrichten zu ersetzen und sich zu fragen, welchen Nutzen sie für unser tägliches Leben haben. Neben Haupt- und Staatsaktionen gibt es immer wieder die kleinen Nachrichten, die sich wie die großen wiederholen und die Banalität des menschlichen Lebens abspiegeln.
Während wir täglich unser Pensum an Nachrichten aus aller Welt absolvieren, heißt das nicht, daß hier täglich auf diese Nachrichten reagiert werden wird. In den Pausen kann man sich stattdessen auf das Lesen von Büchern konzentrieren.
Neue Gespräche im Elysium XXVI
Im Jahr 1683 erschienen die ›Dialogues des morts‹, Autor war Bernard le Bouvier de Fontenelle (1657–1757). In diesen fiktiven Gesprächen wurden Personen der Geschichte zusammengebracht, die sich während ihres Lebens niemals begegnet waren. Es gab neben Fontenelle eine ganze Reihe anderer Autoren, die dieses Konversationsspiel pflegten, so Boileau, Fénelon, Voltaire, Henry Fielding und Christoph Martin Wieland (›Gespräche im Elysium‹, 1780). Aller Vorbild war aber Lukian (um 120 – um 180), der neben ›Göttergesprächen‹, ›Hetärengesprächen‹, ›Meergöttergesprächen‹ auch ›Totengespräche‹ verfaßte. Hier wird diese lange Tradition fortgeführt.
Balzac meets Kant
Das Ernährungsbedürfnis ist der einzige Sinn des Essens und Trinkens, welchen der moderne Mensch kennt und begreift. Die ursprüngliche Naturmenschheit bringt noch heute die Triebe des Sicheinverleibens und den Drang nach bestimmten Speisen und Getränken in Beziehung zu den Sym- und Antipathien im Erotischen, worauf sogar die Volkssprache noch hinweist mit Wendungen wie: »Sich vor Liebe fressen wollen«; »zum Anbeißen schön«, »jemanden mit den Augen verzehren«. Dieser Übermächtigungs- und Selbsterweiterungstrieb scheint beinahe das letzte metaphysische Element zu sein, das einer völlig naturlos gewordenen Zweckmenschheit von der Magie des Essens und Trinkens auch heute noch übrig blieb. Der letzte Ausläufer davon ist jene Spende- und Gebeseligkeit gastfreien Auftischens, ja Aufkarrens ungeheurer Speisemengen bei Symposien und Tafeleien. In der spätrömischen und byzantinischen Gesellschaft begegnet man dieser Art Gasterei, welche gleichsam die gesamte Umwelt dem geehrten Gaste zu machterweiternder Einverleibung zur Verfügung stellt. (Theodor Lessing: Essen und Trinken, 1924).
Der ganze Text ist nachzulesen in:
Theodor Lessing: Natur und Ethik. Kleine Schriften 1924, Herausgegeben und kommentiert von Rainer Marwedel, Göttingen: Wallstein Verlag, 2026.
(Ab 10. April 2026 in allen Buchhandlungen)
Honoré de Balzac: Professeur Kant, was für eine Ehre für mich, mit Ihnen heute Mittag dinieren zu dürfen!
Immanuel Kant: Ja, ich weiß, daß die Franzosen lieber am Abend sich um eine festliche Tafel versammeln, aber ich muß auch hier im Elysium bei meiner alten Königsberger Gewohnheit bleiben, und die besteht nun einmal darin, zur Mittagsstunde zu Tisch zu bitten. Ich habe meine Essensgewohnheiten auf eine Mahlzeit, das Mittagessen, beschränkt. Aufgetragen wurden täglich drei Schüsseln: Die erste Schüssel enthielt eine Kalbssuppe mit Reis, Graupen oder Haarnudeln. Ich habe zusätzlich Semmel zur Suppe geschnitten, um sie sämiger zu machen. Die zweite Schüssel bestand entweder aus trockenem Obst oder Hülsenfrüchten oder Fisch. Die dritte Schüssel enthielt Braten: Schweinefüße mit pürierten Erbsen oder ein Schweinebraten mit von mir selbst angerührtem englischen Senf. Butter und Käse bildeten den Nachtisch. Dazu gab es ein zweimal gebackenes Roggenbrot. Wenn ich viele Gäste an meiner Mittagstafel hatte, gab es noch eine Schüssel mit Kuchen dazu. Was ich aber allen Speisen vorzog, das war der Kabeljau, von dem konnte ich nicht genug bekommen. Als Getränk gab es Wasser und Wein, roten Médoc habe ich dabei bevorzugt. Bier ließ ich nicht auftischen, denn Bier ist viel zu sättigend und verdirbt den Appetit. So, nun aber: Man muß essen, was das Zeug hält, Monsieur Balzac. Greifen Sie zu, es soll ja nichts umkommen. Aber alles in Maßen. Die tierische Unmäßigkeit, im Genuß der Nahrung, ist der Mißbrauch der Genußmittel. Versoffenheit und Gefräßigkeit sind die Laster, die unter diese Rubrik gehören. Im Zustande der Trunkenheit ist der Mensch nur wie ein Tier, nicht als Mensch, zu behandeln.
Honoré de Balzac: Ich habe in meinem Roman ›La Peau de Chagrin‹ eine Szene in einem Pariser Restaurant beschrieben. Darf ich Ihnen einen Auszug daraus vorlesen? Ich werde einige Zeilen überspringen, um Sie nicht zu langweilen. »Endlich erschien der erste Gang in all seiner Herrlichkeit. Weißer und roter Bordeaux wurden mit königlicher Verschwendung angeboten. Während dieser Morgenröte der Trunkenheit durchbrachen die Reden noch nicht die Grenzen der Gesittung, doch Spöttereien und Witzworte kamen mählich aus jedem Munde. Der zweite Gang kam, als alle sich schon in Hitze geredet hatten. Jeder aß im Sprechen, sprach essend und trank, ohne auf das immer neue Zuströmen der Weine zu achten. Ausgelassen ließen die Männer nun ihren Geist durch die Weiten der Erörterungen, denen niemand zuhörte, galoppieren, begannen Geschichten zu erzählen, die kein Publikum fanden, und versuchten es hundertmal immer wieder mit Fragen, die keine Antwort erhielten. Heimtückische Toaste und Prahlereien wurden laut. Nun verschmähten es alle schon, sich der Aufnahmefähigkeit ihres Geistes zu rühmen; vielmehr wetteiferten sie mit der Aufnahmefähigkeit von Tonnen, Fässern und Kufen. Jeder schien plötzlich zwei Stimmen zu haben. Es kam der Augenblick, in dem alle Herren gleichzeitig redeten. Immerhin hätte dieses Durcheinander von Worten und Paradoxen einen Philosophen durch die Sonderbarkeit der Gedanken sicherlich interessiert und einen Politiker durch die Verworrenheit der Systeme in Erstaunen gesetzt. In ihrer Wut und Lächerlichkeit wurde diese Diskussion wirklich zu einem Hexensabbat der Geister. ›Reichen Sie mir den Spargel herüber! Nach alledem zeugt die Freiheit also die Anarchie, die Anarchie führt zum Despotismus, und die Despotie schafft wieder die Freiheit. Millionen Wesen sind hingegangen, ohne einem dieser System zum Triumph verhelfen zu können.‹ – ›Der Mensch ist ein Hanswurst, der über Abgründe tanzt.‹ – ›Die unmittelbare Folge einer Verfassung ist die Verflachung der Intelligenzen. Die Despotie bringt auf ungesetzlichem Wege große Dinge hervor – die Freiheit gibt sich nicht einmal die Mühe, auf gesetzlichem Wege wenigstens ganz kleine fertigzubringen.‹ – ›Heute hat unsere Gesellschaft die letzte Form der Zivilisation erreicht, sie hat die Macht an die Industrie, den Gedanken, das Geld und das Wort verteilt.‹ – ›Kant, mein Herr? Das ist auch so ein Luftballon, der zum Vergnügen der Dummköpfe steigen gelassen wird. Die Lehrstühle der Professoren sind nicht für die Philosophie geschaffen worden – wohl aber die Philosophie für die Lehrstühle!‹. – ›Nur in Paris gibt es einen so lebhaften schlagfertigen Gedankenaustausch!‹. – Nun war kein Wort mehr zu unterscheiden. Die ganze Gesellschaft delirierte, heulte, pfiff, sang, schrie, knurrte, brüllte.« Es schließt sich dann eine Orgie an, aber die will ich Ihnen nun doch ersparen. Was sagen Sie?
Immanuel Kant: Ich habe bemerkt, daß Sie auch meine Person in Ihrem Roman erwähnt haben. Und ich habe bemerkt, wie doch so ganz anders als bei meiner täglichen Tischgesellschaft ihre Restaurantunterhaltung sich gestaltet. Besonders erstaunlich erscheint mir die Tatsache, daß die Tischgäste zwar eifrig sich an einer Konversation beteiligen, indes keiner von ihnen bereit und willens ist, dem anderen zuzuhören. Es ist, als ob man darauf von vornherein auch keinen Wert gelegt hat. Es ist eher wie das Summen und Brummen eines geschäftigen Bienenkorbs. Mir ist auch aufgefallen, daß kaum davon berichtet wird, was genau gegessen wurde. Es ist viel eher der allgemeine Rausch, der über der Tafel schwebt, die völlige Maßlosigkeit, bei der es weder zu einem ruhigen Austausch von Argumenten kommt noch zu einem geordneten Ablauf der Speisenfolge.
Honoré de Balzac: Ich habe auch ein Galadiner in einem bescheidenen Kleinbürgerhaushalt beschrieben, in der Erzählung ›Die Kleinbürger‹. Drei Personen nehmen daran teil, ein Monsieur Thullier und seine Ehefrau sowie seine Schwester. Es ist bescheidenes, fleißiges, aufsteigendes Bürgertum, das ich schildere, es ist das Jahr 1839, fünfzehn Personen sind in den Drei-Personen-Haushalt eingeladen. Man deckt den Tisch mit einem blendend weißen Tischtuch und legt das gediegene Silber auf den Eßtisch. Zuerst wird eine fast klare Bouillon serviert, dann Ente mit Oliven, eine ziemlich große Fleischpastete mit Klößchen, Aal à la Tartare und ein Kalbsfriandeau auf Endividen. Als zweiter Gang kommt eine mit Maronen gefüllte Gans auf den Tisch, dazu ein Feldsalat mit in Scheiben geschnittener roter Beete und eine Schüssel Makkaroni.
Immanuel Kant: In Königsberg würden wir so ein Mahl nicht als bescheidenes Galadiner bezeichnen, aber in Paris gelten andere Maßstäbe. Ente und Gans hintereinander! Das ist schon sehr üppig und nähert sich einer Schwelgerei.
Honoré de Balzac: Schwelgerisch geht es manchmal schon zu, aber die Vielfraße in meinen Romanen sind selten sympathisch. Keiner ist tugendhaft, der sich nur für seinen Gaumen und seinen Magen interessiert. Monsieur Rigou in meinem Roman ›Die Bauern‹ ist so eine sozialer Typus, dessen sehr breiter Mund mit dünnen Lippen einen starken Esser und entschlossenen Trinker verrät, zumal durch die wie zwei Kommata abfallenden Mundwinkel, in denen die Sauce hinabläuft. Das Tischgespräch ist natürlich sehr fade, wie man es bei solch einem Vielfraß nicht anders erwarten würde. Dagegen in meiner ›Eugénie Grandet‹ verläuft die Einnahme der Mahlzeit ohne großen Aufwand, ein Bissen Brot aus der Hand, ein Stück Obst, dazu ein Glas Weißwein, und damit hat sich das Déjeuner. In meinem schwärzesten Roman, ›Junggesellenwirtschaft‹, zeige ich den Übergang von der Schlemmerei zur Fresserei. Die Völlerei wird einer der Romangestalten zum Verhängnis, sie stirbt an einer unverdauten Scheibe Stopfleber. Damit habe ich meine Lebensmaxime dargestellt: Jeder Exzess verkürzt das Leben. Es war dies auch die Maxime meines Vaters, der abends lediglich einen Apfel verspeiste, weil er beabsichtigte, einhundert Jahre alt zu werden; nun ja, so ganz erreicht hat er dieses Ziel nicht. Vetter Pons, mein bekanntester Schlemmer, stirbt nicht am Exzeß, sondern am Lebenskummer, auch wenn dieser Kummer allein von seiner unbändigen Leidenschaft für gutes Essen herrührt. Doch die eigentliche Tragik des Vetter Pons besteht darin, daß er kein Mensch, sondern nur noch ein Magen ist. Doch nehmen Sie sich einmal meinen kleinen Roman ›Der Eintritt ins Leben‹ vor! Da habe ich mir den Spaß erlaubt, einen Neuling, der gerade im Büro seinen Dienst antreten soll, mit einem erfundenen Aufnahmeritual zu konfrontieren: man legt ihm Protokolle von fiktiven Einladungen zum Essen vor und zwingt ihn, für die Kollegenschaft ein ebenso großartiges Menü zustande zu bringen. Der Neuling tmeistert die Aufgabe und übertrifft alle Erwartungen. Es war für mich die Gelegenheit, meinen Abscheu vor allen diesen Pariser Festmählern zu dokumentieren, das lärmende Geschwafel bei Tisch, die Trunkenheit. Es sind übrigens stets die Männer in meinen Romanen, die sich bei den Tischfreuden als Vielfraße bewähren. Glücklich sind sie nicht, meist werden sie von ihren Frauen betrogen. In der Schlemmerei kompensieren sie ihr sexuelles Elend. Der Magen ist dem Vielfraß daher sein Höchstes. Sein Lustverlangen hat sich in andere sinnliche Eigenheiten seines Wesens zurückgezogen. Sehen sie eine Pastete auf dem Tisch, gehen sie festen Schrittes darauf zu, als wäre die Pastete ein beseeltes Geschöpf.
Immanuel Kant: Ja, die Damen. Ich habe Unterschiede zwischen blauen und schwarzen Augen festgestellt, und auch der Unterschied zwischen Blondinen und Brünetten ist nicht unbemerkt geblieben. Schmachtende Augen und bezaubernde Mienen, lachende und schalkhafte Blicke habe ich registriert und wie sie Männer in Verwirrung zu bringen vermögen. Das hat mich aber nicht dazu veranlaßt, mich zu einer der weiblichen Personen in eine nähere Beziehung zu bringen, auch wenn ich natürlich zu einigen Königsberger Damen brieflichen und persönlichen Kontakt unterhalten habe, aber das war ja alles im Rahmen des Schicklichen.
Honoré de Balzac: Faire l’amour! Ja, freilich, das hätte Sie ja auch von ihrer schwierigen philosophischen Lebensarbeit abgehalten. Bei mir war es ganz anders. Schon mein Vater erlegte sich in dieser Beziehung keine Zurückhaltung auf. Bernard-François Balzac hat sogar eine Broschüre verfaßt, ›Geschichte der Liebesraserei‹, und noch als 78jähriger hatte er flüchtige Liebschaften mit Bauernmädchen. Ja, er hat sogar ein ›Memorandum über die skandalösen Umstände verführter und dem Elend preisgegebener Mädchen‹ geschrieben. Und er hatte keine moralischen Bedenken, seiner Tochter Laure in einem Brief mitzuteilen: »Ich habe eine junge, schöne, kräftige Geliebte, an die ich gewöhnt bin, von ihr rührt meine ganze innere Befriedigung her.« So freimütig war er, ein echter Voltairianer. Ich selbst habe Liebesaffären mit Herzoginnen bevorzugt, ich hatte immer schon einen Drang nach Höherem. Auch erhielt ich zahlreiche Briefe unbekannter Damen, die meine Romane verschlungen hatten.
Immanuel Kant: Ein alter Mann, der verliebt tut, ist ein Geck. Die große Endabsicht der Natur! Das ganz einfältige und grobe Gefühl in den Geschlechterneigungen führt zwar sehr grade zum großen Zwecke der Natur, und, indem es ihre Forderungen erfüllt, ist es geschickt, die Person selbst ohne Umschweife glücklich zu machen, allein um der großen Allgemeinheit willen artet es leichtlich in Ausschweifungen und Lüderlichkeit aus.
Honoré de Balzac: Warum haben Sie nicht eine wohlausgestattete Witwe geheiratet? Sie besitzt ein unabhängiges Vermögen und bringt Liebeserfahrung in die eheliche Gemeinschaft. Die physische Liebe ist ein Bedürfnis, das dem Hunger gleicht, mit dem Unterschied jedoch, daß der Mensch immer ißt, daß aber in der Liebe sein Appetit nicht so ausdauernd und nicht so regelmäßig ist wie bei Tische. Wir haben gewissermaßen beide eine ›Physiologie der Ehe‹ geschrieben, meine erschien 1829 unter diesem Titel, Ihre nannte sich anders, war untergebracht in Ihrer ›Anthropologie‹, in dem Abschnitt ›Vom Charakter des Geschlechts‹. Ich gebe Ihnen einmal einige Kostproben aus meinem Werk (zieht aus seiner Tasche ein Buch und beginnt, daraus vorzulesen): »Die Frau ist eine seltene Spielart der Gattung Mensch. Lieben ist ihre Religion. Sie denkt nur daran, dem zu gefallen, den sie liebt. Geliebt zu werden, ist der Zweck aller ihrer Handlungen; Begierden zu erregen der Zweck aller ihrer Bewegungen. Hier beschäftigen wir uns nur mit den Müßigen; mit denen, die Zeit und Geist haben, um zu lieben; mit den Reichen, die sich gegen ihr Geld den Besitz ihrer Leidenschaften erworben haben. Es gibt einige tausend Bauernmädchen, die seltsamerweise schön wie Liebesgöttinnen sind; diese kommen nach Paris und steigen schließlich zum Range feiner Damen empor; aber auf diese Bevorzugten kommen hunderttausend andere, die Dienstmädchen bleiben oder sich einem schrecklichen Lasterleben ergeben. Endlich die Million legitimer Frauen, mit denen wir uns zu beschäftigen haben. An ihre Tugend zu glauben, ist eine Art gesellschaftlicher Religion. Wenn die Kurtisane ein Bedürfnis ist, sollte sie eine Staatseinrichtung sein. Die keuscheste verheiratete Frau kann zugleich die wollüstigste sein. Das Bett ist die ganze Ehe. Das Bett ist das Barometer der Ehe.« Na, was sagen Sie?
Immanuel Kant: Die Geschlechtsneigung wird auch Liebe genannt und ist in der Tat die größte Sinnenlust, die an einem Gegenstande möglich ist.
Honoré de Balzac: Wie können Sie das wissen, wo Sie doch niemals mit einer Frau geschlafen haben? Man muß doch wenigstens einmal diese Erfahrung gemacht haben, um dann einen Vergleich anstellen zu können und schließlich zu dieser Behauptung, diesem Superlativ: »größte Sinnenlust«, zu kommen?
Immanuel Kant: …die Lust aus dem Genusse einer anderen Person, die also zum Begehrungsvermögen, und zwar der höchsten Stufe desselben, der Leidenschaft, gehört.
Honoré de Balzac: Nochmals: Sie hatten doch nie die Gelegenheit zu diesem Tun, wie können Sie das behaupten, es sei die »höchste Stufe des Begehrungsvermögens«, wenn Sie selbst diese höchste Stufe niemals erklommen haben?
Immanuel Kant: Über meine frühen Jahre weiß die Menschheit praktisch nichts, und deshalb sollten Sie zurückhaltend sein mit Ihrem Urteil über diese Thematik. Von uns selber schweigen wir. Gleich nach meinem Ableben wurden drei kleine Biographien über mich veröffentlicht, und die haben durch die vielen Anekdoten über mich als alter Mann dafür gesorgt, daß man heute meine Person unter diesem verengten Blickwinkel zu betrachten gewohnt ist. Außerdem argumentieren Sie rein empirisch, das bedeutet etwas, aber nicht alles. Darf ich fortfahren? Es ist eine Lust von besonderer Art, das Brünstigsein. In der Anthropologie ist die weibliche Eigentümlichkeit mehr als die des männlichen Geschlechts ein Studium für den Philosophen. Die Weiblichkeiten heißen Schwächen. Man spaßt darüber. Der Mann ist leicht zu erforschen, die Frau verrät ihr Geheimnis nicht. Sie scheut den Hauskrieg nicht, den sie mit der Zunge führt. Im bürgerlichen Zustand gibt sich das Weib den Gelüsten des Mannes nicht ohne Ehe weg. Das Weib wird durch die Ehe frei; der Mann verliert dadurch seine Freiheit. Geschlechtsgemeinschaft, commercium sexuale, ist der wechselseitige Gebrauch, den ein Mensch von eines anderen Geschlechtsorganen und Vermögen macht, usus membrorum et facultatum sexualium alterius. Es ist ein Genuß, zu dem sich ein Teil dem anderen hingibt. In diesem Akt macht sich ein Mensch selbst zur Sache. Nur unter der einzigen Bedingung ist dieses möglich, daß, indem die eine Person von der anderen, gleich als Sache, erworben wird, diese gegenseitig wiederum jene erwerbe; denn so gewinnt sie wiederum sich selbst und stellt ihre Persönlichkeit her. Der Ehe-Vertrag wird nur durch eheliche Beiwohnung, copula carnalis, vollzogen. Der Mann kann weder das Weib begehren, um es gleich als Sache zu genießen, das heißt unmittelbares Vergnügen an der bloß tierischen Gemeinschaft mit demselben zu empfinden, noch das Weib sich ihm dazu hingeben, ohne daß beide Teile ihre Persönlichkeit aufgeben, fleischliche oder tierische Beiwohnung, das heißt ohne unter der Bedingung der Ehe, um durch körperlichen Gebrauch, den ein Teil vom anderen macht, sich nicht zu entmenschen. Ohne diese Bedingung ist der fleischliche Genuß dem Grundsatz nach, wenn gleich nicht immer der Wirkung nach, kannibalisch.
Honoré de Balzac: Deutliche Worte, sehr rationalistisch. Einer meiner liebsten Autoren, Laurence Sterne, behandelt dieses Thema ebenso, er tat, als behandele er die Ehe wie einen medizinischen Fall, der sich periodisch durch einen physiologischen Akt bekundet. Manche Moralisten sind der Meinung, die Liebe sei die am meisten unwillkürliche, die uneigennützigste, die am wenigsten berechnende unter allen Leidenschaften, abgesehen freilich von der Mutterliebe. Diese Auffassung birgt einen groben Irrtum. Zwar kennen die meisten Menschen nicht die Beweggründe, die zum Lieben veranlassen; aber nichtsdestoweniger beruht jede körperliche oder seelische Sympathie auf Berechnungen, die der Verstand, das Gefühl oder das brutale Begehren anstellen. Die Liebe ist ihrem Wesen nach eine egoistische Regung. Wer Egoismus sagt, meint: hintergründige Berechnung. Ist man sich darüber klar, so wundert man sich nicht mehr über die in einem fort zu beobachtenden Ehen zwischen großen, schönen Frauen und kleinen Männern, zwischen kleinen, häßlichen Mädchen und gutaussehenden jungen Burschen. Und was lesen die Frauen? Leidenschaftserfüllte Bücher. Rousseaus ›Bekenntnisse‹. Sie lieben weder die Vernunft noch die reifen Früchte.
Immanuel Kant: Was die gelehrten Frauen betrifft: so brauchen sie ihre Bücher etwa so wie ihre Uhr, nämlich sie zu tragen, damit gesehen werde, daß sie eine haben.
Honoré de Balzac: In meinen Romanen kommen alle erdenklichen Varianten der Liebe vor: Lesbierinnen, keusche junge Mädchen, verdorbene Weiber, ja sogar ein Offizier, der sich mit einer Leopardin paart! Ich habe eine Menge Vergleiche für die Frau gefunden: Ein bunter Pfirsich, ein Soufflé, eine Tortenpyramide. Es gibt für mich keinen Unterschied zwischen einer schönen Frucht und einer schönen Frau. Eine saftige Birne habe ich ebenso gern betrachtet wie einen vollen weiblichen Busen. Zum Reinbeißen! (Kant bekommt einen Hustenanfall.) Die Frauen halten sich beim Essen zurück. In meiner Abhandlung ›Die kleinen Nöte des Ehelebens‹ habe ich das beschrieben: »Die Frauen essen wenig, wenn sie zu einem Abendessen geladen worden sind; ihr heimlicher Harnisch hemmt sie, sie tragen das Paradekorsett; es sind Frauen anwesend, deren Augen und Zungen gleichermaßen zu fürchten sind. Sie mögen keine üppige, aber eine hübsche Kost; Krebse aussaugen, gebackene Wachteln futtern, einen Birkhahnschlegel zerkleinern und mit einem ganz frischen Fisch beginnen, der durch eine der Saucen gewürzt ist, die den Ruhm der französischen Küche bilden. Die Sauce ist der Triumph des Geschmacks. Deshalb sind Grisetten, Bürgerfrauen und Herzoginnen entzückt über ein gutes, kleines, mit erlesenen Weinen angefeuchtetes Abendessen, das man nur in kleinen Mengen zu sich nimmt.« Aber natürlich gefällt es noch weitaus mehr, wenn man die Frau nicht beim Essen beobachtet, sondern sie selbst als köstliche Frucht anschaut. In meinem Roman ›Die Lilie im Tal‹ zum Beispiel. »Zitternd reckte ich mich, um ihr Mieder zu sehen, und wurde vollkommen gefesselt durch einen mit Tüllschleiern schamhaft verdeckten Busen, dessen alabasterne, ebenmäßig runde Kugeln in einer Flut von Spitzen weich gebettet waren.« (Der Hustenanfall Kants steigert sich.) Solche pikanten Szenen habe ich immer wieder gern in meine Romane gestreut. Diese hier stammt aus dem Roman ›Die Beamten‹. Der Titel klingt nicht verlockend, aber hören Sie selbst, wie ich die schöne Madame Rabourdin beschrieben habe: »Der Blick auf die herrlichen Brüste einer geschmückten Frau ist ein so köstlicher Genuß wie das kunstvoll aufgebaute Dessert bei irgendeinem Festessen. Aber ein Blick unter den vom Schlaf zerknitterten Stoff erhascht das verborgene Naschwerk und verschlingt es wie eine gestohlene Frucht, die errötend aus den Blättern am Spalier leuchtet.« (Balzac reicht Kant ein Glas Wasser, der aber, heftig mit dem Kopf schüttelnd, ablehnt, sich vernehmlich räuspert, seine Stimme wiederfindet und sagt):
Immanuel Kant: Nein, bitte nicht, kein Wasser. Kanariensekt! Das Wasser braucht bei alten Leuten längere Zeit, um, ins Blut aufgenommen, den langen Gang seiner Absonderung von der Blutmasse durch die Nieren zur Harnblase zu machen. Der Anwandelung des Appetits zum Wassertrinken, welche großenteils nur Angewohnheit ist, nicht sofort nachzugeben, und ein hierüber genommener fester Vorsatz bringt diesen Reiz in das Maß des natürlichen Bedürfnisses des den festen Speisen beizugebenden Flüssigen, dessen Genuß in Menge im Alter selbst durch den Naturinstinkt geweigert wird. Man schläft auch nicht gut, wenigstens nicht tief bei dieser Wasserschwelgerei, weil die Blutwärme dadurch vermindert wird. Viel Wasser zu trinken, insbesondere im Alter bei dem männlichen Geschlecht, ist dem langen Leben ungünstig. (Balzac starrt Kant ungläubig an, schüttelt dann den Kopf, doch Kant läßt sich nicht beirren und fährt fort): Wenn es nicht dem Blute assimilierte Teile, dergleichen der Wein ist, in sich enthält (Balzac lächelt), und die einen Reiz der Blutgefäße zum Fortschaffen bei sich führen. (Balzac steht auf und kommt mit einer Flasche Wein wieder, entkorkt sie, stellt zwei Gläser auf den Tisch und schenkt ein. Dann fordert er Kant zum Ergreifen eines der Weingläser auf, ergreift, hebt es in die Höhe und sagt):
Honoré de Balzac: A votre santé, Maître Kant! Nun will ich Ihnen aber noch begründen, weshalb ich in meinem Roman den Ehemann dazu bringe, seiner Frau das Wassertrinken zu verbieten. Das Wasser erinnert nämlich an stürmische Bewegung, es öffnet die Schleusen der Sehnsucht und weckt das Begehren. Wie verträgt sich Ihre Meinung über die Wirkung des Wassers mit der Mitteilung Ihres Kollegen Kraus, der brieflich berichtet hat, ihm bekomme die »neue kantische Diät« sehr gut, »da ich von Mittag zu Mittag nichts als Wasser genieße«?
Immanuel Kant: Das ist nur ein scheinbarer Widerspruch, denn nur Wasser zu trinken, um zu entgiften, ist Teil einer therapeutischen Diät, aber keine Weise, ein angenehmes Leben zu führen. Nun gut, ich möchte auf einen Punkt zurückkommen, der Sie vielleicht erstaunen wird. Ich plädiere nämlich für die Koketterie, aber aus Gründen, die verschieden sind von denen, die Ihre weiblichen Romangestalten antreiben. Die Frau ist gewissermaßen zur Koketterie gezwungen, denn eine junge Frau ist doch immer in Gefahr, Witwe zu werden, und das bedeutet, daß sie ihre Reize über alle, den Glücksumständen nach ehefähige, Männer, ausbreitet: damit, wenn jener Fall sich ereignete, es ihr nicht an Bewerbern fehlen möge. Das Weib sucht daher allen Männern zu gefallen, weil wenn der ihre stirbt, sie auf einen andern, dem sie gefiel, Hoffnung hat.
Honoré de Balzac: Wußten Sie, daß daß es von 1796 bis 1830 annähernd ein Dutzend Übersetzungen von Kant ins Französische gegeben hat.?
Immanuel Kant: Doch, doch, das ist mir bekannt. Aber, wie Sie einmal gesagt haben – denn auch ich habe meinen Balzac gelesen und studiert –: »Es ist unmöglich, Kant von einer ganzen Nation studieren zu lassen«. Da haben Sie recht, der deutsche Idealismus ist in Deutschland zuschanden geritten worden von Leuten, die überhaupt keine philosophische Ader hatten, sondern nur den Idealismus für ihre schändlichen politischen Zwecke mißbraucht haben, wie im sogenannten Ersten Weltkrieg von 1914 bis 1918. So wie man von Kartoffeln, weil sie, was die Menge betrifft, ein Machwerk der Menschen sind, sagen kann, daß man sie gebrauchen, verbrauchen und verzehren kann, so, scheint es, könne man auch von der obersten Gewalt im Staat, dem Souverän, sagen, er habe das Recht, seine Untertanen, die dem größten Teil nach sein eigenes Produkt sind, in den Krieg, wie auf eine Jagd, und zu einer Feldschlacht, wie auf eine Lustpartie zu führen.
Honoré de Balzac: Wie recht Sie haben und wie treffend haben Sie es beschrieben. Uns hier im Elysium bleibt es nur beschieden, ohnmächtige Zuschauer des mörderischen Weltentreibens zu sein.
Die Hinterwäldler oder: Dein Hintern hat kein Gesicht
Dr. Anneliese Sendler: Guten Abend, meine lieben Zuschauer an den Bildschirmen. Heute heißt unser Gesprächsthema: Ist das Fotografieren von fremden Körperteilen strafbar? Auslöser war eine Frau aus Köln, die einen Mann dabei erwischte, wie er hinter ihrem Rücken ihr Hinterteil fotografiert hatte. Sie erstattete bei der Polizei Anzeige und trat schon bald in einer Fernsehsendung als Gast auf, wo die Moderatorin sie vorstellte mit den Worten: »Wir wollen natürlich über das Video sprechen, das dein Leben verändert hat. Über 14 Millionen mal wurde dieses Video angeklickt.« Da ist also ausreichend Publizität erzeugt worden, das müssen wir hier nicht noch einmal wiederholen. Wir haben sie deshalb nicht eingeladen, weil wir einmal der parteilich nicht gebundenen freien Wissenschaft das Wort geben wollen, um diesen Fall zu beurteilen. Ich begrüße als ersten Gast Professor Hans Peter Duerr, Ethnologe und Kulturhistoriker, der mit seinem fünfbändigen Werk mit dem Sammeltitel ›Der Mythos vom Zivilisationsprozeß‹, erschienen zwischen 1988 und 2002, für Furore in der akademischen Welt gesorgt hat. Herr Professor, was sagen Sie zu unserem heutigen Thema?
Prof. Hans Peter Duerr: Nehmen Sie Japan als Beispiel. Im Zuge der ›Amerikanisierung‹ des Schönheitsideals haben sich viele Japanerinnen auch um eine stärkere Profilierung ihres Hinterns bemüht. Heute tragen zahlreiche Japanerinnen ›Wonder-Slips‹ oder ›Hip-Bras‹, breite Stoffstreifen, die unterhalb der Pobacken verlaufen, hochgeschnürt und um die Taille geschlossen werden.
Dr. Anneliese Sendler: Sie wollen damit sagen, daß Frauen auf der ganzen Welt körperbewußt agieren und damit aber auch in Kauf nehmen, daß sie sexuell belästigt werden. Ja, dann möchte ich gleich eine weitere Gesprächspartnerin vorstellen, die Sexualwissenschaftlerin und Kulturanthropologin Dr. Ingelore Ebberfeld, die von Professor Duerr promoviert wurde und 2020 leider von uns gegangen ist. Dank der ›Artificial Intelligence‹ können wir sie aber zu uns rufen und uns mit ihr unterhalten. (Ein Hologramm baut sich rasch auf.) Herzlich willkommen, Frau Dr. Ebberfeld!
Dr. Ingelore Ebberfeld: Wenn ich da gleich einhaken darf? Die ›Wonder-Slips‹ sind miederähnliche Unterhosen, die dem flachen Hintern Form geben und an entsprechenden Stellen abgepolstert sind. ›Hip-Bras‹ sind, wie Herr Duerr eben schon sagte, breite Stoffstreifen, die unterhalb der Pobacken verlaufen. Sie werden hochgeschnürt und um die Taille geschlossen. So geschnürt haben die Hinterbacken mehr Form. Der Sinn dieses Täuschungsmanövers ist offenkundig. Der runde Po soll anmachen, ganz so wie jede andere Art der Gesäßinszenierung auch.
Dr. Anneliese Sendler: Ja, freilich, das schon, aber es geht in der öffentlichen Diskussion um die Frage, ob es statthaft ist, bei dieser ›Gesäßinszenierung‹ auch Kameras zuzulassen. Es wird ja wohl auch Frauen geben, die einfach nur gut angezogen sich im öffentlichen Raum bewegen wollen, auf dem Weg zu einem Termin oder um zu shoppen. Und in diesem Zusammenhang wollen sie, glaube ich, nicht von hinten fotografiert werden, und wenn der Po auch noch so hübsch und rund aussehen mag.Unerwünschte sexualisierte Fotos oder Videos könnten künftig unter Strafe gestellt werden. Die derzeitige Bundesjustizministerin will bis Anfang 2026 einen Gesetzentwurf dazu vorlegen. »Der Rechtsstaat muß mehr tun, um Menschen vor Gewalt zu schützen«, sagte die SPD-Politikerin. Der grüne Justizminister von Nordrhein-Westfalen sagte: »Wir bestrafen das Fahren ohne Fahrschein, aber wenn jemand voyeuristische Bildaufnahmen von jungen Frauen macht, die im Park Sport machen, dann bestrafen wir das nicht. Das halte ich für ungerecht.« Ein sehr merkwürdiger Rechtsbegriff, der zugleich einen Gerechtigkeitsbegriff postuliert, indem er Äpfel mit Birnen vergleicht. Leider wird es noch nicht unter Strafe gestellt, daß Minister solche unsinnigen Vergleiche in aller Öffentlichkeit aufstellen. Das gibt mir die Gelegenheit, nun auch einen weiteren Studiogast einzuführen, Frau Chiara Battaglia von der politischen Partei ›Movimento Pomponazzi‹, die es sich zum Ziel gesetzt hat, die während der italienischen Renaissance entwickelten Freiheitsvorstellungen in unsere Gegenwart zu transportieren. Die Bewegung hat sich nach dem italienischen Renaissancephilosophen Pietro Pomponazzi benannt, der von 1462 bis 1525 gelebt hat. Frau Battaglia, was halten Sie denn nun von dieser ganzen Angelegenheit? Lohnt es sich überhaupt, darüber zu reden?
Chiara Battaglia (Movimento Pomponazzi): Es handelt sich um ein Pseudoproblem. Wenn man von mir ein Foto macht, auf dem ich mein Gesicht verziehe, also nicht gut aussehe, bin ich verärgert und will es nicht publiziert sehen, aber wenn man meinen Hintern fotografiert, der kein Gesicht hat, ist das keine »digitale Gewalt«, wie dies die Justizministerin behauptet hat. Facebook zeigt Faces, man kann die Personen identifizieren, aber ein Arsch ist anonym, es findet eine Entpersonalisierung statt. Ich glaube kaum, daß anhand des Fotos, sollte es aus dem privaten Bereich des Spanners in die Öffentlichkeit gelangen, die Person, die zu diesem Körperteil gehört, namentlich identifiziert werden kann. Junge Mädchen hingegen, die vollkommen nackt mittels einer Webkamera sich in aller Öffentlichkeit zeigen, und dabei zusätzlich noch ihr Gesicht zeigen, tun sich damit selbst Gewalt an und werden das in einigen Jahren vielleicht bereuen. Und was ist mit Fußfetischisten, die die Schuhe und Stiefel, die ihnen auf der Straße entgegenkommen, fotografieren? Ist das »digitale Gewalt«, wenn man einen anonymen Schuh fotografiert? Muß die Frau in Stiefeln um ihre mentale Gesundheit fürchten, wenn man ihre Schuhe fotografiert? Sollte sie zur Polizei laufen? Ich habe schon Komplimente für meine schönen italienischen Schuhe auf der Straße erhalten, aber wenn meine Schuhe fotografiert werden, soll das dann ein Straftatbestand werden? Soweit sind wir gekommen, daß Menschen glauben, sie müßten bei jedem lächerlichen Anlaß den Staat zu Hilfe rufen. Wenn jemandem eine herausfordernde Geste eines Passanten nicht paßt, kann er zurückgestikulieren. Cazzo! sagt man bei uns in Italien in solchen Fällen. Fick dich! So regelt man in zivilen Gesellschaften solche Dinge. Aber was haben wir statt dessen? »Anzügliches Rufen, Reden, Pfeifen, Gestikulieren oder aufdringliche Blicke in der Öffentlichkeit« sollen zu einem Straftatbestand erklärt werden! Aufdringliche Blicke! Man stelle sich das Leben auf der Straße unter einer solchen gesetzlichen Vorgabe einmal vor. Und mit solchem Schwachsinn befassen sich heute manche Politiker, während die Massenmedien damit natürlich ein gern angenommenes Futter angeboten bekommen.
Ingelore Ebberfeld: Da bin ich vollkommen mit Ihnen d’accord. Nur muß man eben sehen, daß wir in jeder Stadt und jedem Dorf es mit Menschen zu tun haben, die einen ausgeprägten Sexualtrieb mit sich führen, ob das ihnen nun paßt oder nicht und auch unabhängig von der Frage, ob sie gewillt sind, diesen auf irgendeine Weise auch auszuüben. Und da muß ich dann doch sagen: So naiv, wie sich manche Frauen bei diesem Thema geben, verhält sich die Sache nicht. Es gibt kaum einen Mann, der einem Frauenhintern widerstehen kann. Und die Frauen wissen das, auch wenn sie natürlich nicht vierundzwanzig Stunden am Tag ihren Hintern bewußt oder unbewußt vorzeigen. Der Po ist einfach da. Man kann sich zwar schlappige Klamotten umhängen und so tun, als gäbe es ihn nicht, aber der Po einer Radfahrerin wirkt nun mal auf einem Fahrradsattel, ob sie will oder nicht, auf ihre Umgebung, und zwar auf zufällig vorbeikommende Passanten beiderlei Geschlechts. Bei der Übervisualisierung unserer Gesellschaft und bei der allgemeinen Verfügbarkeit von sehr guten Fotohandys muß man sich deshalb nicht wundern, wenn es gelegentlich zu solchen Zwischenfällen kommt wie dem in Köln. Ein Frauenpo, der, ob mit oder ohne Absicht, in der Rückstellung nach hinten gestreckt wird, verfehlt niemals seine Wirkung. Schauen Sie doch nur die Zeichnung ›Die Marktfrauen auf Rädern‹ an, eine 1972 entstandene Skizze für den Spielfilm ›Amarcord‹ von Federico Fellini. Wir sehen sechs Radfahrerinnen, die prominent ihr Hinterteil auf dem Fahrradsattel spazierenfahren. Das ist nicht nur eine private Obsession Fellinis gewesen, sondern er hat mit dieser Zeichnung sehr schön eine alte anthropologische Weisheit zur Anschauung gebracht. Beugt sich ein Schimpansenweibchen nach vorne und streckt dabei das Hinterteil ihrem Liebsten entgegen, so ist dies eine Aufforderung zur Kopulation.
Prof. Hans Peter Duerr: Die jungen Frauen der Motu tragen zwei bis drei von den Hüften bis zu den Knien reichende Grasschurze übereinander, deren hintere Partie sie beim Gehen aufreizend hin- und her schwenken. Wenn man in Nordamerika von einer Frau sagt: »Das hat sie mit ihren dicken Titten geschafft!«, heißt es entsprechend in Nigeria, sie verdankt dies ihrer »bottom power«.
Jetzt aber noch ein Wort zum Thema Fahrradfahren. Als das Fahrradfahren 1817 durch die Erfindung des Freiherrn von Drais, der Draisine, aufkam und schon bald Mode wurde, wurde in England für die Frauen der ›Ladies accelerator‹ erfunden, mit Sitz, Fußplatte, einem Vorder- und zwei Hinterrädern, damit die Dame auf sittsame Weise den Antrieb ähnlich wie eine Nähmaschine betätigen konnte. So mußten die englischen Frauen nicht auf dem für unanständig empfundenen Herrensitz Platz nehmen. Gegen Ende des Jahrhunderts stiegen immer mehr jüngere Frauen aufs Fahrrad, auch wenn nicht wenig gegen dieses Fortbewegungsmittel seitens der Männerwelt eingewandt wurde. 1896 beruhigte ein deutscher Arzt in einem Zeitungsbeitrag alle um die weibliche Tugend besorgten Heuchler mit der Feststellung, seines Erachtens könnten ›auch bei stark vornübergebeugtem Oberkörper masturbatorische Neigungen nicht leicht entstehen‹. Doch gab es auch genügend Ärzte, die von den ›leicht entzündbaren Wesen‹ sprachen, wie es junge Frauen ihrer Ansicht nach nun einmal waren, die auf dem Fahrradsattel geheimes Vergnügen erfahren könnten. Man verdächtigte die jungen Frauen, auf dem Fahrradsattel auf seltsame Weise hin- und her zu rutschen und die Vulva am immer wärmer werdenden Ledersattel zu reiben. Für amerikanische Kirchenvertreter war das Fahrrad schlechthin ›the advanced agent of the devil‹.
Ingelore Ebberfeld: Der ›Hottentottenhintern‹! Ein Po mit ausgeprägtem Fettsteiß. Mit der Einführung des Reifrocks am französischen Hof wurde er der letzte Schrei, oder wie man in Paris sagte: ›Cul de Paris‹. Seinen Ursprung verdankt er aber den Afrikanerinnen und ihren ausgeprägten Hintern. Das war das Geschenk der Natur an sie. Bei den Maori in Neuseeland bringen Mütter ihren Töchtern das aufreizende Wackeln bei, »onioni«, was nichts anderes als ›bumsen‹ bedeutet. Afrikanische Frauen lassen die Hinterbacken tanzen und rollen, die Jamaikaner haben das den ›African walk‹ genannt. Das Schwingen des Gesäßes weckt unzweifelhaft Assoziationen an den Geschlechtsverkehr. Das kräftige Wackeln mit den möglichst breiten Hüften wird als sicheres Zeichen für guten Sex verstanden.
Prof. Hans Peter Duerr: Der römische Philosoph Lukrez führt dazu an, daß eine Frau dann am leichtesten empfange, wenn sie sich auf die Brüste lege und den Hintern »nach Art vierfüßiger Tiere« hochrecke. Lesen Sie das mal nach in seinem Buch ›Von der Natur der Dinge‹.
Ingelore Ebberfeld: Oh ja, und schon 1912 hat der Ethnologe Jean Wegeli festgestellt, daß es Männer gäbe, auf die die Hinterbacken einer Frau sinnlich stärker einwirken als der schönste Busen. Und diese Männer würden den Koitus bevorzugt von hinten vollziehen. Der größte Anreiz, den Koitus von hinten auszuführen, liegt in der archaischen Form der Besitzergreifung der Frau. Es ist eine Begattungsart, die bei allen Tierarten praktiziert wird.
Prof. Hans Peter Duerr: Aus dem Jahr 1664 gibt es einen Bericht aus Amsterdam, wonach um die Sommerszeit die Badenden oft ganz nackt herumlaufen, »zum Scandal für ehrbare Frauenzimmer, aber freilich auch zur Augenweide der fürwitzigen, die sich an solchen monstris ergötzen«. Und im 18. Jahrhundert heißt es, daß sich an den englischen Stränden Frauen in großer Anzahl einfanden, um einen Blick auf die nacktbadenden Männer zu erhaschen, wobei sich die Damen der besseren Gesellschaft ihrer Operngläser bedienten. An manchen Stränden wurde den Männern allein deshalb das Nacktbaden verboten, weil sich dort ganze Trauben von Voyeurinnen bildeten. Für die Gegenwart kann ich mich auf Berichte meiner Informantinnen berufen, die mir immer wieder von den Gesprächen erzählten, die sie während eines Aufenthalts in öffentlichen Damentoiletten erlauscht hatten. Sie würden sich wundern, was für ein Gesprächston da herrscht und wie unbefangen zugleich über männliche Glieder geplaudert wird.
Dr. Anneliese Sendler: Es gab vor vielen Jahren, Ende der siebziger Jahre den Fall der Alice Black von der Frauenzeitschrift ›Modern Jane‹, die dem allgemeinen Publikum bestens bekannt ist durch ihre öffentlichen Aktionen gegen die »Darstellung der Frau als bloßes Sexualobjekt«. Sie hatte 1978 vergeblich versucht, auf dem Wege der Popularklage gegen die Zeitschrift ›Stern‹ rechtlich vorzugehen und nach der Abweisung der Klage gesagt: »Ab jetzt kann kein Zeitungsmacher mehr solche Titel bringen, ohne zu wissen, was er tut: was er Frauen damit antut.«
Chiara Battaglia (Movimento Pomponazzi): Dazu muß man aber sagen, daß Frau Black gegen ein Foto von Grace Jones vorgehen wollte, damals charakterisierte sie das Foto folgendermaßen: »Eine Schwarze, nackt, in der Hand ein phallisches Mikrofon und um die Fesseln – schwere Ketten.« Wer Grace Jones kennt, weiß, daß sie kein Opfer eines lüsternen Fotografen gewesen ist, sondern solche Inszenierungen bewußt geplant hat. So gibt es von ihr auch ein Musikvideo, wo sie einen Mann von hinten mit schwungvollen Beckenstößen traktiert, doggy stlye. Sie selbst ist als Sängerin und Schauspielerin ein maskuliner Typ, wobei sie aber immer eine sehr attraktive weibliche Frau bleibt und gerade diese Differenz zu ihrem Vorteil ausspielt. Es wäre also auch möglich gewesen, diese Szene als Bespiel für die ›Empowerung‹ der Frauen zu preisen, zu zeigen, daß auch Frauen sich männlich dominant verhalten können, aber das paßte Frau Black und ihrer Zeitschrift ›Modern Jane‹ nicht ins Konzept. Viel einfacher war es, das theatralische Foto zum Anlaß zu nehmen, um über eine nackte schwarze Frau mit einem männlichen Glied in der Hand, angekettet, zu klagen. Das ist journalistische manipulative Projektion. Grace Jones ist wie Madonna eine harte Entertainerin, die alles, was nur entfernt nach ›Tabu‹ aussieht, sofort in ihre kommerzielle Verwertungsstrategie einbezieht. Solchen Leuten wird nichts ›getan‹, sie beherrschen ihre Kunden, ein zahlendes Massenpublikum. Frau Black geht es gar nicht um die Entwürdigung der Frauen, sondern darum, als journalistische Macht aufzutreten und einer anderen massenmedialen Macht zu demonstrieren, welche Macht sie selbst hat und haben kann. Alice Black unterscheidet sich nicht von Grace Jones, sofern es sich um die öffentliche Selbstdarstellung handelt. Beide sind kommerzielle Darstellerinnen, doch würde ich Grace Jones noch immer den Kredit des ehrlichen Showgewerbes zubilligen, während Alice Black an Oberflächenphänomenen der Zeit nagt. Übrigens hat die Schauspielerin und Sängerin Jane Birkin von sich Fotos machen lassen, die in dem Männer-Magazin ›Lui‹ abgedruckt wurden: Man sieht sie da splitternackt, mit Handschellen an Heizungskörper gefesselt, ihr nacktes derrière prall dem Auge des Betrachters entgegenstreckend. Später hat sie über diese Fotos gesagt: »Manchmal signiere ich heute noch das Foto, auf dem ich nackt an eine Heizung gefesselt bin. Ich finde mich darauf sehr schön.« Was will ich damit sagen? Es muß jeder Frau überlassen bleiben, ob und wie sie sich fotografieren lassen will. Natürlich sind heimliche Fotos unerlaubt, das ist doch gar keine Frage. Die Frage ist nur, ob dazu ein Gesetz erforderlich ist, um dies unter Strafandrohung zu stellen.
Dr. Anneliese Sendler: Mir fällt dazu eine Anekdote über den Soziologen Max Horkheimer ein. Der nahm einem Fotografen, der ohne vorherige Genehmigung eine Szene in der Frankfurter Universität ablichtete, die teure Hasselblad-Kamera aus der Hand, und warf sie auf den Boden, wo sie in tausend Stücke zersprang. Dann versicherte er dem perplexen Fotografen, er solle ihm die Nummer seines Bankkonto geben, damit er den geldlichen Gegenwert der Kamera überweisen könne. Das hatte natürlich Stil, so etwas konnte nur ein souveräner Großbürgersohn wie Max Horkheimer zustandebringen. Um aber nun unsere Debatte zusammenzufassen: Ich glaube, wir können feststellen, daß es eine überzogene Reaktion seitens des Gesetzgebers wäre, das Fotografieren eines weiblichen Pos unter Strafe zu stellen. Es gibt allerdings Stimmen, wenn auch sehr radikale, die ganz anderer Meinung sind. Als weiteren Gast in unserer Talk-Runde möchte ich nun wieder ein neues Hologramm aufrufen in Gestalt von Valerie Solanas, die 1988 gestorben ist und 1968 durch mehrere Schüsse auf Andy Warhol diesen lebensgefährlich verletzt hat. Zuvor hatte sie in einem ›Manifest der Gesellschaft zur Vernichtung der Männer‹ auf sich aufmerksam gemacht und dazu eine Organisation mit dem Namen ›Society for Cutting Up Men‹, abgekürzt SCUM, gegründet (Das Hologramm baut sich vor den geladenen Studiogästen langsam auf und man sieht in voller Lebensgröße den Gast aus der Unterwelt.) Valerie, was sagen Sie zu der jungen Frau aus Köln, die ungewollt beim Joggen von einem fremden Mann von hinten gefilmt wurde und daraufhin eine Petition eingereicht hat, die nun zu diesem Gesetzentwurf geführt hat?
Valerie Solanas: Das ist doch ganz einfach. Ich fordere hiermit alle Mädchen und Frauen auf: Stecken Sie, wenn Sie unterwegs in der Stadt sind, eine Geflügelschere in Ihre Handtasche. Und wenn dann so ein Männerschwein mit einem Fotohandy kommt und Sie von hinten fotografieren will, dann treten Sie ihm zunächst einmal kräftig in seine Weichteile, das wird genügen, der fällt um wie ein Baum, dann Hose runter und ab mit dem Schweineschwanz, das geht ruck zuck. Der wird Sie nicht mehr belästigen und Sie ersparen sich den Papierkrieg mit der Polizei.
Dr. Anneliese Sendler: Aber, aber, so geht es ja nun auch nicht. Was Sie hier eben vorgeschlagen haben, ist ja eine Aufforderung zum Mord. Das Fotografieren lebender weiblicher Körperteile geht berührungslos vonstatten, das fotografierte Objekt erleidet keinen körperlichen Schaden.
Valerie Solanas: Erst wenn alle Männer von der Erde verschwunden sind, wird es Frieden für die Frauen dieser Welt geben. (Das Hologramm beginnt zu wackeln, und sackt plötzlich ins sich zusammen.)
Ingelore Ebberfeld: Tja, dann will ich mal versuchen, wieder etwas Sachlichkeit in die Debatte zu bringen. Lassen Sie mich dazu einen kurzen Blick zurück in die Geschichte tun. Im Juni 1977 rückte die Redaktion der Illustrierten ›Stern‹ einen halbnackten Frauenhintern auf einem Fahrradsattel aufs Titelbild. Es folgten weitere solcher Fotos. Daraufhin reichte die Zeitschrift ›Emma‹ eine Unterlassungsklage ein, die das Landgericht Hamburg am 26. Juli 1978 abwies. Das Urteil stellte fest, daß Frauen als Kollektiv nicht beleidigungsfähig sein können. Schauen Sie doch noch einmal die hier an der Studiowand angebrachte Fellini-Zeichnung der radfahrenden Marktfrauen an. Sechs Radfahrerinnen, die prominent ihr Hinterteil auf dem Fahrradsattel spazierenfahren. Wechseln Sie für einen Augenblick die Perspektive. Könnte man nicht über die dargestellten Personen sagen, daß sie voller körperlichem Selbstbewußtsein auf ihren Drahteseln sitzen, mit ihren prächtigen Hinterteilen, und die Fahrt sichtlich genießen. Die Dame in der Mitte des Bildes wirft dem Betrachter einen fröhlichen Blick zu, wissend, daß ihr Anblick beim fremden Beobachter ebenfalls freudige Gefühle auslösen wird. Das ist gesunde Sinnlichkeit, eine Feier des Lebens. Nur Vertreter der Kirchen, insbesondere der katholischen Kirche, werden dagegen den Tod und das Seelenheil der Verdammten beschwören und die schönen Körper dieser Frauen verwerfen.
Dr. Anneliese Sendler: Halt! Da haben Sie mir das Stichwort für unseren nächsten Gast gegeben. Uns zugeschaltet ist nun die ehemalige preußische Landtagsabgeordnete Heidrich, die sich während der Verhandlungen des Preußischen Landtags in der 28. Sitzung vom 16.12.1932 zu Wort meldete. (Ein Hologramm baut sich auf, noch etwas schwach, aber schon an Konturen gewinnend, und dann sieht man deutlich die Figur der Abgeordneten, die mit fester Miene dreinschaut) Frau Heidrich, ich grüße Sie, einen herzlichen Willkommensgruß zurück zu Ihnen ins ewige Schattenreich der Toten.
H. M. Heidrich, preußische Landtagsabgeordnete: Die heutigen Frauen preisen sich an, stellen sich zur Schau. So geht die Würde dahin und damit das Bestreben des Mannes, sie würdevoll zu umwerben. Lernt die Frau wieder, ihr Herz, ihre Seele wie ein köstliches Geheimnis zu wahren, ihren Körper als kostbares Naturgut zu behüten, so wird sie dem Manne nicht nur achtbar und liebenswert erscheinen, sondern ihn selbst kraft des ihr allein verliehenen Zaubers in die Schranken zurückverweisen, in denen beide Geschlechter dem Volksganzen Segen bringen können.
Dr. Anneliese Sendler: Ja, vielen herzlichen Dank für dieses Statement aus dem Jahre 1932. Ich muß dazu Folgendes sagen: Die Abgeordnete bezog sich mit ihrer Stellungnahme auf den so genannten ›Zwickelerlaß‹, eine Ausführungsbestimmung der Verordnung vom 22. August 1932. In dieser heißt es in Paragraf 1: »Das öffentliche Nacktbaden oder Baden in anstößiger Badekleidung ist verboten. Als öffentlich im Sinne dieser Bestimmung gilt das Baden, wenn die Badenden von öffentlichen Wegen oder Gewässern aus sichtbar sind.« Ein sozialdemokratischer Abgeordneter verwies in einer Protestrede auf die zur Kaiserzeit dominierenden großen Rücken-Dekolletés der Damen-Abendkleider. Eine sozialdemokratische Zeitung erwähnte, daß zu Hofbällen die Damen sogar angehalten worden waren, Abendkleider mit besonders tiefem Rückenausschnitt zu tragen. Diese Vorschrift sei von den eingeladenen Damen keineswegs als anstößig empfunden worden. Verrückte Zeiten waren das damals, nicht wahr? Ich sehe, daß unser italienischer Gast vehement mit den Armen gestikuliert, sie scheint ums Wort zu bitten.
Chiara Battaglia (Movimento Pomponazzi): Schauen Sie sich doch nur die Filme meines Landsmannes Federico Fellini an! Was sieht man? Schwellende Körperformen, wogende Busen, ausladende Hüften, pralle Hintern, erigierte Glieder. Ganz unbekümmert hat er das gedreht. Nicht erst seitdem eine Neofaschistin gegenwärtig in Italien den Staat anführt, hat sich dort, ja in ganz Europa, von den USA ganz zu schweigen, eine kulturelle Reaktion gebildet, die Filme, Fotos und Bücher wegen vermeintlich sexistischer Bilder oder Worte verbietet. Diese hinterwäldlerischen Heuchler tun so, als wären die Menschen aus Zuckerwatte oder seien ätherische Engel, während doch gerade das Gegenteil der Fall ist.
Dr. Anneliese Sendler: Ja, damit sind wir wieder einmal ans Ende unserer heutigen Sendung angekommen. Ich dank allen Teilnehmern, den lebenden und den toten, für ihre erhellenden Beiträge und verabschiede mich bis zum nächsten Mal mit einem herzlichen Servus, Ciao Ciao und auf Wiedersehen!
Reklamefahrten zur Hölle
In meiner Hand ist ein Dokument, das, alle Schande dieses Zeitalters überflügelnd und besiegelnd, allein hinreichen würde, dem Valutenbrei, der sich Menschheit nennt, einen Ehrenplatz auf einem kosmischen Schindanger anzuweisen. Hat noch jeder Ausschnitt aus der Zeitung einen Einschnitt in die Schöpfung bedeutet, so steht man diesmal vor der toten Gewißheit, daß einem Geschlecht, dem solches zugemutet werden konnte, kein edleres Gut mehr verletzt werden kann. […] Aber was bedeutet wieder jenes Gesamtbild von Grauen und Schrecken, das ein Tag in Verdun offenbart, was bedeutet der schauerlichste Schauplatz des blutigen Deliriums, durch das sich die Völker für nichts und wieder nichts jagen ließen, gegen die Sehenswürdigkeit dieser Annonce! Ist hier die Mission der Presse, zuerst die Menschheit und nachher die Überlebenden auf die Schlachtfelder zu führen, nicht in einer vorbildlichen Art vollendet? […] Sie erkennen, daß diese Staaten Strafparagraphen haben, welche das Leben und sogar die Ehre von Preßpiraten ausdrücklich schützen, die aus dem Tod einen Spott und aus der Katastrophe ein Geschäft machen und den Abstecher zur Hölle als Herbstfahrt besonders empfehlen. (Karl Kraus: Reklamefahrten zur Hölle, 1921)
Drei Jahre nach Ende des Ersten Weltkriegs hatten die ›Basler Nachrichten‹ einen Einfall, einen Presse-Einfall. Sie brachten den Einfall in die Form einer großen Annonce und versahen diese mit der fettgedruckten Überschrift:
Schlachtfelder-Rundfahrten im Auto!
In etwas kleinerer Schrifttype setzte man darunter:
Unvergeßl. Eindrücke
Dem geübten Zeitungsleser traute man zu, das abgekürzte Wort »Unvergeßl.« zu ergänzen in »Unvergeßliche«. Wenn man viel mitzuteilen hat, muß man sich beschränken. Um den Leser in einen Rundfahrten-Teilnehmer zu verwandeln, der zuvor 117 Schweizer Franken zu erlegen hatte, bevor er unvergeßliche Eindrücke von den Schlachtfeldern von Verdun mitnehmen durfte, wird dem noch zögernden Zeitungsleser versichert:
Keine Paß-Formalitäten!
So kann der Abonnement der ›Basler Nachrichten‹ so sicher wie in Abrahams Schoß sich auf die Rundfahrt begeben, die von seiner Zeitung noch mit dem werbenden Zusatz versehen wurde:
Als Herbstfahrt besond. zu empfehlen!
Dieser Hinweis erfolgte dann aber schon in einer sehr verkleinerten Schrifttype und erneut vertraute man auf die Fähigkeit des Abonnenten, abgekürzte Wörter wie »besond.« umgehend und ohne Schwierigkeiten in »besonders« umzuwandeln. Sodann wird der Leser mit der Fahrtroute vertraut gemacht, wozu auch Mitteilungen über die Art des Zuges (Schnellzug II. Klasse) und der Unterbringung (in einem erstklassigen Hotel) gehören. Doch dann wird es spannend. Um jede Überraschung während der Fahrt auszuschließen, wird dem Abonnenten mitgeteilt: »Sie fahren durch die zerstörten Dörfer ins Festungsgebiet von Vaux mit den riesigen Friedhöfen mit hunderttausenden von Gefallenen.« Als ob diese Information nicht schon genug an Information bedeutet hätte, fügt man zum weiteren Anreiz hinzu: »Sie besichtigen das Ossuaire« — Halt! Natürlich verzichtet ein anständiges Blatt niemals darauf, für alle verständlich zu formulieren, und so geht der Satz denn auch so weiter: »Ossuaire (Beinhaus) von Thiaumont, wo die Überreste der nicht agnostizierten Gefallenen fortwährend eingeliefert und aufbewahrt werden.« Mit dieser beruhigenden Versicherung, daß solch ein großer Friedhof noch immer über eine weitere Aufnahmekapazität verfügt, es sich also nicht um einen toten Ort handelt, vielmehr um eine fortwährend erweiterte Ruhestätte für die Toten des Weltkrieges. Damit aber auch für den hartgesottensten Schlachtfeldtouristen dennoch Gelegenheit ist, sich von den unvergeßlichen Eindrücken zu erholen, wird dem Abonnenten versichert: »bei reichlicher Verpflegung in erstklassigen Gasthäusern«.
Die Ausgabe der ›Hannoverschen Allgemeinen Zeitung‹ vom 30. Oktober 2025 enthielt zwei bemerkenswerte Beiträge. Der eine war ein als redaktioneller Beitrag aufgemachter Artikel über den ›Fall Kentler‹. Die zweigeteilte Überschrift lautete:
Professor, Medienstar, Missbrauchstäter
Neuer HAZ-Podcast arbeitet den Fall Kentler auf
In einem weiteren Untertitel heißt es: »Der hannoversche Sozialpädagogikprofessor Helmut Kentler ist Hauptfigur in einem der größten Pädophilie-Skandale«
Damit ist der Boden bereitet für die in der gleichen Ausgabe abgedruckten Annonce. Die Stichworte »Hauptfigur« und »Skandal« geben den Ton vor. In der Annonce heißt es:
Echte Kriminalfälle, noch mehr Spannung!
Und zur weiteren Erläuterung wurde hinzugefügt:
Wahre Verbrechen, die unter die Haut gehen.
Um den seriösen journalistischen Anstrich zu untermauern, wird des weiteren erläutert:
Neu: Der Fall Kentler – eine vierteilige Serie, aufwendig recherchiert und eindrucksvoll dokumentiert von der HAZ
Im Artikel wird von dem vielfachen Kindesmißbrauch berichtet, deren sich Kentler und sogenannte »pädophile Pflegeväter« schuldig gemacht haben. Das hält das Blatt nicht davon ab, aus dem sachlichen Bericht über ein Verbrechen zugleich einen Kriminalfall zu machen, der die Leserphantasie anregen soll. Denn zwar sind Kriminalromane, oder, wie die Diminitivform unter Lesern dieser Ware heißt: Krimis, natürlich erfunden, fiktiv, aber es gibt ja auch die Möglichkeit, die Spannung für den Leser noch zu steigern, indem man ihm versichert:
Echte Kriminalfälle, noch mehr Spannung!
Ja, um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, wird suggeriert:
Wahre Verbrechen, die unter die Haut gehen.
Wie es den Opfern der pädophilen Verbrecher unter die Haut gehen mag, wenn sie mit solchen Totschlag-Zeilen konfrontiert werden, interessiert die Redaktion der ›Hannoverschen Allgemeinen Zeitung« nicht. Es gilt vielmehr der Grundsatz: Wenn Krimis Spannung bedeuten, wieviel mehr Spannung bedeuten dann erst »Echte Kriminalfälle«, oder, in noch schärferer Formulierung: »Wahre Verbrechen«. Ob die Leser dieses Blattes wohl bemerken, daß das wahre Verbrechen sich manchmal auch innerhalb der Redaktionsstuben einer Zeitung abspielen kann?
Der Vampyrdurst des Kapitals
A: Ja, da sind Sie ja, ich habe schon auf Sie gewartet. Alles bereit für den großen Tag?
B: Wie man’s nimmt. Für meine Kinder ist ›Halloween‹ durchaus ein großer Tag, auch wenn es jedes Jahr immer teurer für mich wird. Wußten Sie, daß es mittlerweile Leute in der Nachbarschaft gibt, die ›Halloween‹ ganz kommerziell aufgezogen haben? So gibt es bei uns ein Gelände, das mit selbst gebauten Grabsteinen, Skeletten und einer Guillotine ausgestattet ist. Das ist noch kostenfrei, aber auf einem Nachbargrundstück müssen Sie zwölf Euro hinlegen, um sich ordentlich zu gruseln. Das nennt sich ›Hardcore-Labyrinth‹, nur für Erwachsene. Man wird durch ein nächtliches Maisfeld geführt und engagierte ›Erschrecker‹ springen plötzlich aus dem Dunkel hervor und es gibt sogar Entführungen, bei denen man erst wieder freikommt, wenn man eine Reihe von Rätseln gelöst hat. Mich beschleicht einfach das Gefühl, daß hier der Besitzer eines S&M-Studios auf andere Art seinen Schnitt machen will. Ein berufsmäßiger Sadist. Da sagt der doch über seine Ambitionen: »Ich überlege, wie ich verschiedene Typen knacken kann – die Ängstlichen, die Coolen, die Poser.« Unangenehme Person, deshalb habe ich auch meine Mitgliedschaft in diesem Club gekündigt.
A: Was reden Sie da bloß? Glauben Sie, ich feiere diesen widerlichen amerikanischen Tag, an dem sich die Menschen bewußt infantilisieren und ihr bißchen Geld für solchen Blödsinn verschwenden?
B: Aber, aber, das ist doch alles für die Kinder, glauben Sie mir. Ich habe jedes Jahr an diesem Tag eine riesengroße Schale mit Süßigkeiten neben der Wohnungstür stehen, und wenn dann die gruselig verkleideten Kinder aus der Nachbarschaft bei mir klingeln, kriegt jeder etwas in den aufgehaltenen Beutel. Bei uns hängen auch keine künstlichen Leichen vor der Eingangstür und vor unserem Haus stehen keine Werwolf-Puppen.
A: Jetzt reicht es aber! Heute ist Reformationstag, Sie ungläubiger Thomas! Schon mal davon gehört? Offensichtlich nicht. Nun ja, Sie sind ja auch wesentlich jünger als ich und man kann nicht davon ausgehen, daß in den Schulen noch ordentlicher Religionsunterricht stattfindet. Aber seit 2018 ist der Reformationstag gesetzlicher Feiertag in Niedersachsen. Das war aber auch höchste Zeit, wenn man bedenkt, wieviele Feiertage es in den katholisch dominierten Bundesländern gibt. Die Katholiken wußten von jeher, wie man sich vor der Arbeit drückt. Nun sind wir Protestanten auch einmal an der Reihe, ähm, ich meine natürlich nicht, um uns vor der Arbeit zu drücken, sondern um unserem Glauben in angemessener Weise öffentlichen Ausdruck zu verleihen. Es geht jetzt gleich zur Kirche.
B: Ach so, diese Nummer meinen Sie. Dieser Luther hat das doch damals veranlaßt, diese Reformation.
A: Mein lieber Herr Gesangsverein, nun nehmen Sie sich aber mal zusammen. So spricht man nicht über eine der bedeutendsten Gestalten der deutschen Geistes- und Religionsgeschichte! Es hat schwerer Kämpfe bedurft, die Reformation durchzusetzen! Das war ja kein Gesetzesentwurf, der in einem Parlament nach einer Mehrheit gesucht hat, das war harter, entbehrungsreicher Glaubenskampf, bei dem viele unserer Glaubensbrüder am Wegesrand liegengeblieben sind. Und diese andauernden Anfeindungen bis heute! Jetzt haben doch tatsächlich die Unternehmerverbände verlangt, den gerade erst eingeführten Reformationstag wieder abzuschaffen. Nun hören Sie sich diese Stellungnahme des Hauptgeschäftsführers der Unternehmerverbände Niedersachsen an: »Der Reformationstag ist ein Wahlgeschenk zu Lasten Dritter, nämlich der niedersächsischen Arbeitgeber. Dieser Tag kostet die Wirtschaft jedes Jahr aufs Neue Geld und Kapazität.« Und was sagt die Industrie- und Handelskammer dazu? »Zusätzliche Feiertage führen regelmäßig zu meßbaren Produktivitätsverlusten und erhöhen die Kostenbelastung für die Unternehmen.« Ja, wes Brot ich eß, des Lied ich sing.
B: Mmhh, lassen Sie mich mal sehen (holt sein Smartphone heraus und tippt rasch etwas ein.) Aha! An diesem Tag sind Tanz-, Sport- und Zirkusveranstaltungen, Filmvorführungen, der Betrieb von Spielhallen, bis 13 Uhr auch der DVD-Verleih oder der Betrieb von Autowaschanlagen verboten. Kurios, besonders das mit den Autowaschanlagen. Darauf muß man erst mal kommen.
A: Jaja, lassen wir diese stupiden Vorschriften beiseite, das interessiert mich jetzt ganz und gar nicht. Daß die Kapitaleigentümer dieses Landes ausgerechnet den Reformationstag abschaffen wollen, ist ein Skandal, der durch ihre Unwissenheit nur noch schlimmer gemacht wird. Denn ohne den Protestantismus gäbe es keinen Kapitalismus.
B: Ach was!
A: Ja, und ich habe hier die berühmte Schrift des deutschen Soziologen Max Weber, die das beweist. Sie heißt ›Die protestantische Ethik und der ›Geist‹ des Kapitalismus‹. Und jetzt stürmen wir die Empore der Apostelkirche und ich lese den dort Versammelten diese Stellen aus Max Webers Schrift vor. Die werden vielleicht staunen. Aber das soll ja auch so sein. Wir gläubigen Protestanten protestieren damit gegen den Versuch der niedersächsischen Kapitalisten, unseren Reformationstag wieder abzuschaffen im Namen ihres privaten Profits. Ohne uns wären diese Damen und Herren Charaktermasken gar nicht denkmöglich. Auf geht’s. (Sie betreten die Apostelkirche und steigen zur Empore hinauf. Herr A stellt sich an den Rand der Empore, zieht seine Fotokopien von ›Die protestantische Ethik und der ›Geist‹ des Kapitalismus‹ hervor und beginnt damit, den Text vorzulesen):
»Ein Blick in die Berufsstatistik eines konfessionell gemischten Landes pflegt mit auffallender Häufigkeit eine Erscheinung zu zeigen, welche mehrfach in der katholischen Presse und auf den Katholikentagen Deutschlands lebhaft erörtert worden ist: den ganz vorwiegend protestantischen Charakter des Kapitalbesitzes. Fast überall da, wo überhaupt die kapitalistische Entwicklung in der Zeit ihres Aufblühens freie Hand hatte, die Bevölkerung nach ihren Bedürfnissen sozial umzuschichten und beruflich zu gliedern, finden wir jene Erscheinung in den Zahlen der Konfessionsstatistik ausgeprägt. Gerade eine große Zahl der reichsten, durch Natur oder Verkehrslage begünstigten und wirtschaftlich entwickeltsten Gebiete des Reiches, insbesondere aber die Mehrzahl der reichen Städte, hatten sich aber im 16. Jahrhundert dem Protestantismus zugewendet und die Nachwirkungen davon kommen den Protestanten noch heute im ökonomischen Kampf ums Dasein zugute. Es entsteht aber alsdann die historische Frage: welchen Grund hatte diese besonders starke Prädisposition der ökonomisch entwickeltsten Gebiete für eine kirchliche Revolution? Nicht ein Zuviel, sondern ein Zuwenig von kirchlich-religiöser Beherrschung des Lebens war es ja, was gerade diejenigen Reformatoren, welche in den ökonomisch entwickeltsten Ländern erstanden, zu tadeln fanden. (Mittlerweile sind Kirchenbedienstete auf die Empore geeilt und zerren, bisher vergeblich, an Herrn A, der unbeirrt weiter aus Max Webers Schrift liest und nun, unter äußerster Bedrängnis, mit lauter Stimme in den Raum der Kirche ruft): Hier stehe ich, ich kann nicht anders! (Während die Kirchendiener nun Herrn A fest im Griff haben, übernimmt Herr B das Kommando, hält sich die ihm zuvor von Herrn A zugesteckte Fotokopie einer Passage aus dem ersten Band des ›Kapital‹ von Karl Marx, 1867 erschienen, vor die Augen und liest ab: »Der Kapitalist hat die Arbeitskraft zu ihrem Tageswert gekauft. Ihm gehört ihr Gebrauchswert während eines Arbeitstags. Er hat also das Recht erlangt, den Arbeiter während eines Tags für sich arbeiten zu lassen. Aber was ist ein Arbeitstag? Jedenfalls weniger als ein natürlicher Lebenstag. Um wieviel? Der Kapitalist hat seine eigne Ansicht über die notwendige Schranke des Arbeitstags. Die Verlängrung des Arbeitstags über die Grenzen des natürlichen Tags in die Nacht hinein wirkt nur als Palliativ, stillt nur annähernd den Vampyrdurst nach lebendigem Arbeitsblut. Arbeit während aller 24 Stunden des Tags anzueignen ist daher der immanente Trieb der kapitalistischen Produktion. Als Kapitalist ist er nur personifiziertes Kapital. Seine Seele ist die Kapitalseele. Die ökonomischen Charaktermasken der Personen sind nur die Personifikationen der ökonomischen Verhältnisse sind, als deren Träger sie sich gegenübertreten. Das Kapital hat aber einen einzigen Lebenstrieb, den Trieb, sich zu verwerten, Mehrwert zu schaffen, die größtmögliche Masse Mehrarbeit einzusaugen. Das Kapital ist verstorbne Arbeit, die sich nur vampyrmäßig belebt durch Einsaugung lebendiger Arbeit und um so mehr lebt, je mehr sie davon einsaugt. Die Verlängrung des Arbeitstags über die Grenzen des natürlichen Tags in die Nacht hinein wirkt nur als Palliativ, stillt nur annähernd den Vampyrdurst nach lebendigem Arbeitsblut. Arbeit während aller 24 Stunden des Tags anzueignen ist daher der immanente Trieb der kapitalistischen Produktion. (Herr B ist sichtlich aufgeregt, zumal das Wort ›Vampyr‹ hat ihn in Feiertagsstimmung versetzt, und beglückt über die Gelegenheit, am Reformationstag dieses Wort öffentlich zur Kenntnis zu bringen, ruft er nach unten, in die inzwischen stehende Kirchengemeinde): Happy Halloween!
Wer kommt heute zum Bund?
Gewinne! Gewinne! Gewinne!
Großes Gewinnspiel! Auslosung vor großem Publikum. Jeder Gewinner erhält eine Bundeswehruniform als Einstiegsgeschenk!
Austragungsort: Großer Sendesaal des Funkhauses Hannover
Dr. Anneliese Sendler (die in ein eng geschnittenes Kostüm, einer Bundeswehruniform nachempfunden, eingekleidet ist): Ja, einen ganz herzlichen guten Abend, liebes Publikum hier in Hannover. Dies ist ja der Ort, wo so oft die beliebte Fernsehsendung ›Einer wird gewinnen‹ aufgezeichnet wurde. Manche Ihrer Großeltern werden sich noch daran erinnern, gell? Und wenn nicht, an den Moderator dieser erfolgreichen Sendung werden sich die Großeltern ganz sicher erinnern (Breitet beide Arme aus, streckt sie in die Höhe und ruft entzückt): Kuli! (Totenstille im Publikum) Sein bürgerlicher Name: Hans-Joachim Kulenkampff. Mein großes Vorbild. Was für ein Charmeur! Solche Leute fehlen halt im heutigen Mediengeschäft. (Fängt sich wieder, legt den Enthusiasmus ab und fährt normal fort.) Willkommen zu unserer Sendung ›Wer kommt heute zum Bund?‹, bei der junge Wehrpflichtige die Chance erhalten, zum Wehrdienst eingezogen zu werden. Ja, meine Damen und Herren, das muß ich Ihnen hier im schönen großen Sendesaal des Funkhauses Hannover nicht weiter erklären, aber denken Sie doch bitte an die vielen Millionen Fernsehzuschauer, die jetzt an ihren Apparaten sitzen und gern wissen wollen, worum es hier heute eigentlich geht. Also, wir haben in Deutschland nicht genügend Soldaten, die unser schönes Land gegen Angriffe von außerhalb verteidigen. Deshalb hat man sich seitens der Regierung entschlossen, ein Losverfahren einzuführen, das gewährleistet, daß wir über ausreichend Soldaten für den Fall verfügen, sollte einmal der Ernstfall eintreten, also, wenn der äußere Feind den Boden unseres Landes betreten sollte. Und damit das Ganze den Beteiligten auch ein gutes Gefühl gibt, wird es heute Abend und an den folgenden Abenden ein tolles Gewinnspiel geben, bei dem die in die engere Auswahl gekommenen jungen Wehrpflichtigen hier vor Ihren Augen und unter Teilnahme eines Millionenpublikums da draußen die Chance haben, schon morgen bei der Bundeswehr anfangen zu dürfen. Es wird heute Abend also nicht nur wie bei ›Einer wird gewinnen‹ einen Gewinner geben, sondern ganz, ganz viele! Und es gereicht diesem Land zur Ehre, solche mutigen Freiwilligen hier begrüßen zu dürfen, die diesem Land mit der Waffe in der Hand dienen wollen. (Die Moderatorin hält einen Moment inne und spricht dann im Normalton weiter.) Ich darf dann mal die Kandidaten bitten, nach vorne zu kommen. (Eine riesige gläserne Wand öffnet sich lautlos hinter der Moderatorin, und nach und nach betreten hundert junge Männer in Zivilkleidung den Sendesaal und stellen sich in Zehner-Reihen hintereinander auf.) Ja, herzlich willkommen, liebe Wehrsoldaten! Auch wenn heute nicht alle von Ihnen vom Los mit einem Gewinn bedacht werden können, so sind Sie doch alle für mich unsere Helden der Nation. Wir sind dankbar und glücklich, Sie unter uns zu haben. Auf Ihren Schultern ruhen die Sicherheit und der Frieden dieses Landes! (Dr. Sendler wirft den rechten Arm in die Höhe, während sie weiter mit der linken Hand das Mikrophon hält und darin hineinspricht.) Ja, und da ist auch schon die elektronisch betriebene Lostrommel, die jetzt gleich die ersten Glücklichen auslosen wird. Dem Publikum darf ich versichern, daß die Lostrommel zuvor von einem unabhängigen, staatlich geprüften Mechaniker und Notar auf Herz und Nieren geprüft worden ist, damit auch alles mit rechten Dingen zugeht und alles seine Ordnung hat. Jeder der jungen Bundeswehr-Aspiranten trägt eine Nummer auf dem Rücken seines Hemdes. Die Glückskugeln in der Lostrommel tragen ebenfalls alle diese Nummern. Sie sehen, alles ganz einfach, aber ungeheuer spannend, ich habe schon eine Gänsehaut vor lauter Aufregung. Dann darf ich mal die Regie bitten, die Lostrommel per Fernsteuerung in Gang zu setzen! (Sie hebt wieder ihren rechten Arm und winkt zu einem von den Zuschauern nicht einsehbaren Punkt weit oben unter der Saaldecke.) Und los geht’s! (Die gläserne Lostrommel beginnt sich zu drehen, um den Mischvorgang auszulösen, nach einigen Runden hält sie an und dreht sich dann in die andere Richtung, wobei eine kleine Schaufel mit einem Hohlraum in den Loskugel-Haufen hineingreift und eine Kugel aufnimmt und dann mit einer leichten Hebung die Kugel durch eine kleine Öffnung in einen schmalen Auffangbehälter fallen läßt. Eine Saalkamera zoomt auf die Kugel und zeigt in Großaufnahme die darauf erkennbare Zahl.) Nun wird’s aber spannend. (Die Moderatorin nimmt die Kugel aus der Halterung und zeigt sie der heranfahrenden Kamera.) Wir haben einen Gewinner! Die Ziffer 13 gewinnt! Bitte, Nummer 13, bitte kommen Sie doch nach vorne, damit ich Sie beglückwünschen kann! (Niemand unter den hundert eingeladenen Wehrdienstanwärtern rührt sich. Dr. Sendler wird ein wenig unruhig.) Nur keine falsche Scheu! Kommen Sie! Sie haben gewonnen! (Schaut mit zwinkernden Augen in die Kamera und ruft:) Gewinne! Gewinne! Gewinne! (Niemand rührt sich.) Die Glücksgöttin Fortuna will ihr reiches Füllhorn über Sie ergießen. Kommen Sie doch mal aus Ihrer Reserve. Wir wollen doch den ersten Gewinner bei der Wehrdienst-Gewinn-Lotterie begrüßen! (Keiner bewegt sich vom Fleck.) Ja, wenn das alles nichts hilft, dann muß ich Sie bitten, sich einmal herumzudrehen, damit man sehen kann, wer denn die erste Glückszahl auf dem Rücken trägt. (Keiner der jungen Leute dreht sich um. Durch den Sendesaal geht ein Raunen.) Ja, Herrschaften, Ihr könnt doch hier nicht den Betrieb aufhalten! Es war doch vor Beginn der Sendung verabredet, daß Sie nach der Ziehung einer Zahl Ihren Teil des Deals zu erledigen haben, indem Sie sich als der Gewinner präsentieren, wenn die Zahl der Loskugel mit der Zahl auf Ihrem Rücken übereinstimmt! (Die jungen Männer starren unbewegt vor sich hin und stehen ebenso starr auf ihren Plätzen.) Tja, nun bleibt mir aber wirklich keine andere Wahl mehr, liebes Publikum, wenn diese Herrschaften sich so anstellen. Saalordner, bitte zu mir! (Mehrere recht große stämmige Männer erscheinen von den Seiten des Raumes und schauen grimmig entschlossen drein.) Also bitte, nun drehen Sie bitteschön die jungen Herrschaften einmal um, damit man die Ziffern auf ihren Rücken sehen kann. Wir wollen heute Abend ja nicht nur einen Wehrdienst-Gewinner begrüßen, sondern viele weitere. Neue Soldaten braucht das Land, wenn ich mir einmal den Titel eines berühmten deutschen Schlagers ausleihen darf. (Kichert in sich hinein, fängt sich aber schnell wieder.) Es wartet auf die frisch gekürten Soldaten im hinteren Teil des Saales dann auch noch eine besondere Überraschung. Eine nagelneue Bundeswehruniform! Die dürfen die durch Los ermittelten Gewinner dann gleich in den Umkleidekabinen anprobieren und sich vor der Kamera als neue Mitglieder unserer Wehrgemeinschaft präsentieren. Einige der heute ausgewählten Soldaten werden bald näher an Rußland heranrücken, hat man mir gesagt, denn es ist die Stationierung einer Brigade in Litauen geplant. Also, einige unter Ihnen können sich schon bald den Wind der Fremde um die Nase wehen lassen. Wer noch keinen Jahresurlaub gebucht hat, hier wartet ein kostenloser Trip auf Sie. Draußen stehen schon mehrere Geländewagen der Bundeswehr, die die heutigen Gewinner der Wehrdienst-Auslosung in ihre Unterkünfte abtransportieren, ähh, transportieren werden. (Während die Moderatorin weiterredet, spielen sich hinter ihr rauhe Szenen ab. Da die eingeladenen Wehrdienstanwärter in der Überzahl sind, ist es für die Handvoll Muskelmänner nicht so einfach, diese zum Umdrehen ihres Körpers zu bewegen. Selbstverständlich geschieht dies nicht durch eine persönliche Ansprache, sondern mit Gewalt, aber sobald einer der Gorillas versucht, einen der avisierten jungen Männer umzuwenden, stürzen sich die anderen zur Wehrpflicht-Show Eingeladenen auf diese und werfen sie zu Boden. Da die Regie davon ebenso überrascht ist wie die Moderatorin und das Saalpublikum, bleiben die Kameras ›dran‹ und senden die sich zu einer gewaltigen Rauferei steigernden Szenen weiter.) Ja, um Gottes Willen, meine Herren, so benehmen Sie sich doch! Das ist ja furchtbar, was Sie hier tun. Sie sollen doch der Stolz unseres Landes sein. Wir müssen uns doch immer auf unsere zivilen Umgangsformen besinnen, es herrscht hier doch kein Krieg! (Die Regie hat nun begriffen, daß es keinen Sinn mehr hat, mit der Sendung fortzufahren. Plötzlich wird der Bildschirm schwarz, dann erscheint eine Informationstafel mit der Aufschrift: Technische Störung.)
›Die Lüge‹ und ›Die Wahrheit‹
Die Überschrift eines Artikels in der ›Süddeutschen Zeitung‹ hat zum Vorbild die BILD-Zeitung:
»Gar nicht wahr. Die Lüge ist zurück. Mit Macht. Als Macht.«
So formulieren Schlagzeilen-Redakteure, die ihrem geistig minderbemittelten Publikum etwas näherbringen wollen.
Wenn der Tennisspieler Becker in ein Londoner Gefängnis muß, weil er zu einem längeren Aufenthalt von einem englischen Gericht dazu verurteilt wurde, würde die BILD-Zeitung diese Pseudonachricht ungefähr so aufmachen:
»Schock! Boris Becker im Knast. Ein Mörder ist sein Zellennachbar.«
Wir erfahren dann in dem Artikel der beiden Reporter: »Die Lüge ist zurück. Mit Macht. Als Macht.« Womit im Text die Schlagzeilen wieder aufgenommen werden, was als rhetorisches Stilmittel wirken soll. Dann geht es weiter: »Eben noch belächelt, verspottet, kopfschüttelnd bestaunt.« Womit die Lüge, genauer: »Die Lüge« gemeint ist. Dann folgt als Zwischenüberschrift in mehrfacher Vergrößerung:
»Im Weltrisikobericht 2025 steht die Desinformation auf Platz eins der größten globalen Risiken. Vor Klimakatastrophen, vor Kriegen.«
Das ist natürlich ein Schock für den Leser, das hätte er nicht gedacht, daß es so schlimm um die Welt steht. Unwidersprochen wird den Autoren des ›Weltrisikoberichts‹ zugestanden, daß Kriege und ökologische Verwüstung der Erde weniger wichtig sind als »Desinformation«. Das mag daran liegen, daß die Leute, die solche Berichte schreiben, ganz im Feld der Information aufgehen und Kommunikation und Information als das Ein und Alles der Welt ansehen.
Einige Absätze weiter liest man dann: »Der Abschied von den Fakten ist der Abschied von der Demokratie.« Damit wird den Fakten ein Status zugeschrieben, den sie auch zu Zeiten der Dominanz der bürgerlichen Presse niemals hatten. Es war sicherlich der Anspruch des heute gern so genannten ›Qualitätsjournalismus‹, nur die Fakten zu bringen und nichts als die Fakten, doch die Produktion einer Zeitung läuft so nicht ab. Obwohl der gewissenhafte Reporter gewiß sich bemühen wird, das Geschehen vor Ort, sagen wir: einen Dachstuhlbrand, genauestens zu beschreiben, auch Augenzeugen zu befragen, so gerinnt ihm sein Artikel doch immer wieder auch zu einer Meinungsäußerung. Das hat Karl Kraus am Beispiel eines Wiener Dachstuhlbrandes anschaulich geschildert. Es gibt keine reinen Fakten, wie hier suggeriert wird. Selbstverständlich gibt es Lügen, die gezielt eingesetzt werden, um zu desorientieren. Aber diese absolute Entgegensetzung von Lüge und Fakten (die unterschwellig mit der Wahrheit, oder gar ›Der Wahrheit‹ gleichgesetzt wird) ist manichäisch.
Richtiggehend apokalyptisch wird es aber, wenn gefragt wird: »Wieviel Zeit bleibt uns?« Man hört da förmlich die Uhr ticken und schaudert vor der dann wohl bald explodierenden Zeitbombe. Im Einjagen von Angst halten die beiden SZ-Reporter mit den Lügen-Verbreitern durchaus mit.
Es geht munter apokalyptisch weiter, wenn ein »Aufdecker« mit dem Spruch zitiert wird, »Womöglich schaufeln wird gerade unser eigenes Grab«. Der »Aufdecker« weiß auch, weshalb das so ist: »Weil wir blind und bequem sind«. Das soll sich aber ändern, denn eine ganze Reihe von Zeugen wird nun aufgerufen, die diese Blindheit und Bequemlichkeit des allgemeinen Publikums fortwischen werden, aber nur, wenn man auf sie hört. Was haben sie uns zu sagen?
Vorerst gar nichts, denn es wird erneut bekräftigt, daß nicht ein tatsächlicher Krieg die Gefahr darstellt, sondern der »Informationsbereich« als der Ort entdeckt wird, »wo der dritte Weltkrieg ist«.
Es werden dann die bekannten Tatsachen über den jetzigen US-Präsidenten wiedergegeben, der nicht auf die Wahrheit schwört, sondern auf die ihm zugute kommende Lüge. Daß er damit an die Macht gekommen ist und dort bleiben will, ist aus seiner Sicht verständlich. Niemand bestreitet das. Es ist ein offenes Geheimnis. Leider lassen die Wahlgesetze der USA und anderer westlicher Demokratien es nicht zu, ihn aus dem Amt zu entfernen, zumal er trotz der erheblichen kriminellen Energie es bisher immer noch erreicht hat, daß alle Strafverfahren gegen ihn entweder eingestellt oder nicht weiter verfolgt wurden. Der junge Mann, der vor der Wahl ihn am Ohr getroffen hat statt, wie wohl ursprünglich beabsichtigt, in den Kopf, hat dies nicht verhindern können.
Es werden dann einige nützliche Abwehrmaßnahmen erwähnt, die den weltweiten Unfug entweder einschränken oder löschen. Das ist erfreulich. Das aus der Natur bekannte Prinzip, womit man das, was schädlich ist, mit ebendiesem Schädlichen auch bekämpfen kann (ein Programm, »das mit KI erkennt, wenn Texte durch KI verändert wurden«). Das kennt man am Beispiel des so genannten ›Wettrüstens‹ schon lange, so wie Polizei und Verbrecher in einem ständigen, nie zu beendenden Wettkampf sich befinden.
Dann folgt eine starke Behauptung: »Europas Bürger stecken alle fest in drei, vier fünf großen Plattformen – X, Facebook, Instagram, Youtube, Tiktok –, auf die wir unsere Debatten, unsere Geschäfte und Teile unseres Privatlebens ausgelagert haben.« Dazu müßte man ermitteln, wieviel Prozent dieser europäischen Bürger das tun, was hier ohne weiteres behauptet wird.
Der alarmistische Ton der beiden Reporter wird beibehalten: »Vielleicht noch bedrohlicher: Mit der Entwicklung generativer KI-Systeme wird eine neue Form der Einflussnahme möglich, die nur schwer zu erkennen ist, da sie auf die Nutzer – deren psychologische Profile mithilfe ihrer Social-Media-Aktivitäten längst gesammelt werden – individuell zugeschneidert ist.«
Ja, schön ist das nicht, nur gehen die Reporter von einem Nutzertypus aus, der sich durch ausgesprochene Beschränktheit auszeichnet. Diesen Typus gibt es ganz gewiß, vielleicht sogar in überwiegender Zahl, aber so zu tun, als seien die Benutzer dieser Technologien von vornherein der Propaganda hilflos ausgeliefert, unterschätzt die Fähigkeit zur Differenzierung doch sehr.
Die Kritiker dieser Entwicklungen sind ›Star Wars‹-Fans. Sie streuen gern Zitate aus diesen Filmen in ihre Bewertungen ein. Das kann manchmal sehr aufhellend wirken, in diesem Fall aber wird damit lediglich das manichäische Weltbild gestützt: »Is the dark side getting stronger?« Die beiden Reporter sind sich zusammen mit den von ihnen Interviewten sicher: »Aber die Mächte des Guten müssen sich niemals verloren geben«. Etwas Heroismus muß es schon sein, und zugleich wird damit doch auch bewiesen, daß der Kampf gegen das Böse auch einen sportlichen Reiz haben kann.
Für einen Moment nüchtern geworden, erwähnen die beiden Reporter Jonathan Swift und seinen 1710 erschienen Essay ›Die Kunst der politischen Lüge‹. Es ist alles schon einmal dagewesen, nichts Neues unter der Sonne, aber dann wird diese Sicht gleich wieder aktualisiert, mit einem nicht ganz gelungenen Vergleich: »Nur hat man heute das Gefühl, die Lüge habe Raketentreibstoff getankt.« Und schon sind wir wieder in einer Episode von ›Star Wars‹, der Art von Unterhaltung, die sowohl Reporter wie die Kämpfer gegen die Desinformation als private Entspannungsübung bevorzugen.
ACHTUNG! Der Fließtext wird aufgelockert durch eine aufgeblähte Zwischenüberschrift:
»Der ›Volksverpetzer‹, mit der auffälligste Faktenchecker und Anti-AfD-Blogger in Deutschland, hat heute 700 000 Follower auf Instagram.«
Dieser dem allgemeinen Informationswohl verpflichtete junge Mann, der so typisiert wird: »Cargopants, Sneaker, Typ fröhlicher Student« — Was will er? »›Werbung für die Wahrheit‹ will er machen, so heißt das Buch, mit dem er es vergangenes Jahr auf die Bestsellerlisten schaffte.« Mit dieser erfrischend direkten wahren Information wenden sich die beiden Reporter an die Leser der ›Süddeutschen Zeitung‹, damit sie im Bilde sind und sich das Buch kaufen, das ihnen bei der Bewältigung der bedrohlichen Lage helfen wird. Wie bereits oben ausgeführt, ist ›Die Wahrheit‹ der natürliche Antagonist von ›Die Lüge‹, so daß man mithilfe der Lektüre dieses Bestsellers gleichermaßen der Wahrheit wie der Lüge auf die Schliche kommen kann. »700 000 Follower auf Instagram.« Ja, Wahnsinn. »La vérité est en marche et rien ne l’arrêtera.« (Die Wahrheit ist auf dem Vormarsch und nichts kann sie aufhalten) schrieb Emile Zola in seinem berühmten Aufruf ›J’accuse‹ (1898). Damit nicht genug, der »Typ fröhlicher Student« schaut mal schnell auf das stets bereitliegende Smartphone und ruft begeistert aus: »21 Millionen Aufrufe in den letzten 30 Tagen.« Es kann also doch nicht ganz so schlimm um unsere Welt bestellt sein.
Quelle:
Roman Deininger und Kai Strittmatter: Gar nicht wahr. Die Lüge ist zurück. Mit Macht. Als Macht. Wie sie die Demokratie zerstört – und wer sich dagegenstemmt. Eine Reise an die Front. In Süddeutsche Zeitung, 03.10.2025
Es ist nur ein Übergang
Als ich ein kleiner Knabe war, da sagte zu mir mein Großvater: »Du bist in eine schwere Zeit hineingeboren. Sie ist nur ein Übergang vom Alten zum Neuen.« Schön, dachte ich, also wird das Neue wohl noch kommen. Als ich in die Welt hinaus fuhr, da sagte zu mir mein Vater: »Unsere Zeit, mein Sohn, ist nur eine Übergangszeit. Wir stehen mit einem Fuße im 19., mit dem anderen schon im 20. Jahrhundert.« Ich dachte: Herrlich! Da werde ich also das Eigentliche noch erleben. […] Da floh ich nach Rußland; aber Rußland befand sich gerade in einem Übergang. »Teufel«, dachte ich, »wo finde ich denn nun das Wesentliche?« Immer sagen die Leute: »Wir befinden uns grade im Übergang.« […] Die Menschen glaubten eben jederzeit: ihre Zeit sei nur ein Übergang. (Theodor Lessing: Es ist nur ein Übergang. In: Prager Tagblatt, 28.5.1926)
A: Der Kanzler hat einen bedeutsamen Satz von sich gegeben.
B: Schon faul. Aufhören! Verschonen Sie mich mit Verlautbarungen von Regierungsmitgliedern.
A: Ich glaube, Sie sollten sich den Satz ruhig anhören. Er lautet nämlich: »Wir sind nicht im Krieg, aber wir sind auch nicht im Frieden.«
B: Na großartig, jetzt geriert sich der Kanzler schon als Aphoristiker. Was will er denn damit aber eigentlich sagen?
A: Nie sollst du mich befragen. Tja, der Satz hat es schon in sich, er ist vielsagend und sagt doch zugleich nichts.
B: Was soll das nun wieder heißen?
A: Sehen Sie, seitdem ein Regierungsmitglied den Satz äußerte, Deutschland müsse »kriegstüchtig« werden, und seitdem der Herrscher von Rußland ständig unfreundliche Akte gegen seine Nachbarn unternimmt, ist man in deutschen Regierungskreisen bemüht, sehr viel Geld für die militärische Aufrüstung des Landes auszugeben, weil man meint, mit noch mehr Waffen sei die Sicherheit des Landes garantiert.
B: Da hat sich in der Vergangenheit schon mancher Machthaber gründlich verrechnet.
A: Aus der Geschichte wird generell nichts gelernt, das steht als Grundsatz so fest wie der Eiffelturm.
B: Ja, und was lernen wir nun aus diesem Kanzler-Satz?
A: Man muß den Satz auseinandernehmen, um den eigentlichen Sinn freizulegen. Vielleicht so: Wir leben in einer Übergangszeit, die sich dadurch auszeichnet, daß wir nicht im Krieg, aber auch nicht mehr im Frieden leben.
B: Das ist aber doch nur die banale Wiederholung dessen, was der Kanzler gesagt hat.
A: Sie verkennen die langsame rhetorische Vorbereitung einer gründlichen Analyse. Lesen Sie mal Karl Kraus, der hat immer Sätze wiederholt, um dann nach und nach den Sinn und den Unsinn solcher Sätze zu zeigen. Der Kanzler hätte auch sagen können: »Liebe Landsleute! Schwere Zeiten stehen euch bevor. Ich kann Ihnen aber versichern, daß durch die enormen militärischen Ausgaben der letzten Monate dieses Land bestens darauf vorbereitet ist, in einen Krieg mit Rußland zu gehen!«
B: Das würde der Kanzler niemals sagen, das wäre auch durch die Geschichte nicht gedeckt, wenn man nur an die Feldzüge Napoleons gegen Moskau denkt, von dem Hitlerschen Vormarsch in russische Gefilde ganz zu schweigen. Das waren von vornherein Pleiteunternehmen.
A: Allerdings, aber nachdem durch die Politiker in diesem Lande und die ihnen wohlgesonnenen Medien in den letzten zwei Jahren allmählich eine Stimmung für einen Krieg vorbereitet worden ist, kommt dann der Zeitpunkt, wo ein Kanzler dem Volk, das nun auch noch wieder in die Wehrpflicht hineingedrängt werden soll, einen Zwischenbericht zur Lage der Nation vorlegen muß. Das glaubte er jedenfalls, als er sein Kanzler-Selbst befragte.
B: Nun gut, wie lösen Sie denn aber nun den Kanzler-Satz vom Nicht-Krieg und Nicht-Mehr-Frieden analytisch auf?
A: Wie ich schon sagte, will der Satz auf ein Übergangsstadium hindeuten, so wie auch der alte Satz, der sagt: Si vis pacem para bellum. Auf deutsch: Wenn du den Frieden willst, bereite den Krieg vor.
B: Oho! Das klingt aber ausnehmend kriegerisch.
A: Das ist es auch, nur wird es durch diese Konstruktion des Kanzler-Satzes ein wenig verdeckt, denn der Kanzler will seinem Volk ja keine Angst einjagen, sondern eben nur sagen, daß es sich auf andere Zeiten vorzubereiten hat, ja, daß diese anderen Zeiten bereits angebrochen sind: Der nichtkriegerische Frieden, die Vorstufe oder der Übergang zum friedlichen Einsatz von Waffen für einen guten Zweck: den Frieden.
B: Nun versteigen Sie sich aber in die Art von Kasuistik, die ich bei Rechtsanwälten immer gehaßt habe.
A: Aber darum geht es doch in dieser Sache! Niemand ist bereit, offen auszusprechen, was man plant und vorhat, aber zugleich muß man aus Gründen der politischen Legitimität etwas dazu sagen. Und so sagt man eben: »Wir befinden uns nicht im Krieg, aber auch nicht mehr im Frieden.« Es bleibt offen, ob man bald wieder zum Frieden zurückkehren will, aber es wird dem äußeren Feind deutlich gemacht, daß man nicht vor einem Krieg zurückschrecken wird.
B: Und die Kriegserklärung geht natürlich nicht von uns aus, sondern v0n den anderen.
A: Wie bei jedem Krieg, selbstverständlich. Keiner will der Aggressor sein, deshalb sagt man dann: »Seit fünf Uhr fünfundvierzig wird jetzt zurückgeschossen!«
B: Ja, mir ist dieser Satz wohlbekannt. Aber auch in der Vorkriegsphase des Ersten Weltkriegs gab es Bestrebungen innerhalb der deutschen politischen Elite, den Beginn eines Krieges mit Rußland so aussehen zu lassen, als ob die Russen mit dem Krieg begonnen hätten und man sich nun tapfer zu wehren habe.
A: In unserem heutigen Fall ist tatsächlich Rußland das kriegführende Land, seit es die Ukraine überfallen hat. Mittlerweile aber werden Unmengen an Geld in die militärische Aufrüstung gepumpt und in diesem Zusammenhang fiel dem Kanzler dann plötzlich ein, daß das eigentlich ein Zustand sein könnte, der nicht mehr eindeutig zu bestimmen ist und deshalb hat er ihn zwischen Krieg und Frieden plaziert. Also das ist ungefähr der Zustand, den man zu beschreiben versucht, wenn man von »ein bißchen schwanger« spricht. 1982 hat die Schlagersängerin Nicole das Lied ›Ein bißchen Frieden‹ populär gemacht. Aber wir haben es heute mit einem Zustand zu tun, bei der führende Politiker dieses Landes singen: ›Ein bißchen Frieden, ein bißchen Krieg‹, und so wie es aussieht, läuft es auf ein ›Ein bißchen Krieg‹ hinaus.
B: Sie wissen aber schon, daß er den Satz: »Wir sind nicht im Krieg, aber wir sind auch nicht im Frieden« eingeleitet hat mit diesem Satz: »Ich will es mal mit einem Satz sagen, der vielleicht auf den ersten Blick ein bißchen schockierend ist.«
A: »Ein bißchen schockierend«! Da haben wir es ja, wie auf Stichwort. Es scheint keiner zu bemerken, daß mit diesem Geschwafel das mentale Gelände für Dinge präpariert wird, bei der die Bundesrepublik zum Aufmarschgelände und Schlachtfeld für einen Krieg werden wird.
B: Mir wird speiübel.
A: Ich kann es Ihnen nicht verdenken. Übrigens hat der Kanzler in einer privaten Unterhaltung, die für die Öffentlichkeit bestimmt war, verlauten lassen, er trinke jetzt gar keinen Alkohol mehr.
B: Aha! Nur im Zustand völliger Nüchternheit zieht man ins Feld. Wie sagt man? »Jedes Volk hat die Regierung, die es verdient.«
A: Das ist von Joseph de Maistre (1753—1821), einem katholischen Reaktionär.
B: Na bitte, und welcher Partei gehört dieser Kanzler an?
Polygynie in Venedig
Zum 99. Geburtstag am 28. Juni 2025, für einen der größten Komiker und Parodisten der Gegenwart: Melvin Kaminsky, besser bekannt als Mel Brooks
Der Hinrainer Rudi, der hat einen Stil. International Flair! Er kann zwar kein Englisch, aber er frisst einen Sushi. Er sauft einen Bardolino. Fährt einen Mitsubishi. Außerdem ist er sowieso international, weil, er ist ja mit einer Thailänderin verheiratet. Seine Frau ist eine Thaifrau! Und zwar schon die dritte. Warum? Das ist nämlich auch interessant. Das ist jetzt zwar ein anderes Kapitel, aber der Rudi sagt, die Thaifrauen sind zum Anschauen wirklich anmutig – aber, sagt er, haltbar sind sie nicht. Er sagt, er hätte jederzeit aus seiner Sicht auch eine europäische Frau geehelicht. Das wäre ihm wurscht gewesen. Polin, Ungarin – scheißegal, sagt er. Aber jetzt kommt es – er sagt: Die europäische Frau hat sich seiner Meinung nach mit ihrem enormen Selbstbewusstsein im Grunde selber sehr geschadet. Gell. Das sag nicht ich, das sagt der Hinrainer Rudi.
Gerhard Polt: Der Europäer. In: ders.: Drecksbagage. Anwürfe, Unterstellungen, aber auch Ehrabschneidungen, Zürich 2008, 31–39 (38).
A: Was für ein Sommer dieses Jahr, und dabei haben wir die Monate Juli und August noch vor uns!
B: Jaja, es ist ganz schön heiß und soll kommende Woche noch heißer werden. Bis zu 36 Grad! In New York sind schon 39 Grad erreicht worden. Global Warming!
A: Ach, hören Sie doch auf mit diesen klimakritischen Phrasen, ich kann es einfach nicht mehr hören.
B: Sie haben mit dem Thema angefangen, nicht ich.
A: Da haben Sie recht, Entschuldigung, aber diese Hitze steigt mir in den Kopf und nachts schwitze ich wie ein Schwein, muß immer wieder aufstehen und das Nachtzeug wechseln und wenn dann der Morgen naht, fühle ich mich wie zerschlagen. Das Schlimmste aber ist: seit einigen Tagen friere ich tagsüber, es ist so, als wäre unter meiner Haut eine Eisschicht eingewandert. Dazu kommt ein Gefühl der Übelkeit und des Schwindels.
B: Wie bedauerlich. Dafür haben Sie draußen eine blühende Natur, wie man es im Sommer gewohnt ist. Wenn alles kalt und grau ist, können Sie zwar besser die Nacht überstehen, aber das ist dann auch schon alles. Die Aussicht darauf, daß bald schon wieder Weihnachten ist und in den Fußgängerzonen der Glühwein die Menschheit bedroht, ist ja auch keine schöne Aussicht.
A: Jetzt aber mal was Anderes. Haben Sie die sündhaft teure Hochzeit dieses Jeff Bozo mit dieser Schlauchbootlippenbraut in Venedig verfolgt? Das ist ja Kabarett live.
B: Es war schwer, diesem Pseudoereignis auszuweichen, die Medien haben sich darauf gestürzt wie eine Wespe auf das letzte Stück Zwetschgenkuchen in der Konditorei.
A: Allerdings! Es ging aber auch um viel Geld. Unglaublich, was diese Superreichen sich alles leisten können und wie sie das Geld aus dem Fenster schmeißen, als wären es Karamellen im Karneval.
B: Deshalb fand das Spektakel ja wohl auch in Venedig statt, wo in früheren Zeit wochenlang Karneval gefeiert wurde. Was müssen das für Zeiten gewesen sein! Wie schade, daß man das nicht miterleben konnte.
A: Venedig ist nicht mehr das, was es einmal war. Ein Doge hätte niemals diesem Bozo erlaubt, vier Tage die Serenissima zu okkupieren, auch nicht mit einer großen Geldspende an die Stadt, wie sie dieser Bozo getätigt hat.
B: Sie sprechen vom vielen Geld, das dieser Bozo, der übrigens richtig Bezos heißt und der Begründer des Versandwarenhauses ›amazon‹ ist, hat springen lassen. Eins verstehe ich dabei nicht: Wie kann ein Mann, der Milliarden Dollar flüssig zur Verfügung hat, am Ende eine Frau heiraten, die so aussieht? Eine Vogelscheuche allerersten Grades! Für so ein unansehnliches Wesen, das ja vielleicht innere Werte haben mag, gebe ich doch nicht das ganze schöne Geld aus. Und was noch schlimmer ist: Die hat der jetzt jahrelang am Hals. In diesen Kreisen halten solche Ehen möglicherweise nicht lange, aber ganz egal, wie lange er diese Person nun sein eigen nennen darf, es bleibt doch zu fragen: wieso ein so angejahrtes und aufgespritztes Modell, wo man für viel weniger Geld doch etwas weitaus Besseres bekommen kann?
A: Das sehe ich ganz genau so. Ich würde aber noch einen Schritt weiter gehen als Sie. Bei dem ergaunerten Reichtum dieses Herrn Bozo fragt man sich doch, wieso er sich auf eine Frau beschränkt hat. Wieso nicht zwei Frauen, drei Frauen, was sage ich?, einen ganzen Harem. Das Geld ist doch vorhanden und ich bin mir sicher, daß man auf der ganzen Welt ausreichend Frauenmaterial zusammenbringen kann, um einen netten Harem damit zusammenzustellen. Und vor allem junge, hübsche Frauen aus aller Herren Länder! Latinas, Muslimas, schwarze, weiße, gelbe Frauen, da bin ich ganz vorurteilslos. Alles zusammenkarren und dann vor die Weltmedien treten und sie mit ganzem Besitzerstolz den Kameras präsentieren. Das hätte Klasse und Stil. Aber das traut sich dieser kleine glatzköpfige Mann nicht. Er hat zwar viel Geld, ist aber völlig gefangen in einer kleinbürgerlichen Welt der Ein-Ehe. Pah!
B: So betrachtet, hat das viel für sich. Personen aus diesen Kreisen haben ohnehin keinen Ruf zu verlieren, können aber enorm hinzugewinnen, wenn es darum geht, etwas wirklich Aufregendes und Neues der Welt vorzuführen.
A: Da sind wir uns einig. Und im übrigen müßte dieser Bozo ja gar nicht die Ehe mit jeder der Frauen aus seinem Harem ›konsumieren‹, wie man das im US-amerikanischen Sprachgebrauch so nennt. Doch der ungeheure Neid, den alle Männer der Welt, ob nun Christen oder Moslems, empfinden würden, wenn sie wüßten, daß diesem Milliardär erlaubt ist, das zu tun, wovon diese auf eine Frau festgelegten Kleinbürger nur träumen können, das allein wäre ein maßloses Gefühl der Macht. Denn das ist doch wohl klar: es geht bei einem Harem nicht um Sex, sondern um die Darstellung von männlicher Macht.
B: Wenn es aber ganz stilgerecht sein soll, müßte dieser Herr Bozo vielleicht doch erwägen, wenn er sich so einen Harem einrichten läßt, daß er dann auch einen Haremswächter einstellt. Einen Eunuchen.
A: Uii! Guter Gedanke, aber sicher schwierig in der Ausführung, denn wo immer diese Vielweiberei stattfinden soll, ob in den USA oder Europa, wird man auf ethische Vorbehalte stoßen. Denn Sie wollen doch nicht bloß einen Haremswächter engagieren, der nicht vollkommen echt daherkommt, oder?
B: Sie meinen: Kastriert?
A: In der Tat, das muß dann schon sein, wenn man den Anspruch erhebt, einen authentischen Harem zu präsentieren. Ich denke aber doch, es sollte sich eine Lösung dafür finden. Wissen Sie, ich bin ja gelegentlich bei diesen am Starnberger See stattfindenden Symposien eingeladen. Letztes Jahr waren Marquis de Sade-Tage angesetzt worden, und da war ein hochinteressanter Vortrag eines Professors der Münchner Universität über jüdische Beschneidungsrituale und orientalische Kastrationstechniken angesetzt, also der war schon sehr eindrucksvoll, muß ich sagen. Nachher hat man sich dann beim Champagner über den Vortrag unterhalten und da sagte mir ein Teilnehmer, er kenne Ärzte, die würden gegen Aufpreis solche Kastrationen fachgerecht an entsprechenden Subjekten vornehmen. Die Operation an sich ist eigentlich keine große Sache, das geht alles ganz klinisch vor sich, so wie die Ärzte in Saudi-Arabien ja auch versierte Techniker sind und es noch nie zu ärztlichen Kunstfehlern gekommen ist, wenn dort den verurteilten Verbrechern eine Hand abgetrennt wurde. Genauso geht es dann auch bei der Gonadektomie zu; einmal zack, und ab ist der Balkon. Sicher, es ist ein heikles Thema, aber man nimmt für solche Prozeduren ja auch keine Westeuropäer, ja nicht einmal Osteuropäer, obwohl der Markt dafür langsam heranwächst. Nein, Personen mit der Ambition, sich einen privaten Harem einzurichten, stützen sich voll und ganz auf den südostasiatischen Raum. So ein Bangladeshi ist schon für 1000 Dollar zu haben, natürlich ohne die Kosten der Operation, das kommt extra. Aber dann hat man einen wirklich authentischen Haremswächter, der zudem von ausgewiesenen medizinischen Fachärzten behandelt wird. Auch für die Nachsorge ist alles vorbereitet. Andererseits sollte man auch den gigantischen US-Markt nicht ganz außen vor lassen. Die Gefängnisse dort sind ja ohnehin seit Jahren überfüllt. Wieso sollte man da einzelnen Subjekten nicht die Chance bieten, sich gegen Hergabe der Hoden vom Strafvollzug freizukaufen? Natürlich müßte man eine strikte Vorauswahl treffen. Ordinäre Vergewaltiger kämen von vornherein schon einmal nicht in Frage. So ein Milliardärs-Harem muß schon auf einem gewissen zivilisatorischen Niveau gehalten werden. Also, ich würde sagen: wenn unter diesen Verurteilten in den amerikanischen Gefängnissen einmal ein Bilanzfälscher ist (die haben sie ja öfter da drüben), da würde ich sagen: Ja, weshalb denn nicht? Der bringt eine gewisse Bildung mit, denn ohne eine solche wäre man ja nicht Bilanzfälscher geworden, nicht wahr? Und so würde sich so eine Person auch ganz unauffällig in den Harems-Haushalt einfügen lassen, meinen Sie nicht?
B: Tja, für diesen Herrn Bozo ist der Zug in dieser Hinsicht abgefahren, aber es gibt ja noch andere reiche Leute auf dieser Welt. Man darf gespannt sein. Das werden sich die internationalen Medien nicht entgehen lassen.
A: Darauf können Sie wetten. Ach, es ist doch immer wieder nett, mit Ihnen so ganz zwanglos über interessante Themen der Welt zu plaudern.
B: Das denke ich auch, dann bis zum nächsten Mal, Frau A.
Fading Civilization. Part Five. Eine apokalyptische Serie
Die Apokalypse hat eine lange Geschichte. Nimmt man sich irgendein Ereignis der Gegenwart vor, so kann man meist ohne Mühe daran ablesen, daß, wie es in gängiger Alltagsrede heißt, »alles den Bach runtergeht«. In dieser Rubrik sollen solche Alltagserscheinungen beleuchtet und interpretiert werden, dabei prüfend, ob nicht doch ein Ende erreicht werden wird und welche Vorteile dies für die Erde dann doch hätte: »Eines ist auf jeden Fall gewiß: der Mensch ist nicht das älteste und auch nicht das konstanteste Problem, das sich dem menschlichen Wissen gestellt hat. Der Mensch ist eine Erfindung, deren junges Datum die Archäologie unseres Denkens ganz offen zeigt. Vielleicht auch das baldige Ende. Wenn diese Dispositionen verschwänden, so wie sie erschienen sind, wenn durch irgendein Ereignis diese Dispositionen ins Wanken gerieten, dann kann man sehr wohl wetten, daß der Mensch verschwindet wie am Meeresufer ein Gesicht im Sand.« (Michel Foucault: Les mots et les choses, 1966)
Ein Kakerlak sitzt in meinem Salat!
In der Verwechslungskomödie ›Victor and Victoria‹ (Regie: Blake Edwards, USA 1982) sind zwei arbeitslose Künstler sehr hungrig, haben aber nicht genug Geld, um in einem erstklassigen Pariser Restaurant ihren Hunger zu stillen. Victoria Grant, gespielt von Julie Andrews, hat eine Idee. Sie betritt mit dem Chansonnier Toddy, gespielt von Robert Preston, das Lokal und verrät ihm, wie man auch ohne Geld sich satt essen kann. Sie bestellt einen gemischten Salat und, nachdem der hochnäsige Kellner verschwunden ist, öffnet sie ihre Handtasche, und schüttelt den Inhalt über der Salatschüssel aus. Aber es geschieht nicht das, was sie eigentlich damit bezweckt hatte, denn in der Handtasche hatte sie eine riesige Kakerlake (Cockroach) versteckt. Verstört sucht sie in dem Salat nach dem Insekt, doch sie findet es nicht. Der Kellner steht plötzlich neben Victoria und beugt sich über den Tisch. Toddy sagt mit bestimmtem Ton, daß sie noch eine weitere Flasche Wein haben möchten. Während der Kellner die leere Flasche ergreift, läuft ein Kakerlak über seine Hand. Victoria erschrickt sich, springt auf und fängt an zu schreien. Sie fällt gegen den Kellner, der wiederum kopfüber auf einen Nebentisch stürzt. Toddy verlangt den Manager des Restaurants zu sprechen, doch der hat bereits den entsetzlichen Vorfall aus dem Hintergrund beobachtet. Mit scheinheiliger Höflichkeit entschuldigt er sich bei ›Madame‹ und erklärt, in den fünf Jahren, seitdem er das Restaurant leite, sei es nur zweimal vorgekommen, daß ein Kakerlak in den servierten Speisen gefunden wurde, dann nämlich, wenn die Gäste das Insekt selbst in ihr Essen placiert hatten, um die Restaurantleitung zu erpressen und damit um das Bezahlen der Rechnung herumzukommen. Während das Geplänkel seinen Fortgang nimmt, wird die Kamera in einer Großaufnahme auf eine übergewichtige Dame mit Hut und großer Perlenkette gerichtet, die skeptisch das Geschehen um sie herum verfolgt hat. Dann schwenkt die Kamera auf den Fußboden des Restaurants und man sieht einen der Schuhe der Dame. Dort, auf der Spitze des Schuhs hat der Kakerlak Platz genommen. Unternehmungslustig krabbelt er das Bein hoch, Richtung Norden, zu wärmeren Gefilden. Als der Kakerlak ungefähr in Höhe der Kniekehle angekommen ist, erfolgt ein scharfer Kameraschnitt auf Gesicht und Oberkörper der Dame, die unter einem entsetzten Aufschrei von ihrem Sitz auffährt. Und dann sieht man das Restaurant von außen, eine abendliche Szene mit vier matt erleuchteten, zu einem Drittel mit weißen Gardinen abgedeckten Fenstern. Es ist vollkommen still. Dann aber sieht man, ohne Ton, wie alle Gäste hochspringen, wild gestikulieren, auf die Tische springen und mit Gegenständen auf die Tische einschlagen. Und ein Paar, Victor und Toddy, verläßt, sich an den Händen haltend, mit schnellen Schritten das Restaurant.
Oddio, che schifo! (Oh Gott, wie ekelig!) hörte man in den letzten Tagen in sämtlichen Restaurants der Stadt Rom die Gäste rufen. Doch nicht etwa ein Zechpreller hat einen Kakerlak in sein Essen getan, sondern die Kakerlaken selbst haben sich in Massen dazu entschlossen, die römischen Restaurants aufzusuchen. Periplaneta americana (Amerikanische Großschabe) nennt sie sich, oder wird fälschlicherweise so genannt, denn das Insekt ist asiatischen Ursprungs und hat sich per Schiff über den gesamten Mittelmeerraum ausgebreitet. Der XXL-Kakerlak hält sich tagsüber in der Kanalisation auf und ernährt sich, wenn er nicht gerade auf Restauranttischen sich bedient, von den auf Roms Straßen herumliegenden Speiseresten. Die Ewige Stadt hat es bis heute nicht erreicht, sich auch nur eine einzige Müllverbrennungsanlage anzuschaffen, weswegen denn auch anderes Getier wie die allezeit und überall präsente Ratte in Rom ihr Auskommen findet. Aber auch Möwen und Tausende von Wildschweinen halten sich an offenen Mülltonnen gütlich. Die Riesen-Kakerlake profitiert von der Klimaerwärmung und wandert aus den Mittelmeergebieten immer weiter nach Norden, denn dort findet sie Temperaturen vor, die ihr ein Überleben auch im Winter ermöglichen. Igitt! wird man denn wohl auch bald in den Restaurants Hannovers zu hören bekommen. Auf deutsch: Wie ekelig!
Der Maskenball des Ministers
Gibt es Geschäfte, in denen es eine Ausnahme von der Maskenpflicht gibt? Ja. Banken und Sparkassen. Hier gilt keine Maskenpflicht. Das Land möchte so offenbar gewährleisten, daß normale Kunden in den Filialen von Bankräubern zu unterscheiden sind. (Pressemitteilung aus dem Frühjahr 2020)
Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank? (Bertolt Brecht: Die Dreigroschenoper, 1931)
Zwei CDU-Parteimitglieder unterhalten sich.
A: Wenn ich an manchen Tagen die Zeitung aufschlage, natürlich die ›Große Frankfurter‹, was sonst?, dann frage ich mich, ob es nicht besser gewesen wäre, sie nicht aufzuschlagen.
B: Ach, was ist denn passiert? Schon wieder ein Raubüberfall auf einen Juwelierladen? Wie gehen denn übrigens die Geschäfte in Ihrem Juwelierladen?
A: Lassen Sie uns gar nicht erst damit anfangen, über die Geschäftslage zu reden. Aber in gewisser Weise haben Sie ins Schwarze getroffen mit Ihrer Frage. Viel schlimmer kann es schon gar nicht mehr kommen. Hier (reicht Herrn B die Zeitung herüber). Da, ich habe die betreffende Seite schon aufgeschlagen. Wirtschaftsteil, Seite 17.
B: (liest laut vor): »Nach Bekanntwerden interner Ermittlungsergebnisse aus dem Bundesgesundheitsministerium zur überteuerten Maskenbeschaffung in der frühen Corona-Zeit wächst der Druck auf das Haus von Nina Warken und auf ihren Vorvorgänger Jens Spahn (beide CDU). Hintergrund sind die Ergebnisse der Aufklärungsbeauftragten im Ministerium. Diese hatte Warkens Vorgänger Karl Lauterbach (SPD) eingesetzt, weil der Bundesrechnungshof Kritik an Spahns Maskeneinkauf geübt hatte und weil das Ministerium viele Klagen gegen Lieferanten verloren hatte, die sich geprellt sahen. Das Prozeßrisiko für die Steuerzahler beträgt bis heute 2,3 Milliarden Euro.« Donnerlüttchen, da liegt der Hund begraben.
A: (nimmt Herrn B das Blatt aus der Hand und liest weiter): »Der Zeitung liegen exklusiv Teile der Arbeitsergebnisse der Aufklärungsbeauftragten vor. Demnach könnte der Schaden für die Steuerzahler noch viel höher sein als angenommen. Vermutlich hat das Gesundheitsministerium in der Anfangsphase der Pandemie im Frühjahr 2020 bis zu 623 Millionen Euro zu viel gezahlt, obgleich die Fachabteilung des Hauses zu wesentlich niedrigeren Preisen geraten hatte. Das wären noch einmal 156 Millionen Euro mehr als bisher bekannt. Wichtige Teile des öffentlichen Preisrechts hat das Ministerium entweder nicht gekannt oder ignoriert. Die Milliardengeschäfte könnten daher nichtig sein.«
B: Das ist ja furchtbar, ganz furchtbar. Der arme Jens Spahn, den habe ich immer für einen ordentlichen Politiker gehalten, der hat doch schon während der schrecklichen Pandemie in einer Rede im Bundestag gesagt: »Wir werden einander viel verzeihen müssen.« Und dann hat er nach dem Ende der Pandemie daraus ein ganzes Buch gemacht. Ob er es selbst geschrieben hat? Das weiß man bei Politikern aller Couleur nie so genau. Egal, das Buch hat auch einen Untertitel: ›Wie die Pandemie uns verändert hat – und was sie uns für die Zukunft lehrt. Innenansichten einer Krise‹.
A: (mit grimmiger Miene) Sätze wie diese sind wie ein Bumerang, sie kommen zurück und treffen den Sprecher. Denn jetzt kommt’s. Hören Sie zu (liest weiter aus dem Artikel vor): »Spahn hat gegen mehrfache, sehr ausdrückliche Hinweise seiner Mitarbeiter in der Abteilung 1 des Ministeriums einen sehr viel höheren Preis mit Gewalt durchgesetzt.« Mit Gewalt! Gegen die ausdrücklichen Hinweise der Mitarbeiter!
B: Ogottogott, ogottogott! Das hätte ich dann doch nicht gedacht, daß dieser sympathische junge Mann zu sowas fähig ist. Was hat er sich dabei bloß gedacht. Wer gibt schon gern freiwillig mehr Geld aus als nötig ist? Ich sage doch auch im Kaufmannsladen um die Ecke nicht: Ach, berechnen Sie ruhig mehr als mein Einkauf eigentlich kosten würde, ich hab’s ja. Und warum sollte ich Ihnen nicht eine Freude machen und völlig überteuerte Waren kaufen.
A: Hier kommt die Pointe der Geschichte! Sind Sie bereit?
B: Nun spannen Sie mich doch nicht so auf die Folter!
A: (liest): »Man könnte vermuten, daß Spahn das für seine CDU-Freunde unter den Maskenhändlern gemacht hat.«
B: (völlig entgeistert, schluckt und spricht dann nur stockend weiter): Aber…das…ist…doch…nicht…möglich. Das macht man doch nicht, und wenn man auch ein noch so loyales Parteimitglied ist. Als Minister ist er doch dem Staatswohl, dem Allgemeinwohl verpflichtet. Artikel 56 des Grundgesetzes! »Ich schwöre, daß ich meine Kraft dem Wohle des deutschen Volkes widmen, seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden, das Grundgesetz und die Gesetze des Bundes wahren und verteidigen, meine Pflichten gewissenhaft erfüllen und Gerechtigkeit gegen jedermann üben werde.«
A: Ja, die Papierfassung einer Eidesformel klingt immer sehr schön und erhaben, doch die Wirklichkeit sieht anders aus. (Macht eine Handbewegung nach unten, wie als schließe er den Deckel eines Sarges): Der Mann ist erledigt. Toast, wie man in den Vereinigten Staaten sagt. Und man muß ihn ganz, ganz schnell loswerden. Der ist das reinste Leichengift. Raus damit aus der Partei. Ein Parteiausschlußverfahren muß sofort ingang gesetzt werden. Der zieht uns alle in den Abgrund. Wie stehen wir als Partei denn jetzt da? Wir sind doch Christenmenschen und nicht Betrüger und Parasiten, die auf dem Rücken des Steuerzahlers sich zugunsten von Parteifreunden bereichern und wie die Made im Speck des Staatskörpers verhalten. Das sind doch die Gründe, weshalb so viele Leute diese AfD-er-Partei wählen. Ich kann förmlich die Wut riechen, die die Wähler ergreift, wenn Sie solche Meldungen hören.
B: Ich bin fassungslos. Wer hätte das gedacht, daß so etwas möglich ist, und das zu einer Zeit, wo Millionen Menschen vom Tod durch das Virus bedroht waren. Und da kommt dieser Kerl daher und schustert seinen Parteikumpanen die völlig überteuerten Preise zu. Dieser Zynismus! Und dann stellt der sich auch noch im Bundestag hin und sagt: »Wir werden einander viel verzeihen müssen.« Ja, das schlägt doch dem Faß den Boden aus! So ein Schweinehund, so ein elendiger! Tut so, als sei er vom Allmächtigen dazu bevollmächtigt, sich selbst vorab zu entschuldigen und zu entschulden, wo er gerade krumme Dinger als Minister gedreht hat. In China würde man ihn nicht nur aus der kommunistischen Partei ausschließen, der würde im Schnellverfahren liquidiert werden, als chinesischer Volksschädling.
A: Nun beruhigen Sie sich doch. Es wird ja sicher wohl weitere Konsequenzen geben. Das heißt: noch ein Untersuchungsausschuß mit weiteren Einzelheiten. Aber im Endergebnis, da können Sie Gift darauf nehmen, wird garantiert nichts dabei herauskommen. Man kennt das doch schon von den mit schöner Regelmäßigkeit publizierten Berichten des Bundesrechnungshofs. Jedesmal liest man darin die haarsträubendsten Dinge über sinnlose Steuergeldverschwendung. Aber haben Sie jemals gelesen, daß einer der Schuldigen dafür ins Gefängnis gewandert ist? Natürlich nicht, wir sind ja in Deutschland. Und erst recht Politiker sind absolut gefeit gegen diese Angelegenheiten.
B: Diese Type ist seit kurzem Fraktionsvorsitzender der CDU-CSU-Bundestagsfraktion. Und ich sage: heraus mit ihm! Wie auch aus allen anderen Ämtern und Mitgliedschaften. Der ist auch Mitglied der Ludwig-Erhard-Stiftung. Man denke! Was hat der Altbundeskanzler Ludwig Erhard alles für das deutsche Wirtschaftswunder getan, alles im Dienste des Allgemeinwohls. Friedlich hat er seine tägliche Zigarre geraucht, und nun haben Schakale Platz genommen am reichlich gedeckten Tisch der deutschen Nation. Selbst wenn man diesem Spahn sein Wohnhaus wegnehmen und sein Privatvermögen beschlagnahmen würde, die Summe aller Werte ergäbe auch nicht annähernd die Summe, die er durch sein betrügerisches Verhalten den deutschen Staat gekostet hat. Wir sollten eine Unterschriftenaktion starten und alle CDU-Mitglieder zum Austritt aus der Partei auffordern, wenn nicht unverzüglich dieser Spahn aus der CDU hinausgeworfen wird!
A: Nun, manchmal reicht die Maske eines Biedermanns eben aus, um einen Banküberfall durchzuführen.