Das tägliche Pensum: der Theodor Lessing-Blog

Hier wird alles glossiert, was in dieser Welt als wichtig erscheint oder manchmal auch nur so scheint. Ausgangspunkt dieser Kommentare wird, aber nicht immer, ein Zitat aus Theodor Lessings Gesamtwerk sein.

Der Name des Blogs ist dem 1930 erschienen Roman ›Fabian. Geschichte eines Moralisten‹ (ursprünglich: Der Gang vor die Hunde) von Erich Kästner entnommen. Gleich zu Anfang heißt es da: »Fabian saß in einem Café namens Spalteholz und las die Schlagzeilen der Abendblätter: Englisches Luftschiff explodiert über Beauvais, Strychnin lagert neben Linsen, Neunjähriges Mädchen aus dem Fenster gesprungen, Abermals erfolglose Ministerpräsidentenwahl, Der Mord im Lainzer Tiergarten, Skandal im städtischen Beschaffungsamt, Die künstliche Stimme in der Westentasche, Ruhrkohlenabsatz läßt nach, Die Geschenke für Reichsbahndirektor Neumann, Elefanten auf dem Bürgersteig, Nervosität an den Kaffeemärkten, Skandal um Clara Bow, Bevorstehender Streik von 140 000 Metallarbeitern, Verbrecherdrama in Chikago, Verhandlungen in Moskau über das Holzdumping, Starhembergjäger rebellieren. Das tägliche Pensum. Nichts Besonderes.«

Es ist nicht schwer, diese längst wieder vergessenen Nachrichten durch die täglich neuen Nachrichten zu ersetzen und sich zu fragen, welchen Nutzen sie für unser tägliches Leben haben. Neben Haupt- und Staatsaktionen gibt es immer wieder die kleinen Nachrichten, die sich wie die großen wiederholen und die Banalität des menschlichen Lebens abspiegeln.

Während wir täglich unser Pensum an Nachrichten aus aller Welt absolvieren, heißt das nicht, daß hier täglich auf diese Nachrichten reagiert werden wird. In den Pausen kann man sich stattdessen auf das Lesen von Büchern konzentrieren.

Life imitates Art

In Erich Kästners Roman ›Fabian. Die Geschichte eines Moralisten‹ (1931) betreten der Protagonist und sein Freund Labude einen Berliner Nachtklub. »Unten im Saal wurde die schönste Figur prämiert. Die Frauen drehten sich mit ihren knappen Badeanzügen im Kreis, spreizten die Arme und die Finger und lächelten verführerisch. Die Männer standen wie auf dem Viehmarkt. ›Der erste Preis ist eine große Bonbonniere‹, erklärte die kauende Paula, ›und wer sie gekriegt hat, muß sie dann beim Geschäftsführer wieder abliefern.‹«
In seinem 1891 erschienenen Essay ›The Decay of Lying. An Observation‹ schreibt Oscar Wilde: »Life imitates Art far more than Art imitates Life.«
In Rußland erhalten Kriegerwitwen vom Staat Pelzmäntel geschenkt, vor laufenden Kameras, aber nach Abschluß der Aufnahme wurden einigen der Frauen die Pelzmäntel wieder weggenommen. Vgl. Alexey Tikhomirov: Die Kriegerwitwe als Aufstiegsmodell. In: FAZ, 3.4.2023.

Kriegsfanatiker, Staatsstreichbefürworter, Antisemit

In dem Artikel von Bert Strebe über Straßenumbenennungen und Denkmäler (HAZ v. 11.3.2023) werden Waldersee, Wagner und Kant als Beispiele »umstrittener« Namensgeber behandelt. Damit werden Äpfel mit Birnen verglichen. Es ist zunächst einmal nicht »umstritten«, daß Waldersee das war, was der britische Historiker John C. Röhl über ihn gesagt hat: Waldersee war ein »reiner Militarist und Reaktionär, ein Präventivkriegsfanatiker, ein Staatsstreichbefürworter, ein bigotter orthodox-protestantischer Katholikenhasser und nicht zuletzt ein ›christlich-sozialer‹ Antisemit« John C. Röhl: Wilhelm II. Bd. 1 (Die Jugend des Kaisers, 1859–1888), München 1993, 600. Aus gutem Grund hat man gleich nach 1945 alle Straßen und Plätze, die nach Adolf Hitler benannt waren, geändert. Würde heute noch ein Denkmal für Hitler in einer deutschen Stadt stehen, würde man ganz gewiß nicht eine Erläuterungstafel anbringen, damit die Erinnerung an Hitler nicht verloren geht. Eine Stadt ist kein Museum für historische Lernprozesse, dazu sind Bibliotheken und Universitäten da. Die Namen der Straßen dokumentieren immer die gerade dominierende Gegenwart. So hieß in Wien die 1865 angelegte Ringstraße von 1870 bis 1919 ›Franzensring‹, von 1919 bis 1934 ›Ring des 12. November‹, von 1934 bis 2012 ›Dr. Karl Lueger-Ring‹ und seit 2012 ›Universitätsring‹. Je nach der politischen Machtkonstellation wurde also die Straße anders benannt und damit eine programmatische Richtung vorgegeben.

Antisemitischer Vogelanschlag

»Taube hat Synagogenfenster zerstört« liest man in der HAZ v. 16. November 2022, nachdem das Blatt über die vergangenen Wochen hinweg mehrfach über den angeblichen antisemitischen Anschlag auf die hannoversche Synagoge mit Artikeln, Kommentaren und vielen Fotos berichtet hat. Die Berichte aber waren das Ereignis, und wenn man gleich zu Anfang in einer knappen sachlichen Notiz von diesem Vorfall die Öffentlichkeit in Kenntnis gesetzt hätte, mit dem perspektivischen Vermerk, daß die Polizei nach allen Richtungen ermittele und es noch zu früh sei, einen Verdacht zu äußern, wäre die HAZ ihrer journalistischen Sorgfaltspflicht nachgekommen. So aber hat man überflüssigerweise eine alarmistische Stimmung erzeugt und spricht sich am Ende des absurden Theaters auch noch frei und gibt sich als Wachsamkeitswächter aus. Die Taube hat den Anschlag wohl überlebt, am Tatort wurde sie nicht gefunden, aber die HAZ berichtet aus diesem Anlaß nicht darüber, wie viele Vögel aufgrund mangelnder Schutztarnung auf den Glasflächen der vielen Fenster einer Stadt aufprallen und sterben. Dafür macht man die Entwarnungsmeldung mit der Schlagzeile auf, wonach eine Taube das Synagogenfenster »zerstört« hat, womit dem armen Vogel auch noch eine Intention unterschoben wird, aber nicht, daß er das Opfer menschlicher Behausungen wurde.

Unsterbliches Plastik

Die Kontroverse um die richtige Verteilung der gelben Tonnen in Hannover wird nichtig angesichts des neuesten Plastikberichts der Umwelt-Organisation Greenpeace, wonach in den USA lediglich 5% des anfallenden Plastikmülls tatsächlich recycled werden, während der gigantische Rest auf Dauer die Umwelt belastet. Es gibt sieben Sorten von Plastik, aber nur die beiden ersten Kategorien (Polyethylenterephthalat, PET und Polyethylen hoher Dichte, HDPE) sind recyclebar (und auch da ist der Prozentsatz sehr gering), die anderen Plastiksorten (darunter Kaffeebecher oder Kinderspielzeug) gelten nach der Klassifizierung der Federal Trade Commission als nicht wiederverwertbar. Selbst wenn jeder Haushalt jedes einzelne Stück Plastik separat sammeln und zu den sogenannten Wertstoffhöfen bringen würde, könnte dieses mühsam zusammengetragene Material nicht in den Wiederverwertungskreislauf eingespeist werden. Nun kann man sagen: Ja, die Amerikaner, das sind eben keine umweltliebenden Menschen, aber wir hier in der Bundesrepublik und ganz besonders in Hannover sammeln getreulich alle anfallenden Plastikverpackungen. Der Greenpeace-Report aber sagt nun eindeutig: Einen rationalen Grund für das Sammeln von Plastik gibt es nicht, es ist das Vorhandensein von Plastikverpackungen an sich, das sich zu einem unlösbaren Problem ausgewachsen hat.

Das arme Schwein

In den sechziger Jahren war es in der amerikanischen Gegenkultur üblich, die Polizei als Schweine (pigs) zu bezeichnen, die damals von vielen Karikaturisten gezeichneten Cops wurde mit Schweinegesichtern ausgestattet (Head Comix), Robert Crump gehörte zu den noch heute bekannten Künstlern, die diese Vertreter der Ordnungsmacht als Pig-Cops porträtierten.
Nun hat man auf der jetzigen Dokumenta ein Bildnis eines Mossads-Spions aufgehängt (und nach den Reaktionen der öffentlichen Meinung wieder abgehängt), das ein Schweinegesicht zeigt. Wozu die Aufregung?
Die öffentliche Meinung hat, weil gerade die ›Wittenberger Judensau‹-Darstellung vom Bundesgerichtshof als Teil eines Erinnerungsdenkmals (mit historischen Erläuterungen) anerkannt wurde, sogleich die Analogie Judensau und Mossad-Pig konstuiert, und es gilt in diesem Land bekanntlich das »Bekenntnis zum Staat Israel«, und so hatte die Kunst das Nachsehen. Dabei ist die Kunstsphäre noch die einzige Sphäre, wo es nicht um den Nachweis der Wahrheit geht, sondern der freie Ausdruck gilt und ohne diesen man solche Ausstellungen auch gleich ganz einstellen kann.
Ganz abgesehen davon, daß man bisher sich nicht um die armen Schweine gekümmert hat, die als Karikatur und Haßbild durch die Geschichte weitergereicht werden. Alles, was man ihnen nachsagt, hat sich als nicht richtig erwiesen. Aber der Mensch braucht ein Tier als Vergleichsmaßstab für seine Untaten, und so gibt es denn auch eine menschliche Sau. Schopenhauer hat seinen Pudel, wenn er nicht parierte, als »Du Mensch!« angeschnauzt. Vgl. Gerhard Polt: Eine menschliche Sau (CD, 2006).
»No question, now, what had happend to the faces of the pigs. the creatures outside looked from pig to man, and from man to pig, and from pig to man again; but already it was impossible to say which was which.« George Orwell: Animal Farm (1945).

Nachtrag 1.5.2023

Am 18. April 2023 brachte die FAZ eine einunddreißig Zeilen umfassende Meldung, wonach die Staatsanwaltschaft Kassel die Einleitung eines Ermittlungsverfahrens im Zusammenhang mit den auf der Documenta ausgestellten Kunstwerken eingestellt hat. Das Blatt hatte zuvor in einer Serie von langen Artikeln die Künstler des Antisemitismus bezichtigt und Maßnahmen gegen die Ausstellungsleitung verlangt. Nach dieser knappen Meldung erschien kein Artikel, in dem die Zeitung sich mit der Hetze gegen die Künstler und die Documenta-Ausstellungsleitung auseinandersetzt. Man hatte seine öffentliche Macht demonstriert und damit war der künstliche geschürte Skandal für die Presse erledigt.

Wkusno i totschka

Seitdem der russische Staat mit dem Überfall auf die Ukraine in seinem eigenen Selbstverständnis damit begonnen hat, zu Großrussland zu werden, haben ausländische Konzerne, um ihr Ansehen in der Welt bedacht, sich aus Russland zurückgezogen. So auch der amerikanische Konzern, der sich ›McDonalds‹ nennt, und der seit 1990 mit seinen Produkten die russischen Konsumenten mit Schnellfraß versorgt hatte. Wenn ein Staat gegen einen anderen Staat Krieg führt, weiß er natürlich auch, daß er das begründen muß — soviel Neuzeit muß sein — und im Falle der Schnellfraß-Restaurants mußte ein Ersatz her, der aber nicht nur die Konsumenten mit dem gleichen Produkt abspeist, sondern zusätzlich einen symbolischen Wert haben muß. Deshalb sollte statt McDonald die neue Abfütterungsstätte ›Bei Onkel Wanja‹ heißen, in Anlehnung an Anton Tschechows Theaterstück ›Onkel Wanja‹. Zwar ist der Protagonist Onkel Wanja ein russisches Kosewort für Wojnízkij, was Krieger bedeutet, was also durchaus zeitgemäß gewesen wäre. Doch muß es dann wohl Bedenken gegeben haben, daß diese Verneigung vor Tschechow zum vaterländischen Nachteil gerinnen könnte, denn ›Onkel Wanja‹ spielt in einer Endzeitstimmung, die Jahreszeiten geben nicht das her, was man von ihnen verlangt, die Ernte fällt aus und das Stück endet im tiefen Winter. Schließlich verfielen die neuen russischen Pommes Fritz-Produzenten auf den Namen Wkusno i totschka, was auf deutsch heißt: Lecker und Punkt. Was für eine Offenbarung! Lecker und Punkt müßte in einer anderen deutschen Übersetzung heißen: Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt! Das klingt denn schon vertrauter und entspricht vollkommen dem russischen Obrigkeitsgeist, der seine Konsumenten durchaus verköstigen will, aber nach der Art: Mäkeln ist nicht gestattet, Friß Vogel oder stirb!

Staatstragend und unphilosophisch

Wenn das Kriterium »viele Verbindungen zu Hannover« entscheidend sein soll, um eine Straße nach Helmut Schmidt zu benennen (Schmalstieg will Straße nach Helmut Schmidt benennen, HAZ, 12.2.2020) darf man vielleicht an den seit 1854 in Hannover lebenden jüdischen Arzt Louis Kugelmann erinnern, der bis zu seinem Tod im Jahre 1902 hier gelebt hat und 1899 von den SPD-Größen August Bebel, Wilhelm Liebknecht, Karl Kautsky und Paul Singer mit einem Besuch in seinem Haus geehrt wurde. Kugelmann ist heutigen SPD-Mitgliedern vielleicht kein Begriff mehr, aber er war es, der maßgeblich für die Verbreitung des berühmten ersten Bandes ›Das Kapital‹ (1867) von Karl Marx in ganz Deutschland gesorgt hat. Vor zwei Jahren feierte auch die Bundes-SPD den 200. Geburtstag von Marx und erinnerte dann doch wieder einmal daran, dass die Partei aus der Arbeiterbewegung hervorgangen ist. Doch Helmut Schmidt ist natürlich die sichere Verbindung zur heutigen SPD, staatstragend und unphilosophisch.

Ethische Kapitulation?

Der Leitartikel ›Der einsame Corona-Tod‹ von Thomas Holl (F.A.Z. v. 8. Februar 2021) beklagt die angebliche Gleichgültigkeit der Bevölkerung gegenüber dem einsamen Virustod und zitiert den CSU-Politiker Söder, der meint, dies sei eine »ethische Kapitulation«. In Krisenzeiten wird gern Moral in Anspruch genommen, und es klingt immer gut, wenn man Vorwürfe gegenüber einer anonymen Masse erhebt, die sich dagegen nicht wehren kann. Ganz sicher wird jedes einzelne Opfer von Covid-19 im Familienkreis betrauert, dazu bedarf es keiner Ermahnung durch die Politik und die Medien. Etwas anderes aber ist das ständige Herbeizitieren von Zahlen und Statistiken. Und wenn schon von den mehr als 61 000 Menschen die Rede ist, die bisher an dem Virus gestorben sind, dann sollte man auch Vergleichszahlen anbieten, so die gerade durch eine gemeinsame Studie der Universitäten von Harvard, Birmingham, Leicester und London ermittelten, wonach 2018 auf der ganzen Welt 8,7 Millionen Menschen an der Luftverschmutzung gestorben sind, die durch das Verbrennen von Öl und Kohle entstanden ist. Das ist die ethische Kapitulation vor den Interessen einer weltweit agierenden Industrie, die im Gegensatz zu einem Virus sehr sichtbar und identifizierbar ist.

Die Monotonisierung der Welt

Wenn der ›David Hume Tower‹ in Edinburgh »mit Rücksicht auf Empfindlichkeiten von Studierenden« (F.A.Z v. 14.9.2020) umbenannt worden ist (David Hume wurde als Rassist enttarnt) und in Ulm künftig die expressionistisch gestaltete Melchior-Figur (als Teil der Heiligen Drei Könige) nicht mehr zu sehen sein wird, weil das Kunstwerk mit »wulstigen Lippen« (F.A.Z. v. 8.10.2020) dargestellt wird, dann darf man dies als neuen Höhepunkt der Identitäts-Politik feiern, unter dem Signum ›Cancel Culture‹ sich in der politischen Zielrichtung weiter vereindeutigend. Es wird erst ein Ende haben, wenn alles vereinheitlicht sein wird, wenn die ›Monotonisierung der Welt‹ (Stefan Zweig, 1925) die kulturelle Stufe erreicht hat, wo es keine markanten Merkmale des Menschlichen mehr gibt. Wulstige Lippen als rassistisches Stereotyp? Für manche Zeitgenossinnen ist es ein erstrebenswertes Ideal und das Mittel dazu heißt Botox.

Na, dann ist ja alles klar!

Sagt ein Maskenträger zum anderen Maskenträger: »Die Maske schützt mich nicht, aber ich schütze durch das Tragen der Maske dich!« Erwidert der andere Maskenträger: »Die Maske schützt mich nicht, aber ich schütze durch das Tragen der Maske dich!« Nach einem Moment philosophischen Staunens zucken beide die Schultern und sagen: »Na, dann ist ja alles klar!« Sagt ein Maskenträger zum anderen: »Ich trage die Maske ganz gerne.« Sagt der andere Maskenträger: »Und wie oft reinigst du sie?« Erwidert der andere: »Na, das ist doch praktisch wie ein Winterschal, also nach dem Ende der Saison.« Sagt der andere Maskenträger: »Eigentlich sollte man sie gelegentlich waschen, aber da Viren sich im Größenbereich von etwa einhundert Nanometer bewegen, kann man sie deshalb nicht mit Feinstaub oder Tröpfchen vergleichen. Daher bleiben große Partikel wie Bakterien in einem Vlies hängen, die im Nanobereich schwirrenden Viren aber gehen glatt durch.« Sagt der andere Maskenträger: »Igitt, dann habe ich ja die ganze Zeit meinen kleinen Schnupfen direkt vor der Nase!« Erwidert der andere Maskenträger: »Die Maske schützt ja auch nicht dich, aber du schützt mich!« Nach einem Moment erneuten philosophischen Staunens sagen beide fast gleichzeitig: »Na, dann ist ja alles klar!«

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